Das neue Gesicht des Krieges

Daniel Pipes, The New York Post, 26. April 2003

„Man bekommt den Eindruck, dass die militärische US-Dominanz jetzt so überwältigend ist“, schreibt David Brooks im „The Weekly Standard“, „dass die Regeln für Konflikte neu geschrieben werden.“

Das werden sie in der Tat. Im Afghanistan-Krieg 2001 wie auch dem jetzt zu Ende gehenden im Irak sind traditionelle Kennzeichen der Kriegsführung auf den Kopf gestellt worden. Aber das ist nicht nur ein amerikanisches Phänomen; die gleiche Neuschreibung gilt auch für Israels Krieg gegen die Palästinenser. Zu den Veränderungen gehört unter anderem:

  • Wer ist der Feind: Krieg richtete sich gewöhnlich gegen ein ganzes Land; im Zweiten Weltkrieg z.B. wurden ganze Völker als „Hunnen“ und „Japse“ diffamiert. Heute unterscheiden die Behörden sehr sorgfältig zwischen der Regierung (den Taliban, Saddam Husseins Regime, Arafat) und dem Volk (Afghanen, Iraker, Palästinenser). Die Erstere ist der Feind; das Letztere möglicherweise freundlich gesinnt. Das führt zu – aus der Sicht der traditionellen Kriegsführung erstaunlichen – Entwicklungen, wie nach Afghanistan fliegenden US-Flugzeugen, die gleichzeitig Bomben für die Zerschlagung des Regimes und Lebensmittel zur Entlastung der Bevölkerung transportieren.
  • Wer wird gewinnen: Der Ausgang eines Krieges war gewöhnlich die alles überragende Frage. Heute, wo es „Westen gegen nicht-Westen“ heißt, stellt die große Unterschiedlichkeit bezüglich Wirtschaft, Technologie, Material, Ausbildung und Organisation praktisch einen Sieg des Westens sicher. Unter dieser Annahme konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf ganz andere Dinge, wie die Dauer der Feindseligkeiten und die Opferzahlen.
  • Verluste: In der alten Zeit versuchte jede Seite, dem Feind so viele Verluste wie möglich zuzufügen; heute versuchen westliche Armeen, die Verluste der anderen Seite möglichst niedrig zu halten. Als Antwort bringen nicht-westliche Herrscher manchmal ihrer eigenen Bevölkerung Verluste bei. Im Irak „versucht die verteidigende Armee, ihre eigenen Zivilisten in Gefahr zu bringen“, merkt Mark Bowden im „Philadelphia Inquirer“ an, während die angreifende Armee „zu vermeiden versucht, sie zu töten und zu verletzen“. Genauso operieren Arafats Terroristen routinemäßig aus Wohngebieten heraus und hoffen auf zivile Opfer.
  • Plünderungen: Noch 1918 bedeutete Sieg im Krieg, den Verlierer an den Bettelstab zu bringen. Mit Beginn des Marshall-Plans nach dem Zweiten Weltkrieg führte die US-Regierung den Präzedenzfall ein, für den Wiederaufbau des früheren Feindes zu zahlen. Das wurde schnell zur Norm, bis hin zu dem Punkt, dass es viele Beschwerden gibt, die Regierung Bush habe nicht genug für die Afghanen getan oder die Regierung Sharon nicht genug für die Palästinenser. Chuck Hagel, republikanischer Senator aus Nebraska, ist z.B. nicht zufrieden mit den US-Bemühungen in Afghanistan und verlangt dort „mehr Anstrengungen und mehr Arbeitskräfte“. Im Irak könnte der amerikanische Steuerzahler davor stehen, Dutzende von Milliarden von Dollars auszugeben.
  • Kampf, um der anderen Seite zu helfen: Traditionell kämpfte jede Seite ausdrücklich für ihre eigenen Interessen. Das ist nicht länger so: Der Name der Koalition für ihren Krieg gegen Saddam Hussein ist nicht „Operation keine Atomwaffen“ oder „Operation billiges Öl“, sondern „Operation Freiheit für den Irak“. Alte Annahmen über nationale Interessen scheinen schwach zu werden.
  • Der anderen Seite die Daumen drücken: Die Nationalität definierte einst die Loyalitäten; das ist nicht länger der Fall. Mit dem Burenkrieg 1899-1902, als das britische Empire die Afrikander in Südafrika bekämpfte, stellen sich wachsende Zahlen von Westlern gegen die Kriegsziele ihrer eigenen Regierungen. Diese Gefühle trugen wesentlich zur französischen Niederlage in Algerien und der der USA in Vietnam bei. Im Krieg gegen Saddam Hussein wünschten sich einige Amerikaner und Briten, dass die Koalition verlöre („Wir unterstützen unsere Soldaten, wenn sie ihre Offiziere erschießen“, hieß es auf einem Schild in den Straßen von San Francisco). Im Gegensatz dazu wünschten sich mehr als genug Iraker, dass die Koalition siegt („Yes, yes Bush, down, down Saddam!“).

Alles in allem summieren sich diese Änderungen zu einer Umwandlung der Kriegsführung. Auf wichtige Weise ähneln westliche Operationen gegen nicht-westliche Staaten eher Polizei-Razzien als Kriegsführung. Westliche Regierungen sind die Polizei, örtliche Tyrannen die Verbrecher und die ihnen unterworfene Bevölkerung die Opfer.

Schauen Sie sich die Parallelen an: Wie Kapos in Bandengebieten verschwanden Mullah Omar und Saddam Hussein (wird Arafat der nächste sein?). Der Ausgang dieser Operationen wird nicht bezweifelt. Die Rechte der Opfer sind genauso wichtig wie die Sicherheit der Polizei. Keine übermäßige Gewalt anzuwenden ist die höchste Sorge. Und die Linke geht mit den Verbrechern nachsichtig um.

Diese Verschiebungen deuten an, dass die westliche Kriegsführung sich grundlegend geändert hat und jetzt in unbekanntes Gebiet vorstößt. Glücklicherweise haben die beiden Demokratien an der vordersten Front dieser Art des Kampfes, die USA und Israel, kreative und humane Militärs, die sich als dieser Herausforderung würdig erweisen.