Israelischer Masochismus und niederländische Heuchelei

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Es gibt radikale kulturelle Unterschiede darin, wie Länder, auch Demokratien, ihre Vergangenheit lehren. Ich erfuhr in der Schule in den Niederlanden viel über Niederländisch-Indien – das spätere Indonesien – das damals noch Kolonie war. Aber uns wurde nichts über den Java-Krieg Mitte des 19. Jahrhunderts gelehrt, als das niederländische Militär zweihunderttausend Einheimische tötete, von denen zehntausende Zivilisten waren.[1]

Im Gegensatz dazu besuchte mein ältester Enkel eine Oberschule in Jerusalem und erhielt die Aufgabe über das Massaker von Deir Yassin zu schreiben. Die offizielle Version lautet, dass während intensiver Kämpfe rund 200 Araber, darunter Zivilisten, von Kämpfern der Irgun Zwai Leumi getötet wurden. Die tatsächliche Zahl liegt bei etwa der Hälfte.[2] Die Gräuel wurden aus politischen Gründen von Juden wie von Arabern übertrieben.[3] Warum wurde meinem Enkel diese Aufgabe gestellt? Deir Yassin war nicht typisch für die Art, wie Israel einen Krieg um sein Überleben führte.

Viele extreme niederländische Kriegsverbrechen wurden im Geschichtsunterricht der Niederlande verheimlicht oder bagatellisiert. Ich erfuhr ein wenig über den Krieg von 1873-1914 in Aceh in Niederländisch-Indien. Die Kolonisatoren töteten geschätzte hunderttausend Einheimische.

Hendrik Colijn war als Leutnant dort. Er solle später fünfmal niederländischer Premierminister werden.[4] Im November 1894 schrieb er seiner Frau, dass er in Übereinstimmung mit der allgemeinen Politik seinen Soldaten befohlen hatte neun Frauen und drei Kinder zu töten, die um Verschonung baten.[5] Das ist nur ein Beispiel von vielen.

2017 veröffentlichte der niederländisch-schweizerische Historiker Rémy Limpach ein 870 Seiten starkes Buch über niederländische Kriegsverbrechen, die in den zwei sogenannten „Polizeiaktionen“ 1947 und 1948 in Niederländisch-Indien an Unabhängigkeitskämpfern und kriminellen Banden verübt wurden. Er kam zu dem Schluss, dass niederländische Kriegsverbrechen struktureller Natur waren und nicht zufällig erfolgten, wie bis dahin behauptet wurde. Das Buch führt viele Beispiele von Niederländern an, die Brandstiftung, Folter und Gefangenenerschießungen begingen, ebenso Frauen und Kinder töteten. Es wurde mehrfach rezensiert, aber es gab keine größeren Reaktionen in der niederländischen Gesellschaft.

In den späten 1960-er Jahren wurde der offizielle Historiker der Niederlande, Cees Fasseur, damit beauftragt diese „Polizeiaktionen“ zu untersuchen. Er gestand später ein, dass die Recherche oberflächlicher Natur war.[6] Erst heute, wo alle niederländischen Täter tot oder sehr alt sind, ist eine bedeutende Studie der Entkolonisierungsperiode begonnen worden.

Über viele Jahrzehnte hinweg kümmerten niederländische Kriegsverbrechen niemanden. Der niederländische  Hauptmann Raymond Westerling hatte den Auftrag Teile der Insel Sulawesi zu „befrieden“. 1974 erzählte er einem Journalisten über einem Glas verdünnten Whiskys, dass er persönlich Richter von 350 Gefangenen vor einem Kriegsgericht war, die er nachher hinrichtete.[7] Seit 1971 war Dries van Agt, der später niederländischer Premierminister werden sollte, Justizminister. Gegen Westerling wurde nichts unternommen. Van Agt ist in den Niederlanden der Haupthetzer gegen Israel.

1969 wurde ein Interview mit Westerling, in dem er Kriegsverbrechen zugab, gefilmt. Alle niederländischen Fernsehsender lehnten die Ausstrahlung ab. Es wurde schließlich 2012 gezeigt.[8]

1987 schrieb der Historiker Ad van Liempt einen Artikel über einen Massenmord während der Polizeiaktionen, der 364 Tote in Niederländisch-Indien zurückließ.[9] Er sagte mir, es habe keine Reaktionen gegeben. 1997 schrieb er das Buch Der Zug der Leichen, das berichtet, wie die Niederländer fast die Hälfte der niederländisch-indischen Gefangenen verhungern ließen, die in einem Zug transportiert wurden. Van Liempt erzählte mir, dass viele es skandalös fanden, dass er darüber ein Buch schrieb.[10] Ein mir bekannter Filmemacher erstellte 1995 einen Film über die Massentötungen an hunderte Männern im Dorf Rawagade durch die niederländische Armee. Er sagte mir, dass die Einheimischen sich erinnerten, dass es auch in nahe gelegenen Dörfern ähnliche Verbrechen gab.[11]

In seinem Buch My  Promised Land (Mein verheißenes Land) aus dem Jahr 2013 berichtet Ari Shavit die Geschichte einer angeblich vorsätzlichen Tötung arabischer Zivilisten durch israelische Streitkräfte im Juli 1948 in Lod. Drei israelische Akademiker – Martin Kramer, Efraim Karsh und Benny Morris – erörterten Shavits Behauptungen. Keiner der drei betrachtet dessen Version als korrekt.[12] Der New Yorker veröffentlichte vor einigen Jahren eine gekürzte Version von Shavits Kapitel.[13] Der Redakteur hätte die Ausgaben seiner Zeitung ein ganzen Jahr lang mit mörderischen niederländischen Kriegsverbrechen füllen können, die in Indonesien in etwa den gleichen Jahren stattfanden.

1995 flohen niederländische UNO-Soldaten in die kroatische Hauptstadt Zagreb; sie kamen aus der bosnisch-muslimischen Stadt Sebrenica, das sie schützten. In einem Völkermord durch die Besatzer töteten bosnische Serben 8.000 Muslime. Ein niederländisches Gericht befand die niederländische Seite als für hunderte der Morde verantwortlich.[14] Der niederländisch Historischer Henri Beunders schrieb, dass niederländische Soldaten, während die Bosnier knietief in Blut standen, in Zagreb bis zu den Knöcheln in Bier standen und Applaus von ihrem Kronprinzen, dem Premierminister und dem Verteidigungsminister erhielten, die alle von dem knietiefen Blut wussten.[15]

Während einer Schlacht in Afghanistan nahe Chora töteten niederländische Soldaten 2007 schätzungsweise 50 bis 100 Zivilisten.[16] Die niederländische Regierung gesteht ein, dass sie nicht weiß, wie viele Zivilisten in der Zeit von 2006 bis 2010 von ihren Flugzeugen und Hubschraubern in der afghanischen Provinz Uruzgan getötet wurden.[17]

2018 gab die niederländische Regierung zu, dass ihre Flugzeuge im Krieg gegen ISIS im Irak und Syrien Zivilisten töteten. Während die USA, Großbritannien und Australien Informationen über die Tötung von Zivilisten in diesem Krieg lieferten, lehnen die Niederländer es ab das zu tun.[18]

Die niederländische scheinheilige Kultur des Umgangs mit den eigenen schwarzen Flecken der Vergangenheit hebt sich von der masochistischen israelischen Kultur der Betonung dessen, was man falsch gemacht hat, ab – die Taten der Israelis erblassen neben den niederländischen Verbrechen. In diese Kultur passt, dass aufeinander folgende niederländische Regierungen es stur abgelehnt haben das enorme Versagen ihrer Exilregierung in London während des Zweiten Weltkriegs gegenüber den verfolgten und ermordeten niederländischen Juden einzugestehen. Alle anderen westeuropäischen Länder, einschließlich Monacos und Luxemburgs, haben das getan. Mehrere davon haben sich zudem bei ihren jüdischen Staatsbürgern entschuldigt.

[1] Manfred Gerstenfeld interviewt Frank van Vree, “Hoe Nederlands collectieve Oorlogsherinnering zich ontwikkelde.” Aleh, September 2018.

[2] https://blogs.timesofisrael.com/deir-yassin-the-end-of-a-myth/

[3] https://besacenter.org/perspectives-papers/deir-yassin-nakba-war-crimes/

[4] https://://historiek.net/hendrikus-cohttpslijn-premier-crisisjaren/69176/

[5] http://www.nrc.nl/nieuws/1998/06/18/colijn-en-de-koloniale-oorlog-7403557-a1118402

[6] http://www.groene.nl/artikel/de-excessennota-moet-opnieuw

[7] Rolf Boost: Westerling spreekt voor de laatste maal: Ik was geen luitenant Calley. Panorama, 1971.

[8] http://www.ad.nl/binnenland/kapitein-westerling-geeft-oorlogsmisdaden-1947-toe~ab110a1b/

[9] Manfred Gerstenfeld interviewt Ad van Liempt: Onvermoeibaar op zoek naar Feiten. Aleh, April 2018; Ad van Liempt: De massamoord van Galoeng Galoeng. in: bijlage Vrij Nederland, 31. January 1987.

[10] Manfred Gerstenfeld interviewt Ad van Liempt: Onvermoeibaar op zoek naar Feiten”, Aleh, April 2018.

[11] Persönliche Kommunikation mit Alfred Edelstein.

[12] https://mosaicmagazine.com/essay/2014/07/what-happened-at-lydda/

[13] http://www.newyorker.com/magazine/2013/10/21/lydda-1948

[14] http://www.reuters.com/article/us-warcrimes-bosnia-srebrenica-idUSKBN19I0XZ

[15] http://retro.nrc.nl/W2/Lab/Srebrenica/130796opi.html

[16] http://www.telegraaf.nl/nieuws/2168198/defensie-aangeklaagd-om-slag-bij-chora

[17] http://www.volkskrant.nl/nieuws-achtergrond/onbekend-aantal-afghaanse-slachtoffers-door-nederlandse-bommen~b163fec0/

[18] http://www.rtlnieuws.nl/nederland/gevolgen-van-vernietiging-is-door-nederlandse-bommen-blijven-geheim

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