Vergleich: hebräische und arabische Wikipedia-Einträge zum Krieg von 1973

Prof. Hillel Frisch, BESA Center Perspectives Paper Nr. 992, 31. Oktober 2018

IDF-Panzer überqueren den Suez-Kanal während des Kriegs 1973 (Foto über IDF Flickr)

Zusammenfassung: Fast ein halbes Jahrhundert nach dem Yom Kippur-Krieg ist es aufschlussreich zu festzustellen, wie von den Hauptprotagonisten an den Krieg erinnert und er verstanden wird

Für Israelis ist es der Yom Kippur-Krieg. Für Ägypter ist es der Oktober- (Tishrin), Ramadan oder Freiheitskrieg. Vor 45 Jahren ausgekämpft, behält der Krieg für beide Gesellschaften eine Bedeutung, die weit über viele andere Kriege hinaus geht. In Israel ist der Krieg von 1973 eine Quelle sowohl des Streits als auch des Stolzes. Auch in Ägypten ist er eine Quelle des Stolzes – und noch wichtiger, er ist eine Quelle der Rechtfertigung für Kairos Entscheidung von diesem Zeitpunkt an aufzuhören Krieg gegen Israel zu führen.

Fast ein halbes Jahrhundert später ist es aufschlussreich festzustellen, wie man sich seitens der Hauptprotagonisten an den Krieg erinnert und ihn versteht. Ein Vergleich zwischen gut geschriebenen und gut dokumentierten Wikipedia-Einträgen zum Krieg, einer auf Hebräisch und einer auf Arabisch, ist ein guter Weg die grundlegenden Bewertungen des Krieges in der jüdischen und in der arabischen Gesellschaft zu beurteilen.

Natürlich ist der Vergleich nur zulässig, wenn die beiden Einträge nicht nur bloße Übersetzungen von einander sind. Das sind sie nicht, wie ganz einfach durch die unterschiedlichen Quellen festgestellt werden kann, die sie zitieren. Der hebräische Eintragt zitiert Arbeiten auf Hebräisch und Englisch, einschließlich Quellen wie den Memoiren von Sa’ad al-Din Shazli, dem ägyptischen Stabschef, auf Arabisch geschrieben und später ins Englische übersetzt. Der arabische Eintrag zitiert Quellen in Englisch und Arabisch, darunter solche, die in Hebräisch geschrieben und später ins Englische übersetzt wurden. Der arabische Eintrag enthält eine Quelle auf Russisch.

Beide Einträge leiden damit unter demselben Defizit, dass sie von Experten geschrieben wurden, die nicht die Sprachen beider Protagonisten kannten. Das ist für viele wissenschaftliche Arbeiten zum Krieg charakteristisch und ein Hindernis für die Objektivität.

Dass die Einträge von Experten geschrieben wurden, steht außer Zweifel. Beiden sind gut geschrieben; sind in angemessene Untersektionen organisiert; bieten reichlich politischen Hintergrund; und analysieren politische Unterschiede innerhalb der politischen, Entscheidungen treffenden Elite (die arabische zumeist auf der arabischen Seite, der hebräische Eintrag auf der israelischen Seite) und ihre Auswirkungen auf Strategie und den Ausgang der Schlacht. Der Eintrag auf Arabisch bietet Landkarten der US Army auf Englisch, die in der Militärakademie West Point archiviert sind.

Die beiden Einträge sind akademisch so beeindruckend, dass eine Übersetzung des Arabischen zur ersten Woche des Krieges – entlehnt man die unterschiedlichen Titel der Einträge, Yom Kippur-Krieg für den hebräischen, Oktoberkrieg für den arabischen Eintrag – ins Hebräische, dann würde der durchschnittliche israelische Leser kaum in der Lage sein festzustellen, dass die Quelle in Arabisch geschrieben worden war.

Das ist vom Ende der zweiten Woche des Krieges des Eintrags zur ägyptischen Front nicht der Fall, als die Ägypter anfingen Rückschläge einzustecken. Die Behauptung, ein Spionageflugzeug SR-71 der US-Luftwaffe sei am 13. August über die gesamte ägyptisch-israelische Front geflogen und habe später der israelischen Seite Informationen für ihre Gegenoffensive geliefert wird im hebräischen Eintragt nicht erwähnt.

Während er hebräische Eintrag reichliche Dokumente sowohl des massiven sowjetischen Luftbrücke zu ihren ägyptischen und syrischen Verbündeten liefert und die US-Luftbrücke am 14. Oktober begann, widmet der arabische Eintrag zur sowjetischen Luftbrücke nur einen Absatz, im Vergleich dazu der amerikanischen nach Israel vier. Die Hilfe aus den USA wird beschrieben „als der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg mit den neuesten Waffen, die Israel retteten“, während die Sowjets vor dem Krieg sicherstellten, dass ihre arabischen Verbündeten mit relativ altem Gerät ausgestattet wurden. Dieser Satz ist völlig von der ansonsten objektiven Beschreibung der Ereignisse des israelischen Gegenangriffs losgelöst, der am 15. Oktober begann und mit dem Übergang israelischer Streitkräfte auf die westliche Seite des Suezkanals und der Einkesselung der ägyptischen Dritten Armee auf seiner Ostseite endete.

Das kurze Abgleiten in politische Fiktion durch den Autor/die Autoren des arabischen Eintrags kann politischer Fügsamkeit in die offizielle Linie zugeschrieben werden, dass die Rückschläge eine Folge der Intervention der USA waren, nicht die Mängel der ägyptischen Strategie und Leistung. Der Eintrag verdeutlicht die Diskussion zwischen den ägyptischen Generälen an der Front (Stabschef Shazli und die Kommandeure der Zweiten und Dritten Armee) und dem Kriegsminister Ahmad Isma’il. An anderer Stelle erklärt der Eintrag, dass Sadat aus politischen Gründen eine ägyptische Präsenz auf dem Ostufer des Nils[*] haben wollte, selbst wenn das bedeutete die Dritte Armee zu opfern.

Was die Auswirkungen des Krieges angeht, so erstreckten sie sich nach Angaben des arabischen Eintrags bis hin zur „Befreiung von Taba“, dem kleinen Gebiet südlich von Eilat, das Israel 1989 abgab, sowie den Oslo-Vereinbarungen und dem jordanischen Friedensvertrag. Im hebräischen Eintrag scheinen die wichtigen Auswirkungen interner Natur gewesen zu sein: der Schmerz massiver Verluste; die Agranat-Kommission; und die Ma’hapacha-Wahlen von 1977, in denen zum ersten Mal in der Geschichte des jüdischen Staates die Mapai und ihre Verbündeten durch eine Likud-Regierung verdrängt wurden. Taba, die Oslo-Vereinbarungen und der jordanische Friedensvertrag werden im hebräischen Eintrag nicht erwähnt.

Der Eintrag auf Arabisch, geschrieben mit einer ägyptischen Neigung, war erpicht darauf zu betonen, dass nicht nur Ägypten Frieden mit Israel schloss und dass der Krieg Friedensschlüsse durch andere arabische Akteure ermöglichte. Ein kurzer Abschnitt, der die Palästinenserfrage als Schlüsselproblem identifiziert, das noch gelöst werden muss, hat keine Parallele im hebräischen Eintrag.

Beide Einträge enden interessanterweise mit Abschnitten zur Memorialisierung des Krieges. Der hebräische Eintrag diskutiert israelische und ägyptische Kultur, während der arabische Eintrag so ausgeschmückt ist,, dass er auch syrische einschließt.

Insgesamt offenbart ein Vergleich der beiden Einträge, dass Einsicht und Vernunft auf beiden Seiten überwiegt, das sie versuchen dieses wichtige Ereignis zu verstehen. Das gibt Grund zu Hoffnung, dass die lange Ära des (kalten) Friedens zwischen Israel und Ägypten andauern wird.

[*] Anmerkung d. Übersetzers: Hier scheint mir ein Fehler vorzuliegen, denn das soll offensichtlich das Ostufer des Suezkanals sein.

Advertisements