Nitai Sterns Spielplatz

Yaakov Lozowick, 7. Mai 2019

Als ich Schüler war, waren gefallene Soldaten eine besondere Art von Erwachsenen. Gewöhnliche Erwachsene gingen zur Arbeit und hatten Meetings, was immer das war; oder sie fuhren Busse, arbeiteten in Läden oder lehrten in Schulen. Gefallene Soldaten waren etwas anderes. Sie hatten in einer anderen Art von Welt gelebt, kleideten sich anders, verhielten sich anders und machten aufregende, abenteuerliche und ziemlich mysteriöse Sachen wie in den Filmen. Sie waren nicht mehr am Leben, aber anders als uralte Großeltern, die sehr alt waren, waren Soldaten heldenhaft gewesen, größer als das Leben, aber überhaupt nicht alt. Die Erwachsenen redeten über sie immer mit traurigem Ton. Sie redeten sogar so über die Familien der gefallenen Soldaten, wie: „Herrn Rotschilds Sohn wurde im Krieg getötet, darum weint er jedes Jar, wenn er bei der Ne’ila, am Ende von Yom Kippura die Leitung hat.“

Als ich mich dem Schulabschluss näherte, waren gefallene Soldaten Leute, die wir persönlich gekannt hatten. Jacob und Sariel, an Yom Kippur auf dem Golan getötet; oder Mosche, auf dem Sinai getötet. Yisrael hinterließ sogar einen jüngeren Bruder, der in der Schule zwei Jahre über mir war. Das ist das Ausmaß, in de sie kaum älter waren als wir. Doch auch sie hatten diese Aura des Soldaten, des Kriegers und des Helden.

1982 waren es unsere Freunde, die starben. Schlomo hatte bei unserer Hochzeit getanzt, drei Wochen, bevor er getötet wurde. Und Avi ging mit mir zur Schule. Ram war der Bruder von jemandem, der manchmal mit uns herumhing. Die Welt der Armee war nicht länger mysteriös und offen gesagt war sie weder aufregend oder noch abenteuerlich. Wir wissen aus Jahren eigener Erfahrung, dass sie zumeist schmierig und schweißig, mit Zwischenspielen intensiver Strapazen unter langen Langeweile-Perioden. Gab es Heroismus? Ja. Manchmal. Aber viel mehr Banalität und gelegentliche Dummheit.

Während das Leben länger wird, verändert sich die Perspektive auf die gefallenen Soldaten immer weiter. Noam zum Beispiel war einer meiner Schüler. Nicht außergewöhnlich in der Schule, war er offenbar ziemlich außergewöhnlich als Nachrichtenoffizier. Aviad, 2001 getötet, war der Sohn eines Freundes. Etwa zur gleichen Zeit fand ich mich oft bei Busfahrten mit Reuven, wenn wir nach Hause fuhren. Unsere jüngsten Söhne, Achikam und Nital, gingen zusammen zur Schule und übernachteten jeweils beim anderen; sie unterhielten sich noch Stunden nach der Schlafengehenszeit. Mein ältester Sohn, Meir, ging auf seinen Militärdienst zu und Reuven hatte bereits einen Sohn im Militär. Wir hatten lange Gespräche über die Armee unserer Tage und die Armee dieser Zeit, die Eltern, die wir gedankenlos Zuhause ließen und darüber, dass wir Armeeeltern wurden. Ich vertraute Reuven an, dass der Gedanke, dass mein Sohn eingezogen wur de, weit angsteinjagender war als der Gedanke an meine eigene Mobilisierung es je gewesen war. Die Jüngeren denken nicht, sind ignorant.

Meir erlebte die Gefechte der Zweiten Intifada. 2009 ging Achikam jedoch mit seiner Panzereinhiet in den Gazastreifen. Sie wurden ein paar angespannte Tage am Zaun zusammengezogen. Dann rief er eines Tages an, um Bescheid zu geben, dass sie ihre Telefone abstellten. Es war meien Aufgabe so weiterzumachen, als wäre das Leben irgendwie so wie immer. Ein paar Tage später – es war der uralte Trauertag des 10. Tevet – rief jemand an, um mitzuteilen, dass Nitai getötet worden war. Später an diesem Nachmittag hörte ich Reuvens von Schmerz geplagten Worte am Grab seines Sohnes und an diesem Abend postete ich sie auf meinem Blog:

Gegen Ende der Feier stand Nitais Vater Reuven auf, um zu sprechen. Was sagt ein Vater am Grab seines Sohnes? Was kann er sagen?

Er las Psalmen. Die über Krieger und die über Trauer. Seine Stimme war stark verzweifelt und klar. Dann sagte er: „Ich werde jetzt singen und ihr könnt mit mir singen.“
תהה השעה הזאת
שעת רחמים
ועת רצון
מלפניך

Das Schlussgebet des Yom Kippur-Gottesdienstes:
Möge diese Stunde
Eine Stunde der Gnade sein
und en Augenblick des guten Willens
von Deiner Seite.

Das war vor mehr als zehn Jahren. Vor zwei Tagen hüteten wir Achikams Sohn und gingen auf einen Spielplatz in der Nähe seines Hauses. Es dort eine Vorrichtung, die wie ein Piratenschiff aussehen soll, mit Seilen und Leitern und Rutschen. Er mag die größere Rutsche. An einem Punkt warf ich einen Blick auf eine große Steinplatte am Rand des Spielplatzes:

In Erinnerung an Nital Stern
einem Jugendlichen mit strahlenden Lächeln und ansteckendem Lachen
ein Friedensstifter, der den Frieden liebte
fleißig, wissbegierig, kenntnisreich
Krieger und Kommandeur
wahrer Freund, teurer Bruder und geliebter Sohn
Fiel in der Schlacht im Gazastreifen während der Operation Gegossenes Blei
und er war 21

Mein Enkel gluckste fröhlich, als er die Rutsche auf dem Spielplatz hinunterrutschte, der nach einem Freund seines Vaters benannt wurde, den er höchstens als mythenhafte Person kennen wird.

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