Gemeinsame Reise abgesagt

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 24. April 2018

Manche dramatische Ereignisse der Weltgeschichte können die Folge von Dummheit oder fast komischer Irrtümer sein. Dazu gehört der sogenannte Schabowski-Effekt, jener Zettel, durch den die Berliner Mauer fiel und es zum Ende der DDR kam. Auch Kriege entstehen durch vergleichbare kleine Fehler, für die am Ende niemand verantwortlich zeichnen möchte. „Zum ersten Mal in der Geschichte der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) reisen Mitglieder der Kirchenleitung gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern jüdischer Gemeinden nach Israel“, hieß es in einer Pressemitteilung von Peter Iven, dem Sprecher von EKiR.

Für einen deutschen Journalisten mit Sitz in Jerusalem ist das natürlich ein wichtiges und sehr erfreuliches Ereignis. Um aber nicht nur eine Pressemitteilung zu kopieren, gehört es zum täglichen Geschäft eines gewissenhaften Korrespondenten dazu, Hintergrund und weitere Informationen zu suchen. Auf der mitgelieferten Homepage der ev. Kirche im Rheinland entdeckten wir mit aktiver Unterstützung anderer sogar eine „Gottesdienst-Arbeitshilfe 70 Jahre Staat Israel“. Das Grußwort zu einem Artikel von Reiner Stuhlmann mit der Überschrift „70 Jahre Staat Israel – ein Datum im christlichen Kalender?“ mitsamt einem Hinweis auf die gemeinsame Reise mit dem Landesverband der jüdischen Gemeinden Nordrhein hatte Manfred Rekowski, verfasst, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Verantwortlich für das Papier von Stuhlmann zeichnete Dr. Volker Haarmann, der auch als einer der Organisatoren der gemeinsamen Reise angeführt war.

Obgleich es sich um das gleiche Thema, die gleichen Namen und um die gemeinsame Reise handelte, erklärte der Pressesprecher auf Anfrage: „Mit der Reise unserer Kirchenleitung teilt die Arbeitshilfe, auf die Sie Bezug nehmen, zwar den gemeinsamen Anlass ‚70 Jahre Staat Israel‘; in direktem Zusammenhang steht sie dazu ansonsten aber nicht.“

Diese Zusammenhanglosigkeit war nicht sehr einleuchtend. Deshalb schauten wir uns den Text des uns schon von früheren Hetzschriften durchaus bekannten Rainer Stuhlmann etwas genauer an und fertigten eine neutrale und sachliche Analyse seiner offiziösen Schrift der EKiR.

Stuhlmann behauptete zum Beispiel, dass es schon „palästinensische Christen“ gab, als Jesus von Nazareth gerade mal im Alter von 18 noch nicht einmal mit seinen öffentlichen Auftritten begonnen hat, lange vor Kreuzigung und Auferstehung. Auch die anderen Behauptungen Stuhlmanns waren klassische Fälle palästinensischer Propaganda mit dem Ziel, Israel und das Judentum zu delegitimieren.

Von kirchlicher Seite kam jedenfalls keinerlei sachliche Erwiderung auf die Analyse, aber intern löste dieser Text, ein „Erdbeben“ aus und ein Bemühen, Sahms „Kampfansage“ abzuwenden. Das wurde uns wie privat mitgeteilt. Die jüdischen Reiseteilnehmer hatten den Text am Freitag erhalten, also vor dem Sabbat. Telefonisch war am Montag zu erfahren, dass da heftig diskutiert werde. In jedem Fall sollte die Landeskirche aufgefordert werden, sich klar von der Hetzschrift des Rainer Stuhlmann zu distanzieren. Dazu war sie jedoch nicht fähig oder bereit.

Das alles ist inzwischen Vergangenheit. Der jüdische Landesverband sagte seine Beteiligung an der gemeinsamen Reise ab. In einer Pressemitteilung dazu schrieb Dr. Oded Horowitz: „Umso mehr hat uns der darin enthaltene Beitrag 70 Jahre Staat Israel – ein Datum im christlichen Kalender? bestürzt und traurig zurückgelassen. Die darin geäußerte Verunglimpfung des Staates Israel als brutale Besatzungsmacht und die Unterschlagung historischer Fakten sind für uns nicht hinnehmbar. Zur 70. Jubiläumsfeier der Gründung des Staates Israel auf die Lebenslage der palästinensischen Bevölkerung als direktes Resultat der Staatsgründung Israels zu verweisen, stellt das Existenzrecht Israels in Frage und hinterlässt einen faden Beigeschmack antizionistischer Stereotype.“

Auch die EKiR bedauerte in einer eigenen Pressemitteilung Nr. 72/2018 die Absage der Reise „durch den Jüdischen Landesverband“. Weiter heißt es darin: „Nachdem am Wochenende Kritik in Medien aufgekommen war, eine Arbeitshilfe der rheinischen Kirche für Gottesdienste anlässlich des israelischen Staatsgründungsjubiläums ignoriere historische Tatsachen und ergreife einseitig Partei für die Palästinenser, hat der Vorstand des Landesverbandes seine Teilnahme an der gemeinsam geplanten Reise nun kurzfristig abgesagt. Die Mitglieder der Kirchenleitung werden nun nicht nach Israel reisen, da das Anliegen, nämlich die Begegnung mit dem Landesverband und das gemeinsame Feiern des Jubiläums der israelischen Staatsgründung durch den überraschenden Rückzug des Landesverbandes hinfällig geworden ist.“ Präses Manfred Rekowski erklärte dazu: „Umso mehr bedauere ich die Entscheidung des Vorstands des Landesverbandes. Gerne hätten wir auch die Reise mit dem Landesverband für das Gespräch über diese kontroversen Themen genutzt. Dort, wo sachliche Kritik an der Arbeitshilfe geübt wird, beschäftigen wir uns selbstverständlich damit.“ Weiter behauptete der Präses, auch gerade im Grußwort zu der Arbeitshilfe deutlich gemacht zu haben, dass es unterschiedliche Rezeptionen zu Israel gebe. Doch auf die ungeheuerliche Behauptung von Stuhlmann, dass Israels Gründung ein Tag der Trauer sei, und dass jener Tag in den Kalender der christlichen Märtyrer aufgenommen werden sollte, geht er nicht ein. Die rheinische Kirche hat sich also nicht von Stuhlmann distanziert, sodass dem jüdischen Landesverband keine Wahl blieb, als die historische Reise abzusagen.

(C) Ulrich W. Sahm

 

PRESSEMITTEILUNG

Absage der gemeinsamen Reise der Evangelischen Kirche im Rheinland und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein nach Israel

Düsseldorf, 24. April 2018

Die geplante gemeinsame Reise der Evangelischen Kirche im Rheinland (EkiR) und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein vom 26.-29. April nach Israel findet nicht statt. Der Vorstand des Landesverbandes hat sich einstimmig zu der Absage entschieden. Eine Delegation des Vorstands und der Geschäftsführung wird in dieser Zeit dennoch Israel besuchen.

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein und die Evangelische Kirche im Rheinland arbeiten seit geraumer Zeit in einem konstruktiven Dialog zusammen. Das erklärte Ziel der Zusammenarbeit war und ist, den Dialog zwischen Christen und Juden in Deutschland zu verbessern sowie diesen zu einem besseren Verständnis für beide Seiten zu nutzen. Im Rahmen dieses Ziels entwickelte sich die Idee, eine gemeinsame Reise nach Israel zu unternehmen.

Hintergrund der nun kurzfristig erfolgten Absage ist ein Essay von Rainer Stuhlmann in der kürzlich veröffentlichten EKiR-Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin auch im christlichen Kalender?“. „Wir wissen es sehr zu schätzen, dass die Evangelische Kirche im Rheinland als einzige evangelische Landeskirche anlässlich des 70. Jubiläums des Staates Israel eine Arbeitshilfe herausgegeben hat. Wir sehen darin einen Beleg des langjährigen konstruktiven Dialogs miteinander“, so der Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, Dr. Oded Horowitz. „Umso mehr hat uns der darin enthaltene Beitrag 70 Jahre Staat Israel – ein Datum im christlichen Kalender?  bestürzt und traurig zurückgelassen. Die darin geäußerte Verunglimpfung des Staates Israel als brutale Besatzungsmacht und die Unterschlagung historischer Fakten sind für uns nicht hinnehmbar. Zur 70. Jubiläumsfeier der Gründung des Staates Israel auf die Lebenslage der palästinensischen Bevölkerung als direktes Resultat der Staatsgründung Israels zu verweisen, stellt das Existenzrecht Israels in Frage und hinterlässt einen faden Beigeschmack antizionistischer Stereotype.

Dies führte zu einer Hinterfragung der Grundlage unserer gemeinsamen Unternehmung. Dass es sich um einen namentlich gekennzeichneten Beitrag und nicht um eine Grundlagenerklärung der Landeskirche handelt, hat mir Präses Manfred Rekowski in persönlichen Gesprächen versichert. Zur Aufrechterhaltung der gemeinsamen Reisepläne wäre für uns eine unmissverständliche Erklärung der Kirchenleitung bzw. Distanzierung zu dem Artikel notwendig gewesen, die genau dies ausdrückt. Nachdem hierzu kein Übereinkommen erzielt werden konnte, haben wir uns als Vorstand des Landesverbandes entschieden, die gemeinsame Reise nicht anzutreten. Wir stehen jedoch weiterhin für die regelmäßig stattfindenden Konsultationen mit der EKiR zur Verfügung und hoffen, den wichtigen und konstruktiv-kritischen Dialog in diesem sinnträchtigen Jubiläumsjahr zu einem gegebenen Zeitpunkt wieder aufnehmen zu können.“

Inzwischen sind die Planungen für eine eigene Israel-Reise des Landesverbandes anlässlich des Staatsjubiläums und als Zeichen der Solidarität mit Israel angelaufen.

 

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Mit freundlichen Grüßen,
Michael Rubinstein
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