Dear Germany: Hast du irgendetwas gelernt?

Dennis Prager, 2. April 2003

Wie viele Amerikaner und fast alle Juden wuchs ich mit einer großen Wut auf eure Land auf. Aber als junger Mann begann ich meine Ansichten zu den Deutschen zu überdenken. Gegen die Wünsche fast aller, die ich kannte – von denen die meisten nicht einmal ein deutsches Produkt kaufen würden – entschied ich mich nach Deutschland zu reisen. Mein Besuch 1968, im Alter von 20 Jahren, war der erste von mindestens einem Dutzend Reisen in euer Land.

Fakt ist: Ich wurde zu jemandem, der euch verteidigte.

Ich argumentierte, dass es falsch ist irgendeinen Deutschen, der während des Krieges jünger al s13 Jahre alt war, moralisch für die furchtbaren Verbrechen eures Landes verantwortlich zu machen. Ich wählte das Alter von 13 Jahren, weil das im Judentum das Alter der moralischen Schuldfähigkeit ist. Ich argumentierte 1968, dass jeder Deutsche, der damals unter 40 Jahre als war, als unbescholten gelten müsse und wir sollten nicht bei jedem Deutschen über 40 das Schlimmste annehmen.

Ich argumentierte, weil Volkswagen und Mercedes dem arabischen Boykott trotzten und Geschäfte mit Israel machten, sollten Juden deutsche Produkte nicht boykottieren.

Ich argumentierte, dass ihr im Kalten Krieg Gegenüber dem Sowjet-Kommunismus treue Verbündete ward.

Ich argumentierte, was am wichtigsten überhaupt war, dass Deutsche sich ihrer Nazivergangenheit schämten und große moralische Lektionen daraus gelernt hatten.

Das letzte Argument, erkenne ich jetzt, war eher Hoffnung als Fakt. Es gibt keine Frage, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen sich des Nationalsozialismus und des Holocaust schämen. Heute bin ich mir aber genauso sicher wie traurig, dass ihr nichts über Gut und Böse daraus gelernt habe und das ihr heute moralisch genauso verwirrt seid wie ihr es ward, als ihr Hitler unterstützt habt. Nicht weil ihr böse seid, sondern weil ihr nicht in der Lage seid das Böse zu erkennen.

Das ist atemberaubend. Anders als die Japaner, die ihre Gräuel gegenüber den Chinesen und Koreanern ignoriert haben, habt ihr euch eurem Bösen gestellt. Ihr habt die nächsten Generationen der Deutschen über den Nationalsozialismus und den Holocaust gelehrt.

Daher ist es unfassbar, dass all die Bildung zum Bösen eine Generation hervorgebracht hat, die davor zurückschreckt das Böse zu beurteilen, geschweige denn sich ihm entgegenzustellen. Es übersteigt das Vorstellungsvermögen, dass eine Nation, die nur dadurch vom Nationalsozialismus befreit wurde, dass Armeen Krieg führten, den Pazifismus umklammern würde, dass eine Nation, die erlebte, zu welchem Übel das Appeasement führt, dieses jetzt übernimmt.

Ich war sicher, dass einige deutsche Führungspersönlichkeiten aufstehen und sagen würden: „Liebe deutsche Mitbürger, wir erkennen einen Hitler, wenn wir ihn sehen und Saddam Hussein ist einer.“ Aber kein Deutscher stand auf, um das zu sagen. Stattdessen setzte einer eurer Führungspolitiker den amerikanischen Präsidenten mit Hitler gleich.

Ich war sicher, dass einige deutsche Führungspersönlichkeiten aufstehen und sagen würden: „Liebe deutsche Mitbürger, wir erkennen völkermörderischen Antisemitismus, wenn wir ihn sehen und wir sehen ihn in der arabischen Welt.“ Aber auch hier stand keine deutsche Führungspersönlichkeit auf und sagte das.

Wenige von uns erwarteten irgendetwas von den Franzosen. Von den Jakobinern und der Guillotine über das Dreyfus-Verfahren und das Vichy-Regime zu de Gaulles Rückzug aus der antikommunistischen NATO hat Frankreich mit wenigen Ausnahmen kaum etwas getan, das moralisch ist und nichts, das mutig ist. Die Geringschätzung, die viele Amerikaner lange für Frankreich empfunden haben, ist lediglich verstärkt worden.

Aber ich glaube, dass ich im Namen vieler Amerikaner spreche, wenn ich sage, dass wir mehr von euch erwarten. Wegen dem, was wir nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Krieges für euch gemacht haben. Weil ihr, gerade ihr, wisst, das Amerikaner anständige Leute sind. Und besonders, wegen eurer Erfahrung mit dem Bösen. Wie konntet ihr einen Hitler hervorbringen und nur eine Generation später einen weiteren nicht erkennen? Wie konntet ihr aus erster Hand über Folterkammern und Kinderschreie Bescheid wissen und nicht schmerzhaft wollen, dass das in einem anderen Land beendet wird? Wie könnt ihr auch auf die Seite eines amoralischen Frankreich gegen euren Freund Amerika stellen?

Es gibt, so scheint es, nur eine Antwort: Aus dem Nationalsozialismus habt ihr nichts gelernt. Statt zu lernen, dass das Böse bekämpft werden muss, habt ihr gelernt, dass zu kämpfen böse ist.

Advertisements

2 Gedanken zu “Dear Germany: Hast du irgendetwas gelernt?

  1. Ich lebe in Österreich und beschäftige mich viel mit der Geschichte. Persönlich verstehe ich die deutschsprachigen Völker nicht wirklich. Man sieht die Geschichte, man sieht die Vergangenheit – aber verschließt vor ihr die Augen.
    Umso dankbarer bin ich für die jüdischen Familien in meinem Wiener Bezirk – freundliche, nette Leute – hochwertige Qualität in den Läden.

    Meine Großeltern lebten im Waldviertel – nahe der tschechischen Grenze – nach der Besatzung russische Zone. Ich danke bis heute JEDEM Amerikaner, der sein Leben riskiert hat für uns alle, dass wir eigentlich jetzt ein gutes Leben führen könnten.

    Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist – aber ich sehe immer mehr jüdische Mitbürger, die etwas zu spüren scheinen. Wohin die deutschsprachigen Völker sich entwickeln? ich weiß es nicht. Aber ich weiß eines – wenn die Juden aus Österreich fliehen – dann ist es wie damals (vielleicht sogar noch schlimmer).

    Danke für diesen Schlußsatz:
    „Statt zu lernen, dass das Böse bekämpft werden muss, habt ihr gelernt, dass zu kämpfen böse ist.“
    Jüngere Generationen in deutschsprachigen Gebieten haben Angst um ihre Freiheit zu kämpfen! Lieber verkriechen und hoffen, dass es nicht so schlimm wird. Lieber verstecken und sich vor jenen auf die Knie werfen, die alte Wunden erneut reißen.

  2. Es allen recht zu machen ist eine Kunst, die auch ein Deutscher nicht beherrscht.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.