Sie wollen siegen. Wir auch?

Vic Rosenthal, Abu Yehuda, 9. Mai 2019

Anfang der Woche schrieb ich einen langen Artikel, in dem ich erklärte, warum mit dem Gazastreifen zu tun zu haben eine schwierige Aufgabe ist und beschrieb in allgemeinen Begriffen eine Lösung (kurze Antwort: ein massiver Schlag die Hamas zur Entwaffnung zu zwingen, gefolgt von einer „leichten“ militärischen Besatzung).

Ich dachte, diesmal – immerhin haben wir ausnahmsweise eine amerikanische Administration auf unserer Seite – wäre es anders, diesmal würde die IDF es durchziehen und mehr tun als nur „das Gras zu mähen“. Bibi redete taff, bewaffnete Kräfte wurden an die Grenze verlegt und immerhin hatten wir rund 690 Raketen, $14 Millionen Schäden und vier tote Israelis verkraften müssen.

Aber ich lag falsch. Wir haben kaum das Unkraut gejätet; der IDF wurde befohlen die Kämpfe vor den Feiern zum Gefallenengedenktag und dem Unabhängigkeitstag diese Woche und dem Eurovisions-Gesangswettbewerb zu beenden, der nächsten Dienstag in Tel Aviv beginnt. Insbesondere wird berichtet, dass die IDF gezwungen wurde „die Angriffe auf die Lagereinrichtungen der Langstreckenraketen aufzugeben“, was mir erstaunlich kontraproduktiv erscheint, wenn man die Störung der Veranstaltung in Tel Aviv und Jerusalem verhindern will.

Es wurde eine Art Waffenstillstand erzielt, was vermutlich bedeutet, dass Israel den Transfer von Millionen Dollar von Qatar an die Hamas unterstützt und wer weiß, was noch an Konzessionen.

Regierungsvertreter bestanden darauf, dass für ihre Entscheidungen nichts weniger wichtig ist, als der ESC. Aber natürlich gab es nichts Wichtigeres.

Bibi und die andren sehnen sich absolut danach Israel als ein fortschrittliches Land im Stil Europas oder Nordamerikas zu präsentieren, ein Land, wo (vielleicht anders als das Europa oder Amerika von heute) die Chance auf Terrorismus oder Krieg winzig ist und wo wir ganz selbstverständlich massiv überhöhte Spektakel wie den ESC veranstalten.

Das stimmt nicht. Wir sind ein kleines Land, das sich seit 1948 im Krieg befindet, wo auf einander folgende Regierungen es nachlässig gefährlichen Terror-Stellvertretern unserer Feinde erlauben an unseren Grenzen zu florieren und wo Terrorismus und das Aufflammen von Gewalt regelmäßig stattfinden. Wir sind auch nicht ganz das Land der Ersten Welt, das wir sein wollen (das können Sie in den ärmeren Vierteln unserer Städte sehen, der sogenannten „Peripherie“).

Bekommen Sie das Gefühl, ich glaube, wir haben die falschen Prioritäten? Da liegen Sie richtig.

Die Hamas und der Islamische Jihad begreifen den Grund für unsere Abneigung uns mit ihnen zu beschäftigen: weil wir einen Mehrfrontenkrieg fürchten, weil wir keinen befriedigenden Plan für den Gazastreifen zu haben scheinen, wenn die Hamas zusammenbricht und weil wir nicht durch Terrorismus während des oder gegen den ESC in Verlegenheit gebracht werden wollen. Also stellten sie ihre Forderungen und wir gaben nach. Nennen Sie das Erpressung oder nennen Sie es Jizya, aber sie haben bekommen, was sie wollten.

Die Einwohner von Sderot und anderen Gemeinden am Gazastreifen sind bemerkenswert geduldig, während es immer und immer wieder so läuft. Es geht seit Jahrzehnten so: Die ersten Raketen wurden 2001 auf Sderot geschossen und die Angriffe nahmen an Häufigkeit zu, nachdem Israel 2005 aus dem Streifen abzog und noch mehr nach dem Hamas-Putsch 2007. Alle paar Monate wird das Leben der Einwohner massiv gestört. Ihre Kinder – die seit ihrer Geburt in Unsicherheit leben – leiden unter PTBS. Es ist bemerkenswert, dass so wenige Familien geflohen sind. Wie lange können wir von ihnen noch erwarten Geduld zu haben? Natürlich ist es schwer einen fairen Preis für ein Haus in der Region zu bekommen, also haben viele von ihnen vielleicht nicht nur das Gefühl verängstigt zu sein, sie haben das Gefühl in der Falle zu sitzen.

Und die Konfliktzone wird größer, da die Hamas und der Islamische Jihad ihre Raketen verbessern und die Reichweite vergrößern. Es waren einmal nur Sderot und die lokalen Kibbuzim und Moschawim; heute ist es genauso oft Aschkelon, wo es zwei der vier Toten – Ermordeten – dieser Woche gab. Sie haben Raketen, die Tel Aviv oder Jerusalem erreichen können, obwohl es davon weniger gibt. Heute noch.

Die Regierung sagt uns, dass es, ja, schrecklich ist, besonders für diejenigen, die Familienmitglieder verloren haben; aber es ist nicht existenzbedrohend. Und schauen Sie, wie viele Menschen jedes Jahr bei Verkehrsunfällen getötet werden. Derweil gibt es so viele Gründe, dass jetzt nichts getan werden kann; aber wir haben einen Plan und der wird bald umgesetzt werden.

Nein. Es reicht. Die grundlegendste Verpflichtung einer Regierung gemäß dem Gesellschaftsvertrag besteht darin seine Bürger zu schützen und sie tut das nicht. Sagen Sie mir nicht, dass es unmöglich ist. Warum sind die Barbaren von Hamas und Islamischem Jihad in der Lage uns gedanklich zu überlisten, uns in eine Falle zu locken, der wir nicht entkommen können? Haben wir die falschen Generäle? Die falsche Regierung? Sind all die schlauen Menschen in der High-Tech beschäftigt? Besteht das Problem, wie manche sagen, darin, dass jeder Kommandeur einen Rechtsanwalt an seiner Seite haben muss? Wir sind stärker, wir haben eine Luftwaffe, die die qualitativ beste der Welt ist, wir haben eine Flotte an Drohnen, Panzern, die besten Waffen der Welt. Warum können wir das nicht beheben?

Nun, hier ist ein möglicher Grund. Er wird von dieser aktuellen Nachricht illustriert.

Dienstagabend beginnt Israels Gedenktag für die 23.741 gefallenen Soldaten und die Terroropfer mit einer Zeremonie in Jerusalem. Es handelt sich um ein für Israelis tief bewegendes Ereignis, da es nur wenige Familien gibt, die keinen Freund oder Familienmitglied im Krieg oder durch Terror verloren haben.

Eine Organisation namens „Kombattanten für Frieden“ (CFP – Combatants for Peace) organisierte einen „Alternativen Gedenktag“, bei dem sowohl Israelis als auch Palästinenser aus den Gebieten, die Verwandte im Konflikt verloren haben, zusammen trauern. CFP wird fast ausschließlich aus dem Ausland finanziert, vom amerikanischen New Israel Fund sowie deutschen und schweizerischen Gruppen.

Die Folgerung: Es gibt keine moralischen Unterschiede. Jemand, der dabei erschossen wird, wie er versucht einen beliebigen Juden auf der Straße zu erstechen, ist in dem Konflikt Opfer, genauso wie der Jude, den er ersticht. Der Palästinenser, der getötet wird, wenn er in Leute rast, die an einer Bushaltestelle warten, verdient denselben Respekt wie diejenigen, die er ermordet.

Es überrascht nicht, dass viele Israelis es obszön finden, gefallene Soldaten, Polizisten und Terroropfer mit den palästinensischen Terroristen gleichzusetzen, die sie ermordeten. Premierminister Netanyahu lehnte einen Antrag auf Einreisegenehmigungen für Palästinenser ab, um für die Zeremonie ins Land zu kommen. Er führte Sicherheitsgründe an, aber ich habe den Verdacht, dass er das Gefühl hatte, die nationale Selbstachtung erfordere das.

Der Oberste Gerichtshof überstimmt in Reaktion auf eine Petition von CFP den Premier und befahl der Regierung 100 Genehmigungen auszustellen.

Die Mitglieder der Hamas und des Islamischen Jihad wollen siegen. Sie wollen Juden töten und den jüdischen Staat beseitigen. Sie wollen das von ganzem Herzen.

Wollen wir so sehr überleben, wie sie uns vernichten wollen?

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3 Gedanken zu “Sie wollen siegen. Wir auch?

  1. Was ging in diesen Idioten (oder sind nur alle von der politisch Linken?) vom Obersten Gerichtshof vor? Das möchte ich gerne wissen. Denn ich finde, Netanjahu hatte völlig recht.
    lg
    caruso

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