Die Nakbas

Ich wünschte, diese Leute hätten die Hälfte des Mitgefühls, das sie für die Palästinenser haben, für die Millionen, die wirklich von imperialer Macht unterdrückt wurden und immer noch unterdrückt werden.

Ben Mazzig, Jerusalem Post, 3. Mai 2018

Libanesen armenischer Herkunft tragen Schilder und armenische Flaggen in Rabieh im Libanon während eines Protests zum Gedenken an den 101. Jahrestag der Massentötung von Armeniern (Foto: Reuters)

Diesen Mai und jeden Mai betrauern Palästinenser überall in der Welt, was inzwischen 70 Jahre „zionistischen Imperialismus“ und der „Nakba“ (Katastrophe) ist, die sie erlitten haben.

Sie werden die fiktiven Geschichten von „weißen“ jüdischen Europäern hören, die kamen und das Land der einheimischen „braunen“ Palästinenser kolonisierten, alles im Kontext europäischer Kolonisation und weißen Herrenmenschentums.

In der Tat wird weltweit eine Menge Lärm um den „sexy“ israelisch-palästinensischen Konflikt gemacht. Die Palästinenser (damals die arabische Gemeinschaft) und ihrer Fürsprecher sind extrem lautstark. Aber in der Debatte über das, was den Palästinensern in ihrer Katastrophe geschah oder auch nicht verloren sind die Geschichten der Dutzende Millionen – ja Dutzende Millionen – Opfer von Völkermord, Vertreibung und Zwangsassimilierung (kultureller Völkermord) durch arabischen und türkischen Imperialismus.

Meine Familie sind Berber-Juden auf väterlicher Seite und irakische Juden auf der meiner Mutter. Beide wurden aus ihren Ländern vertrieben und wegen dieser Verfolgung kam es, dass ich diese weithin unberichteten Geschichten kennenlernte. Im Verlauf der Zeit habe ich gelernt, dass viele andere Gruppen in Massen verfolgt wurden, ohne Entschädigungen oder „Rückkehrrecht“; und die Weltgemeinschaft schweigt (und schwieg). Warum dieses zweierlei Maß? In den letzten 150 Jahren gab es „Nakbas“ für die, die in Nordafrika, dem Nahen Osten und dem östlichen Mittelmeer einheimisch waren.

Die ungefähre Zahl der Opfer von Völkermorden, von denen man nur selten hört, umfasst:  die Assyrer (300.00 0von 1914-1920), Armenier (1,5 Millionen von 1914-1923), Kurden (50.000 bis 180.000 von 1986-1989), Griechen (450.000 bis 750.000 von 1913-1920), Jesiden (10.000 alleine 2014, weitere Zahlen unbekannt) und die Sudanesen in DArfur (300.000 von 2003-2009).

Zu den Opfern von Vertreibung und Verfolgung, was zu Emigration führte, gehörten: libanesische Maroniten (8 bis 14 Millionen Libanesen in der Diaspora, 4 Millionen im Libanon), assyrische Christen (15 Millionen in der Diaspora und Syrien) und die Armenier unter dem türkischen Imperium (heute 11 Millionen in der Diaspora).

Im Libanon und Syrien wurden gezielt Nationalitätsgesetze geschaffen, die Christen von der Rückkehr ausschließen, was eine muslimisch-arabische Mehrheit in diesen Ländern sicherstellte.

Aus jüdischen Gemeinden in Nordafrika und dem Nahen Osten wurden 850.000 Juden vertrieben oder zur Flucht gezwungen. Zusätzlich haben eine Million Kopten Ägypten verlassen.

Doch selbst dort, wo es keine Vertreibungen oder Emigration gab, gab es weit verbreitete Verfolgung.

Wer hört von der Zwangsassimilierung der Berber, Kurden und Sudanesen? Seit den 1960-er Jahren haben diese Gemeinschaften in Schulen und Regierungsinstitutionen unter erzwungener Arabisierung gelitten. Berber zum Beispiel wurde in Algerien 2002 offizielle Sprache; vor 2002 war Kurdisch in türkischen Medien verboten; und Apartheidgesetze gegen jüdische Gemeinschaften im Jemen diktierte, dass jüdische Kinder ihren Familien weggenommen und Muslimen zu Zwangskonversion übergeben wurden. Es gibt zahlreiche ähnliche Beispiele von Handeln gegen jüdische Gemeinschaften im gesamten Nahen Osten – selbst im späten 20. Jahrhundert. Bis heute hat es seitens der Tätern dieser abscheulichen Verbrechen keine Entschädigung gegeben.

Wie ich am Anfang vermerkte, gibt es keine Geschichten, die Sie in der Zeitung oder an den Universitäten oder auf schicken Partys in London oder Paris und gewiss nicht auf Al-Jazira, AJ+, im türkischen Fernsehen und leider nicht einmal in den internationalen Mainstream-Medien hören werden.

Stattdessen werden CNN, BBC und Nahoststudien-Fakultäten rund um den Globus Ihnen erzählen, dass der Nahe Osten seit Anbeginn der Zeit türkisch, arabisch und iranisch ist. Dieselben Journalisten werden eloquent darüber reden, dass diese Völker das Opfer europäischer und zionistischer Aggression gewesen sind, wobei sie durchgängig jede andere Gruppe in der Region ignorieren.

Als wäre das nicht genug, werden sie, legt man ihnen die historischen Realitäten vor, wie die Türken und Araber im gesamten Nahen Osten Gemeinschaften unterdrückten, diese Verbrechen des Kolonialismus reinwaschen, indem sie behaupten die Imperien der Araber und später die osmanischen Türken seien friedlich und tolerant gewesen, hätten Minderheiten erlaubt aufzublühen; sie werden sogar so weit gehen zu sagen, dass Europäer die Türken und Araber zur Gewalt brachten.

Sie strebten Unabhängigkeit von den Imperien an. Das stimmt für die Armenier, Georgier, Assyrer, Kurden, Juden und die libanesischen Christen. Und vor ihnen sogar für die Griechen und die Serben. Und ja, viele dieser kleineren Gruppen an Völkern appellierten an Westeuropa ihnen zu helfen.

In Reaktion auf das nationale Erwachen dieser kleineren Gruppen im späten 20. Jahrhundert strebten die imperialistischen Nationen – die Türken, Araber und Iraner – nicht nur danach ihre Macht zu erhalten, sondern sie beanspruchten sogar das Land dieser Nationen in einem Prozess, der Irredentismus heißt. In einer Umkehr des Narrativs behaupten diese imperialen Völker der Region (insbesondere die Türken und Araber), die nach Unabhängigkeit strebenden Nationen würden ihnen Land stehlen und Gewalt einsetzen, um es wiederzubekommen.

Von den 1880-er Jahren bis 1923 wollten die Pan-Türken nicht nur die verschiedenen türkischen Völker zu einen, sondern sie hatten auch eine zentrale Rolle bei der Beanspruchung der Orte, die Türken als Siedler-Kolonialisten erobert hatten – Armenien, Teile Griechenlands und die assyrischen Teile der heutigen Türkei. Sie waren zudem Anstifter von Völkermorden in diesen Gegenden, wenn ihrer Herrschaft unterworfene Gruppen irgendein Zeichen des Strebens nach Unabhängigkeit zeigten, auch bei den Griechen, Assyrern und Armeniern.

Türken stellten sicher, dass die verbliebenen Kurden und Assyrer Zwangsassimilierung unterworfen wurden und sie vertrieben alle Griechen und Armenier aus der Türkei.

Pan-Araber, die ebenfalls ab den 1880-er Jahren aktiv waren, beanspruchten Gebiete, in denen Araber unter Siedler-Kolonialismus im Mittelalter und manchmal später gesiedelt hatte, als ursprünglich arabische Heimatländer.  Indem sie den Briten halfen das Osmanische Reich zu besiegen, positionierten arabische Führer sich für die Übernahme multikultureller Länder und der Verfolgung ihrer eigenen imperialistischen Ziele.

So zwangen Pan-Araber den Assyrern, Berbern, Maroniten und ägyptischen Kopten arabische Kultur auf. Bis zu den 1940-er Jahren hatten sie die Arabische Liga gegründet und versucht ganz Nordafrika und den Nahen Osten zu arabisieren. Eigentlich unterschieden sich die Pan-Araber – noch mehr als die Pan-Türken – von den Pan-Germanen, z.B. indem sie nicht arabische Völker als prinzipiell arabisch akzeptierten, obwohl sie sie in der Praxis immer noch als anders betrachteten.

Daher die Politik der Arabisierung und Zwangsassimilierung.

Fakt ist, dass alle indigenen Völker des Nahen Ostens – von den Kurden über die Assyrer bis zu den Juden und den Maroniten, von denen viele bereits durch Massenmord verkleinert – beim Versailler Vertrag anwesend waren und ihre nationale Selbstbestimmung beanspruchten.

Von all diesen Völkern waren nur die Juden und die Armenier (beide unter der Herrschaft rivalisierender Reiche, die Juden unter den Briten, die Armenier unter den Russen) in der Lage Unabhängigkeit zu erlangen.

Während wir uns dem 15. Mai nähern, werden zahllose Aktivisten eine PR-Kampagne forcieren, um den palästinensisch-arabischen Flüchtlingen des arabisch-israelischen Konflikts zu gedenken. Ich wünschte diesen Völker hätten die Hälfte des Mitgefühls, das sie für die Palästinenser haben, für die Millionen, die wirklich von imperialer Macht unterdrückt wurden und noch werden.