Evangelikale und Israel

Jonah Goldberg, townhall.com, 9. Oktober 2002

Wie der Name Goldberg einigen andeuten dürfte, bin ich kein Experte für christliche Theologie.

Und, vielleicht im Gegensatz zu dem, was Sie aus dem Namen Goldberg schließen, bin ich auch keine Autorität, was jüdische Theologie angeht. Bitte vergeben Sie mir also, wenn ich einige doktrinäre i-Punkte nicht setzen sollte. Ich kann aber um nichts in der Welt heraus finden, warum so viele Juden sich derart aufregen, dass so viele Christen Israel lieben.

Lassen Sie mich das erklären. Viele evangelikale Christen nehmen die Bibel wörtlich, wenn sie sagen, dass die Juden Gottes „erwähltes Volk“ sind. Einige Juden denken genauso, allerdings überraschenderweise weniger, als man meinen sollte. Wie auch immer, weil Evangelikale das glauben, unterstützen einige von ihnen Israel aus einem felsenfesten Glauben, dass Gott das gesamte Land des biblischen Israel seinem erwählten Volk gab. Sie glauben auch – und das ist der heikle Teil – dass Christus nicht wieder kommen wird, bis die Juden Israel wieder gewonnen haben und die letzte Schlacht in der Endzeit beginnt.

Nach der biblischen Prophetie werden zwei Drittel der Juden am Ende der letzten Schlacht bei Armageddon sterben und das letzte Drittel wird sich bei seiner Rückkehr zum christlichen Glauben bekehren. Damit wird das tausendjährige Reich Christi beginnen.

„Die Juden sterben oder bekehren sich“, erklärte der Autor Gershom Gorenberg vor Kurzem in einer – ziemlich einseitigen – Ausgabe von „60 Minutes“. „Als Jude kann ich mich mit den Angaben von jemandem nicht anfreunden, der dieses Szenario erwartet.“ Gorenberg hat als liberaler Journalist ein Buch geschrieben: „Das Ende der Tage“. Es behandelt die Evangelikalen, die Israel lieben, aber er möchte, dass Israel sich von ihnen abwendet.

Es gibt viele pragmatische Einwände gegen die Hilfe der Evangelikalen; in erster Linie bestehen sie aus Sorge, dass die Unterstützung von konservativen Christen in Amerika die israelischen Falken ermutigt Kompromisse mit den Palästinensern zu vermeiden. Das ist ein vollkommen legitimes Argument, obwohl ich das nicht so recht einsehe. Aber es ist nicht das, das die meiste Aufmerksamkeit erhält.

Was so viele aufregt, ist, dass die Evangelikalen Israel aus religiösen Gründen unterstützen. Und natürlich wäre es netter – aus der jüdischen Sicht – wenn die Offenbarung ein schöneres Ende für die Juden zu bieten hätte. Aber erstens: Wenn Sie Jude sind (wie ich), warum sollte es Sie kümmern, was die christliche Prophetie sagt, wenn Sie nicht glauben, dass es eintreffen wird? Und, wenn es eintreffen sollte und Jesus auf die Erde zurück kommt um sein Königreich zu errichten, wer hat darüber zu entscheiden, ob ein paar Juden ihm zuhören oder nicht? Und wenn sich herausstellt, dass die Juden Recht haben und der Messias zum ersten Mal erscheint, ist es dann nicht möglich, dass er eine Erklärung für jedermann parat hat?

Niemand kann behaupten, seine biblische Interpretation könne Gottes Hände am Ende der Zeiten binden, denn die Menschen sind nicht mächtiger als Gott. Kurz gesagt: Überlasst die Details des Weltendes Gott, denn er ist der einzige, der dazu etwas zu bestimmen hat.

Aber kommen wir einen Moment zurück auf die Erde. Die Religionen anderer Leute sagen alle möglichen unerfreulichen Dinge über die Ungläubigen allgemein oder Juden im Besonderen; die für uns Menschen bedeutende Frage lautet, wie diese Leute ihre Theologie in moralisches Verhalten umsetzen, denn Moralität ist das Einzige, das wir objektiv beurteilen können.

In der Vergangenheit rechtfertigte angeblich authentisches, christliches Lesen der Bibel alle möglichen schlimmen Dinge, die den Juden angetan wurden. Sie können mich für verrückt halten, aber die Tatsache, dass Evangelikale glauben, die Bibel gebiete ihnen die Juden zu lieben und zu respektieren, erscheint mir historisch gesprochen ein riesiger Gewinn für den Stamm. Nur ein Dummkopf würde sich beschweren: „Ihr seid doch nur nett zu den Leuten, weil die Bibel es euch befiehlt!“

Wegen seiner fortgesetzten Mission, konservative Christen als das Ende der menschlichen Zivilisation darzustellen, porträtierte „60 Minutes“ die evangelikalen Unterstützer Israels als Karikaturen, denen vielschichtiges Denken unmöglich ist. Aber ich habe mit Dutzenden Evangelikalen gesprochen und ich erkannte die Leute nicht, die in „60 Minutes“ gezeigt wurden.

Ja, die Evangelikalen, von denen ich gehört habe, glauben, dass Israel einen wichtigen Platz in Gottes Plan hat und dass die Juden Gottes erwähltes Volk sind. Aber das ist für sie der Hintergrund, ein theologischer Zusammenhang, der es ihnen erlaubt, die Not der Juden verständnisvoll zu betrachten. Die meisten, von denen ich etwas höre, sprechen viel eher über Israel als Demokratie und Verbündetem als von einem Stolperstein für Armageddon.

Und wir sollten darauf aufmerksam machen, dass es nicht allzu wenige Israelis gibt, die glauben, dass Israel existiert, weil Gott es so wollte. Sie stimmen mit den Evangelikalen lediglich darin nicht überein, was Gottes Absicht ist. Und dieser Streit wird nur Gottes Fahrplan entscheiden.