Palästinensischer Antisemitismus: Oberflächlich, weit verbreitet und nicht ganz verstanden

Auf diese Weise manifestiert sich Antisemitismus in der palästinensischen volkstümlichen Kultur

Seth J. Frantzman, Jerusalem Post, 4. Mai 2018

2014 nahm der palästinensische Professor Mohammed Dajani eine Gruppe Studenten mit auf einen Besuch in Auschwitz. Das hätte ohne weitere Aufmerksamkeit stattfinden sollen. Stattdessen fand sich der Professor inmitten einer Kontroverse an der Al-Quds-Universität wieder, wo er eine zentrale Figur in im Programm der American Studies war. Die Atmosphäre wurde so giftig, dass er die Universität verließ.

Als er von der Reise zu den Stätten des Holocaust sprach sagte er dem Guardian: „Ich fühlte, das gab für uns Palästinenser etwas Wichtiges aus diesem Ereignis zu lernen, zum einen, weil es historisch falsch ist es zu leugnen und auch weil es moralisch falsch ist es zu ignorieren.“ Doch andere Palästinenser betrachteten einen Besuch in Auschwitz als etwas, das das „zionistische“ Narrativ bestätigt und als „Kollaboration“ mit Israel.

Es gibt ein Janus-Gesicht dazu wie Antisemitismus sich in palästinensischen Medien und Politik manifestiert. ER existiert im Mainstream, tritt aber auf individueller Ebene weniger häufig auf. Wenn er an die Oberfläche tritt, dann resultiert er in Kommentaren wie denen, die PA-Präsident Mahmud Abbas von sich gab. Ich weiß das, weil ich Jahre lang an einer palästinensischen Universität lehrte und nie unter Antisemitismus litt, aber antisemitische Sprachbilder hörte ich oft.

Am Montag sagte Abbas dem palästinensischen Nationalrat, die „soziale Rolle“ der Juden hätte zu Antisemitismus in Europa geführt. Seine Worte sind inzwischen im gesamten Westen und in Israel als niederträchtig und inakzeptabel verurteilt worden. Aber sie werfen eine größere Frage auf. Abbas‘ Kommentare tauchten nicht einfach plötzlich auf. Er schrieb 1982 eine Doktorarbeit, die den Zionismus angriff und der Kollaboration mit den Nazis beschuldigte. Abbas verurteilte zudem 2014 in einer Erklärung den Holocaust als eine „Spiegelung des Konzepts ethnischer Diskriminierung und des Rassismus, die die Palästinenser heftig ablehnt und gegen sie vorgibt“.

Als Abbas am Montag seine Rede hielt, verursachte sie wenig Kontroverse innerhalb des Publikums und es gibt breit gestreutes Bestreiten, dass Antisemitismus ein Problem innerhalb der palästinensischen Gesellschaft ist. Eine Studie von 2006 zu „Judeophobie im Kontext: Antisemitismus unter modernen Palästinensern“ stellte zum Beispiel fest, dass „Palästinenser manchmal in ihrer Wahrnehmung des Konflikts [mit Israel] klar zwischen Zionismus (oder Israel) und Juden unterscheiden, es aber auch Fälle gibt, in denen nicht unterschieden wird, die die Verbreitung allgemeiner Feindschaft gegenüber Juden erlaubt“.

Es ist wichtig hier den größeren Zusammenhang zu sehen. In einer globalisierten Welt, die durch das Internet verbunden ist, ist Antisemitismus nicht auf eine einzelne Gesellschaft wie z.B. die Palästinenser beschränkt, er ist Teil eines viel größeren kulturellen Milieus. Mahathir Mohamad, der ehemalige [und gerade neu ins Amt gekommene – heplev] Premierminister von Malaysia, hielt 2003 vor der Organisation der Islamischen Zusammenarbeit eine antijüdische Rede. „1,3 Milliarden Muslime können nicht von ein paar Millionen Juden besiegt werden“ sagte er. Sie haben jetzt die Kontrolle über die mächtigsten Länder gewonnen.“

Niemand im Publikum protestierte. Später verglich Mohamad noch einen seiner Rivalen mit „kleinen Goebbels“. Es gibt eine Mainstreaming des Antisemitismus in Teilen der islamischen und arabischen Welt über die sozialen Medien. Aber das Mainstreaming hat eine bizarre Seite. Es beinhaltet antisemitische Redewendungen, Holocaust-Leugnung und Beschuldigungen an Isarel, ws gehe mit den Palästinensern um wie die Nazis mit den Juden. Wie die zwei zusammenpassen – Holocaust-Leugnung und Israel zu beschuldigen, es sei nazi – ist schizophren.

Gleichermaßen widersprüchlich schient die Präsenz von Hakenkreuz-Graffiti in Palästinensergebieten und dass Mein Kampf auf den Straßen Ramallahs manchmal offen zum Verkauf steht. Doch auf jede Andeutung, dass dies weit verbreiteten antijüdischen Gefühlen gleichkommt, wird mit Überraschung reagiert.

Eine Studie des US-Außenministeriums aus dem Jahr 2016 vermerkt: „Im Gazastreifen und der Westbank gibt es Fälle, in denen Medienorgane, besonders solche, die von der Hamas kontrolliert werden, Material veröffentlichten und ausstrahlten, die Antisemitisches beinhalteten, das manchmal auf Aufstachelung zu Gewalt hinausläuft.“

Der Antisemitismus der Hamas ist integraler Bestandteil des Gründungsdokuments der Organisation. „Die Juden, Brüder von Affen, Prophetenmörder.“

Die Hamas geschuldigt den Zionismus zudem Teil einer internationalen Verschwörung zu sein, die die Freimaurer und Rotarier eint und behauptet, dass Juden hinter Kommunismus und Nationalsozialismus stecken. Her werden Juden einmal mehr nicht zu den Opfern des Nationalsozialismus, sondern beschuldigt auch noch Nazis zu sein.

Doch wie bekundet sich das in der Gesellschaft? Ich lehrte mehrere Jahre lang an einer palästinensischen Universität und spürte nie Antisemitismus.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine antijüdischen Ansichten gibt. Mir wurde z. B. gesagt, Juden hätten massiven Einfluss in Amerika, ihre Bevölkerung ist riesig und irgendwie kontrollieren sie das Land. Das ist der „Grund dafür, dass die USA Israel unterstützen , glauben einige Palästinenser.

Die „Nakba“ ist immer mit dem Holocaust verbunden, als würde es einen Wettbewerb um das  Leiden geben oder irgendeine Art quid pro quo: „Israelis bestreiten die Nakba, also bestreiten wir den Holocaust.“ Sie sagen, nur wenn die beiden Seiten akzeptieren, dass die Schoah und die Nakba dasselbe sind, kann eine Diskussion geführt werden.“

Nach meiner Erfahrung gab es nu rin Elitekreisen eine Tendenz „Juden“ und „Zionisten“ und „Israelis“ zu unterscheiden, als wenn die drei separaten Kategorien seien. Und selbst in elitären und intellektuellen Kreisen gab es nicht viel Verständnis der Unterschiede. Juden sind Zionisten und Israelis. Es gibt auch Generationenunterschiede.

Beispielsweise sagte Palästinenser, mit dem ich über dieses Thema sprach, die globalen Medien, insbesondere islamistische Medien, seien für die Verbreitung von Antisemitismus bei den Palästinensern verantwortlich gewesen. „Diese Niveau an Antisemitismus gab es vor der Bildung der palästinensischen Autonomiebehörde 1993 nicht und er stieg bestimmt nicht mit der Verbreitung des Antisemitismus an [Medien-] Orten wie Al-Jazira [Arabisch] an.“ Das wurde auch zu einem Problem in der Diaspora, sagte er.

Die Kommentare von Abbas werden bereits als noch eine weitere Möglichkeit dargestellt, wie Israel den Westen dahin manipuliert hat den Palästinenserführer zu verurteilen. Es gibt wenig Anerkennung durch die palästinensische Öffentlichkeit oder andere Führer, dass die Besessenheit mit „Juden“ Teil eines antisemitischen Musters ist.

Von den Hakenkreuzen im Gazastreifen zu den Hakenkreuzen in der Westbank gibt es ein Problem. Abbas hielt im Dezember eine ähnlich beleidigene Rede, in der er behauptete: „Im heiligen Koran wird erwähnt, dass sie [die Juden] Wahrheit fabrizieren“; dieser Kommentar bleib ohne Protest und wurde weithin unbeachtet.

So manifestiert sich allgemein der Antisemitismus in der palästinensischen Volkskultur. Ein Wort hier, ein Satz da, ein Kommentar. Aber er meist nicht mehr als Fassade getrennter und beleidigender Kommentare. Er wird nicht als nachhaltig ernst betrachtet. Deshalb habe ich in der Westbank Graffiti gesehen, in denen das Hakenkreuz direkt neben dem kommunistischen Hammer und Sichel erscheinen. Habt ihr nicht erkannt, dass die beiden Symbole sich miteinander im Krieg befinden? Nein.

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