Stand der jüdische Tempel wirklich auf dem Tempelberg?

Adam Eliyahu Berkowitz, Breaking Israel News, 25. April 2018

Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker.
(Jesaja 2,2 – Zürcher Bibel
)

Ein Modell des zweiten heiligen Tempels Foto: Shutterstock.com)

Eine bereits gründlich widerlegte Theorie, dass die beiden jüdischen Tempel nicht auf dem Tempelberg in Jerusalem standen, gewinnt derzeit in der christlichen Welt an Boden.

Dein neues Video von „Cry for Zion“ erklärt, warum wir wissen, dass die Tempel auf dem Tempelberg standen und dass es für Christen unerlässlich ist mit der heiligsten Stätte der Juden eine Verbindung zu haben.

Cry for Zion ist eine Nichtregierungsorganisation aus Juden und Christen, die für jüdische Rechte auf dem Tempelberg eintreten; zu ihr gehören Doron Keidar, der Gründer von Cry for Zion, sowie John Enarson, der für christliche Beziehungen zuständige Kreativdirektor der Organisation. Ihre Motivation das Video zu produzieren, wurde als Reaktion auf Robert Cornukes Bestseller-Buch mit dem Titel „Temple: Amazing New Discoveries that Change Everything About the Location of Solomon’s Temple“[1], das 2014 veröffentlicht wurde. Nach Cornukes Theorie standen beide jüdischen Tempel weiter südlich in einem Gebiet, dass heute als Ir David (Davidstadt) bekannt ist. Stattdessen stand ein massives römisches Fort an der Stelle, die heute als Tempelberg bekannt ist.

Cornuke legt eine Theorie vor, die Zweifel auf den jüdischen Anspruch auf den Tempelberg wirft. Zusammen mit den UNESCO-Resolutionen, die den Tempelberg als ausschließlich muslimische heilige Stätte bezeichnen, fürchtet Keidar, dass der jüdische Anspruch auf ihre heiligste Stätte bedroht ist.

Cornukes Theorie wurde kritisiert, weil er keine archäologische Grundlage hat und den historischen Berichten der Zeit der Tempel widerspricht, zum Beispiel dem des Flavius Josephus, eines römisch-jüdischen Gelehrten des ersten Jahrhunderts, der den Berg als Ort des Zweiten Tempels anführt. Obwohl das von Archäologen und Bibelforschern definitiv widerlegt wurde, hat die Theorie des alternativen Standorts des Tempels weiterhin eine Gefolgschaft in einigen Segmenten der christlichen Gemeinschaft.

„Im Unterbewusstsein wollen die Christen glauben, dass die Juden an der falschen Mauer klagen“, sagte Enerson, ein Christ, der an der Scandinavian School of Theology gegenüber Breaking Israel News. „Sie wollen glauben, dass das jüdische Volk falsch lag und vielleicht wissen die Christen etwas, das die Juden nicht wissen.“

Als Jude betrachtet Keidar diese Kritik der jüdischen Tradition anders.

„Es gibt bei Christen eine geläufige Fehlvorstellung, dass Juden den Tempelberg nach der Zerstörung des zweiten Stempels durch die Römer im Jahr 70 n.Chr. aufgegeben hätten“, erklärte Keidar. „Das eröffnet die Möglichkeit, dass die Juden nicht wirklich wissen, wo die Tempel tatsächlich standen.“

Keidar gesteht ein, dass er diese Theorie für wahr hielt. Neugier ließ ihn die historische Glaubwürdigkeit dieser Überzeugung untersuchen, dass die jüdische Tradition gebrochen wurde und das Wissen über den Standort des Tempels zweifelhaft ist.

„Ich war überrascht zu entdecken, dass wir eine durchgehende jüdische Präsenz auf dem Berg hatten, ebenso auf dem Ölberg östlich des Berges Zion gegenüber dem Tempelberg“, sagte Keidar. „Dank dieser lückenlosen Kette sind wir bezüglich des Standortes des Tempels absolut sicher. Es ist für Christen wichtig anzuerkennen, dass wir den Tempelberg nie aufgegeben haben.“

Ein weiteres Motiv dafür an die Theorie eines alternativen Standorts des Tempels zu glauben, ist altruistischer.

„Manche Menschen, die an einen anderen Standort glauben, denken, dass wir in der Lage sein würden den Tempel morgen wieder aufzubauen, weil er nicht am selben Ort wie der Felsendom steht“, sagte Keidar gegenüber Breaking Israel News. „Die Christen, die sagen, dass die Tempel in Silwan (dem Schiloh-Teich) standen, glauben, die Araber würden uns mit offenen Armen empfangen den Tempel dort zu bauen.“

Keidar wurde in Israel geboren und aufgezogen. Er diente als Soldat in der Givati-Brigade der IDF. Er lehnte die Möglichkeit es ab, dass ein alternativer Standort zu einem heutigen Neubau des Tempels führen würde.

„Das islamische Konzept der Waqf verhindert, dass die Araber irgendwo Land aufgeben, wenn Muslime es einmal im Namen Allahs erobert hatten“, erklärte Keidar. „Die Christen, die glauben, dass den Tempel irgendwo anders zu verorten ist, meinen es gut, aber sie verstehen die Muslime nicht. Sie werden nie erlauben einen jüdischen Tempel an irgendeinem Ort zu bauen, den sie als muslimisch betrachten, selbst wenn es sich um ein heute leeres Feld handelt.“

Keidar hat das Gefühl, der stärkste Grund dafür, dass Christen die widerlegte Theorie unterstützen auf einem Vers des Neuen Testaments beruht. Im Matthäus-Evangelium kommt Jesus mit seinen Aposteln in den Tempel. Als sie ihn verließen, deutete Jesus auf das Gebäude und sagte: „Seht ihr das alles? Kein Stein wird hier auf dem anderen bleiben, alles wird niedergerissen werden.“[2]

Das stellt die Christen vor ein Problem, erklärte Keidar. „Die Christen sehen die Kotel (Westmauer) und die anderen Stützmauern des Tempelbergs und dass die immer noch stehen. Also ist entweder Jesus ein Lügner oder die Archäologen lügen. Angesichts dieser Alternativen entscheiden sich Christen für den Glauben an Jesus statt für die Fakten.“

Keidar glaubt, dieser Text sollte nicht problematisch sein.

„Im Kontext gesehen scheint es klar, dass Jesus am wahrscheinlichsten auf die tatsächlichen Tempelgebäude verwies und nicht auf die Umfassungsmauern“, sagte Keidar. „Bezüglich des Tempelbaus erwies sich seine Vorhersage als präzise.“

Cry for Zion erstellte das Video in der Hoffnung, dass weitere Christen motiviert werden, eine Verbindung zum Tempelberg aufzubauen.

„Den Tempelberg abzulehnen ist das letzte Gefecht der Ersetzungstheologie“, erklärte Enarson. Die Ersetzungstheologie ist der Glaube, dass das Christentum das Judentum im Bund zwischen Abraham und Gott ersetzte und war ein Kerndogma des Christentums. Im Anschluss an und wegen des Holocaust lehnten einige christliche Mainstream-Theologen und Konfessionen die Ersetzungstheologie ab.

„Die Ersetzungstheologie abzulehnen bedeutet zu akzeptieren, dass Gott sich nicht ändert“, erklärte Enarson. „Gott brach seinen Bund nicht. Christen beginnen dies zu Judentum und Israel anzuerkennen, aber sie sind noch nicht allgemein bereit das bezüglich des Tempels und des Tempelbergs zu tun, weil es zu ihnen eine negative Wahrnehmung in der Christenheit gibt. Sie können nicht akzeptieren, dass die in diesen Ort investierte Heiligkeit Gottes immer noch dort ist.

Enarson glaubt, dass es für Christen essenziell ist ihre Sichtweise zu ändern und eine Verbindung zum Tempelberg zu bekommen.

„Von Anfang bis Ende der Evangelien-Berichte war Jesus ständig mit dem Tempel verbunden“, schreibt Enarson auf der Seite von Cry for Zion. „Jesus war nicht nur mit dem Berg des Hauses Gottes verbunden, er war diesbezüglich absolut leidenschaftlich.“

[1] Erstaunliche neue Entdeckungen, die alles zum Ort von Salomos Tempel ändert

[2] Matt. 24,2