Die Krawalle am Gaza-Grenzzaun als operationelle Kampagne

Genralmajor (a.D.) Gershon Hacohen, BESA Center Perspectives Paper Nr. 821, 3. Mai 2018

Palästinenser, die am Marsch der Rückkehr teilnehmen – Screenshot aus einem YouTube-Video.

Zusammenfassung: Wenn es um die Verteidigung der Grenze zum Gazastreifen gegen die physische Bedrohung geht, ist die Verantwortung des Generalstabschef und des Kommandeurs Süd eindeutig und gut erfüllt. Das stellt jedoch keine ausreichende Antwort auf die Bemühungen der Hamas dar, die Ereignisse am Grenzzaun in einen strategischen Erfolg zu drehen.

Juden haben seit Generationen existenzielle Ängste und das Potenzial für existenzielle Gefahr ist zum Hauptkriterium geworden, über das israelische Führungskräfte tendieren Bedrohungen auszuwerten – einschließlich des Ausmaßes, wie bedeutend sie strategisch sind. Auf Grundlage dieses Kriteriums entschied Premierminister Yitzhak Rabin mit Unterstützung von Sicherheitsexperten, dass Terrorismus keine existenzielle Bedrohung darstellt.

Wenn eine Bodenoffensive regulärer Armeen der Maßstab für eine existenzielle Bedrohung darstellt, dann werden die von Terrorismus dargestellten Gefahren – von Ereignissen, wie sie derzeit entlang der Gaza-Grenze stattfindenden Ereignisse – nicht als existenziell betrachtet. Dass die Hamas aber diese Ereignisse als Sprungbrett für einen strategischen Erfolg nutzt, könnte wichtige Konsequenzen haben.

Eine strategische Bedrohung erfordert eine strategische Antwort, eine, die Vorbereitungen für einen multidimensionalen Feldzug beinhaltet, der auf nationaler Ebene mit den kompletten Ressourcen und Fähigkeiten des Staates Israel geführt wird. Eine strategische Antwort dieser Art muss vier Grundaspekte der Situation thematisieren:

  • Die Veränderung in der Wirklichkeit und die Internalisierung neuer Trends identifizieren. Die Ereignisse entlang des Zauns stellen eine neue operationelle Kampagne gegen Israel da, die die Hamas direkt und auf zentralisierte Weise führt. In der Öffentlichkeit wird die Kampagne mit ihrem gut gemachten Bühnenbild als unbewaffnete zivile Revolte präsentiert. Auf der verborgenen Ebene ist sie jedoch komplett von der Hamas inszeniert, es wird durchdacht die Verwendung der Mittel der neuen Kriegsführung mit einem Blick auf die Beeinflussung dreier Schauplätze psychologischer Wahrnehmung gemacht: die palästinensische, die israelische und die internationale.

    In eindrucksvoller professioneller Fertigkeit und in Koordination mit globalen Netzwerken, darunter BDS-Elementen, wird sich auch besonders bemüht die Ereignisse in die sozialen Netzwerke zu streamen. Als erste Bühne der strategischen Bewertung muss die Veränderung als neue Art von Kampagne identifiziert werden, am maßgeblichsten die Entwicklung der Marke als „Marsch der Rückkehr“. Denn während die Hamas den die Zweistaatenlösung stützenden Oslo-Prozess nie akzeptiert hat, erfordert die explizite Vermarktung der Kampagne als Bemühung Israel zu vernichten – was die wahre Bedeutung des „Rückkehr“-Slogans im palästinensischen und arabischen Diskurs ist – ohne eine internationale Opposition hervorzurufen, dass die israelische Führung intensiv eine effektive Gegenstrategie diskutiert.

  • Erfassung der neuen Situation und Anfertigung eines umfassenden, gut ausgestalteten theoretischen Ansatzes. Um mit Kritik am Handeln der IDF durch die israelische extreme Linke und westliche öffentliche Meinung im Allgemeinen fertig zu werden, muss man eine theoretische Grundlage entwickeln, die auf die Herausforderungen des neuen Krieges zugeschneidert ist. Im Verlauf des letzten Jahrzehnts hat die Verwendung von Zivilisten als operationelle Kriegslist eine wichtige Rolle in Konfliktzonen angenommen. Die russische Regierung zum Beispiel nutzt örtliche Separatisten aus der Zivilbevölkerung, um den Krieg in der ukrainischen Region Donjetsk anzuführen. Genauso nutzt Beijing tausende ziviler Fischerboote in seinen Bemühungen seine Souveränität über das südchinesische Meer auszudehnen. Die Kombination aus offener Verwendung von Zivilisten und der verdeckten Verwendung des Militärs in unterstützender, untergeordneter Rolle ist das, was diesem Phänomen seine trügerischen Charakteristika gegeben hat. Im Westen wird dies als „Hybrid-Kriegsführung“ beschrieben. Russisches militärisches Denken, das in der Zweideutigkeit, die in der Kombination von Zivilisten und Soldaten einen inhärenten Vorteil sieht, verweist auf dieses Phänomen als „Kriegsführung der neuen Generation“.

    Auf nie da gewesene Art haben die russischen Behörden einem Vortrag von Generalstabschef Walery Gerassimow an der Russischen Akademie für militärische Wissenschaften im Januar 2013 öffentlich gemacht. Der inzwischen in der militärischen Welt als „Gerassimow-Doktrin“ bekannte Vortrag artikulierte einen modus operandi, den die Russen einige Zeit lang anwandten, wie sich in den jüngsten Kampagnen in Georgien (2008), auf der Krim und der Ukraine zeigte. Diese Feldzüge nutzen die Kombination militärischer Gewalt und ziviler Aktivitäten überlegt und effektiv. Bei den Kämpfen in Georgien waren zum Beispiel Panzerkräfte dank der Anstrengungen russisch orientierter georgisch-abchasischer Zivilisten in der Lage in den Norden des Landes einzufahren; diese nahmen in einem vorbereitenden Schritt die Tunnel und Brücken der Schnellstraße ein, die zur Hauptstadt Tbilisi führt.

    Vor diesem Hintergrund müssen die Bilder von der Konfrontation entlang des Gaza-Zauns nicht so interpretiert werden, dass IDF-Einheiten zivile Proteste zu unterdrücken, sondern als IDF-Einheiten, die die Kindergärten und Zivilisten der Kibbuzim Nahal Oz und Kerem Schalom beschützen, die etwa 200 Meter vom Zaun entfernt liegen und von einer Terrororganisation in zivilem Gewand bedroht werden.

    Diese revidierte theoretische Grundlage wird helfen die gegen IDF-Soldaten gerichteten falschen Beschuldigungen aus einer neuen Perspektive zu entkräften. Sie wird zum Beispiel die potenzielle Bedrohung erklären, die sich gegen israelische Zivilisten in Grenzgemeinden durch scheinbar unbewaffnete, gewalttätige Protestierende richtet und wie diese Bedrohung die Einsatzregeln rechtfertigt. Sie wird erläutern, warum es keine Alternative zum Gebrauch von Scharfschützenfeuer gibt und warum nicht tödliche Waffen und Standardmittel zur Zerstreuung von zivilen Demonstrationen auf die Umstände dieser Bedrohung nicht anwendbar sind.

  • Organisationelle Strukturen von Veränderungen anpassen. Eine neue Herausforderung macht die Neubewertung der organisationellen Struktur der Vereinbarkeit mit der sich verändernden Realität nötig. Israel führte solch eine Neubewertung durch, als es sich auf den einseitigen Abzug aus dem Gazastreifen im Sommer 2005 vorbereitete. Zusammen mit der Organisation von Einheiten und gemeinsamen Kommandosystemen für die IDF und die israelische Polizei wurden in Regierungsministerien aufgabenspezifische Verwaltungen geschaffen, um die große Bandbreite an Themen über den militärischen Einsatz in Angriff zu nehmen. Gleichfalls erfordert die fortlaufende Kampagne entlang des Gazastreifens eine besondere organisatorische Reaktion auf nationaler Ebene.

    Während der Verantwortung des Generalstabschef und des Kommandeurs Süd eindeutig und gekonnt erfüllt wird, muss der organisatorische Ansatz an die Anforderungen der psychologischen Arena mit all seinen rechtlichen, diplomatischen und öffentlich-diplomatischen Aspekten angepasst werden. Die Sprecher-Einheit der IDF, das Außenministerium und der öffentlich-diplomatische Apparat im Büro des Premierministers können natürlich die Verantwortung für den Bereich der Wahrnehmung behalten. Während die Herausforderung sich intensiviert, braucht es eine besondere neue Organisation zur Mobilisierung der vollen Reichweite der Fähigkeiten für Anstrengungen auf der nationalen Ebene Israels.

  • Planung und Management des Bemühens in Übereinstimmung mit einer strategischen Zielvorgabe. Eine Operation solchen Ausmaßes erfordert präzise und überlegte Einstimmung mit dem strategischen Zweck, dessen Tauglichkeit ständig neu bewertet werden muss, während die Kampagne sich entwickelt. Das wird zudem einen neuen Plan nötig machen, um die humanitäre Not im Gazastreifen zu lindern, ebenso einen neuen politischen Ansatz, der Gaza als de facto-Staat betrachtet und in Übereinstimmung mit israelischen Interessen bestrebt ist seinen Status als unabhängige politische Einheit zu stärken, die von der palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah getrennt ist.

Soweit ich weiß müssen die Vorbereitungen auf nationaler Ebene für die notwendige strategische Anstrengung – in vier Bereichen – erst noch ausgeführt werden müssen. Im Licht der von durch die Hamas bestehende neue Herausforderung, die wahrscheinlich in den kommenden Wochen eskalieren werden, kann man die Dringlichkeit solcher Vorbereitungen nicht überbewerten.