Sekundärer Antisemitismus: Judenhass in Verbindung mit dem Holocaust

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich neue Arten von Antisemitismus mit Verbindung zum Holocaust entwickelt. Eine der am häufigsten publizierten ist Holocaust-Leugnung. Schlimmer und viel weiter verbreitet ist Holocaust-Umkehr: Israel und die Juden werden so dargestellt, dass sie sich wie Nazis verhalten.[1] Studien haben aufgedeckt, dass mehr als 40% der Europäer das glauben. Zusätzlich gibt es Neonazis, die Deutschlands Vernichtungspolitik zu Ende geführt sehen wollen. Ein typischer Ausdruck davon ist, dass Hitlers Arbeit vollendet werden sollte. Wir finden auch in der muslimischen Welt Unterstützer dafür.[2]

Weit weniger bekannt ist die Hass schürende Haltung namens „sekundärer Antisemitismus“. Dieser Ausdruck wurde vom Philosophen Theodor Adorno und seinem Mitarbeiter Peter Schönbach von der Frankfurter Schule in den frühen 1960-er Jahren geprägt. An der Schule wurde die Dynamik des deutschen Schuld- und Verteidigungsmechanismus eines Teils seiner Bürger untersucht.

Lars Rensmann, der aktuell an der Universität Groningen in den Niederlanden lehrt, erklärte sekundären Antisemitismus als neue Quelle der Feindseligkeit gegenüber Juden. Er sagte, dass dieser von dem Wunsch vieler Deutscher motiviert wird, die Schuld und die Erinnerung an den Holocaust und aus dem kollektiven Gedächtnis einer befleckten Nation zu unterdrücken und voneinander zu trennen. Juden werden damit kollektiv aufgrund schon ihrer Existenz beschuldigt die Deutschen an die Verbrechen ihrer Nation, ihre Schuld und ihre Verantwortung zu erinnern.[3]

Zwei Psychologen haben genau dies prägnant erklärt. Der israelische Psychiater Zvi Rex sagt: „Deutschland wird den Juden Auschwitz nie vergeben.“[4] Ein weiterer Israeli, der deutsch geborene Holocaust-Psychologe Nathan Durst, sagte: „Ausbrüche mit antisemitischen Untertönen stehen ebenfalls mit Europas Schuld vis-a-vis des Holocaust in Verbindung. Wenn die schuldige Person schlecht ist, wird das jüdische Opfer gut. In dem Moment, in dem gezeigt werden kann, dass letzteres ebenfalls schlecht ist, wird der ‚andere‘ – das heißt der Europäer – von seinen Schuldgefühlen entlastet. Zu behaupten, dass Israelis sich wie Nazis verhalten, verringert die Sünde der Großeltern. Dann können die Kinder der Opfer nicht länger die Ankläger sein. Das macht jeden gleich.“[5]

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass sekundärer Antisemitismus weit verbreitet ist. Ein aktuelles Beispiel ist eine Studie zum österreichischen Antisemitismus, die vom Parlament des Landes angeordnet wurde. Die Studie hatte eine ziemlich große Stichprobe von 2.700 Befragten und trennte die Antworten in drei Gruppen auf: einheimische Österreicher, Türkisch Sprechende und Arabisch Sprechende.

Die Probanden wurden gefragt, ob sie der Aussage zustimmen: „Juden versuchen Vorteile aus der Tatsache zu ziehen, dass sie in der Nazizeit Opfer waren.“Sechsunddreißig Prozent der einheimischen Österreicher stimmten dem zu, so wie 51% der Türkisch und 59% der Arabisch Sprechenden.[6]

Eine weitere den Probanden vorgelegte Äußerung lautete: „Ich bin dagegen, dass immer und immer wieder aufgebracht wird, dass im Zweiten Weltkrieg Juden starben.“ Die Wortwahl der Äußerung übertüncht die Wahrheit, dass Juden starben, weil sie ermordet wurden. Siebenunddreißig Prozent der einheimischen Österreicher stimmten zu, wie auch 46% der Arabisch und 55% der Türkisch Sprechenden.[7] Araber und Türken haben jedoch keinen Grund sich wegen des Holocaust schuldig zu fühlen. Die Antworten zu diesen beiden Äußerungen zeigen, dass, wie an anderen Orten in Europa auch, bei Muslimen Antisemitismus bedeutend weiter verbreitet ist als bei der einheimischen Bevölkerung.

Sekundärer Antisemitismus beschränkt sich nicht auf die Haupttäter-Nationen des Holocaust, Deutschland und Österreich. Eine Studie von 2017 zum zeitgenössischen Antisemitismus in Großbritannien stellte fest, dass 10% der Allgemeinbevölkerung glaubt, Juden würden die Opferrolle im Holocaust für ihre eigenen Zwecke ausbeuten.[8] Dreizehn Prozent stimmen mit der Äußerung überein: „Israel benutzt die Holocaust-Opferrolle für eigene Zwecke.“[9] Aus dieser Umfrage ist auch erkennbar, dass sekundärer Antisemitismus verglichen mit anderen Formen des mit dem Holocaust in Verbindung stehenden Antisemitismus relativ wichtig ist. Zwei Prozent der Probanden glauben, dass der Holocaust ein Märchen ist. Drei Prozent glauben, dass der Holocaust übertrieben worden ist.[10]

Die Studie trennte ebenfalls die Probanden mit stark antiisraelischen Einstellungen. Dreiundzwanzig Prozent sagten, dass der Holocaust übertrieben wird und 49% stellten fest, dass Juden die Opferrolle im Holocaust für ihre eignen Zwecke ausnutzen.[11] Das ist nur ein weiterer Beweis der Verbindung zwischen Antiisraelismus und Antisemitismus.

Es wurden außerdem Statistiken zu muslimischen Probanden in Großbritannien erstellt. Antisemitismus, der mit dem Holocaust in Verbindung steht, war bei Muslimen stärker vertreten als in der allgemeinen Bevölkerung. Bei Muslimen sagten 8%, dass sie glauben, der Holocaust sei ein Märchen; 14% sagten, der Holocaust sei übertrieben worden. Bei religiösen Muslimen lagen die Zahlen noch höher. Zehn Prozent glaubten, der Holocaust sei ein Märchen, 18% sagten, der Holocaust sei übertrieben worden.[12]

Viele Europäer wollen nicht wissen, dass Antisemitismus ein integraler Bestandteil der Kultur ihrer Gesellschaften ist. Das bedeutet nicht, dass es keine Europäer gibt, die Antisemitismus bekämpfen. Genauso wenig heißt es, dass die meisten Europäer Antisemiten sind. Das oben Angeführte zeigt aber eine zusätzliche Perspektive auf die Art, wie europäische Kultur mit Antisemitismus verflochten ist. Selbst der Völkermord an Juden in Europa hat zu neuen Formen des Antisemitismus geführt, nicht nur in den Ländern der Täter, sondern auch andernorts.

[1] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

[2] http://www.israelnationalnews.com/Blogs/Message.aspx/4837

[3] Rensmann, Lars: Guilt, Resentment, and Post-Holocaust Democracy. 2017.

[4] S. Henryk M. Broder: Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls. Frankfurt am Main (Fischer), 1986.

[5] ww.jcpa.org/phas/phas-durst.htm

[6] ww.antisemitismus2018.at/wp-content/uploads/Antisemitismus-in-%C3%96sterreich-2018_Ergebnisanalyse-im-%C3%9Cberblick.pdf

[7] ebenda

[8] L. Daniel Staetsky, Institute for Jewish Policy Research: Antisemitism in contemporary Great Britain: A study of attitudes towards Jews and Israel. S. 22

[9] ebenda, S. 29

[10] ebenda, S. 34

[11] ebenda, S. 36

[12] ebenda, S. 57

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