Der deutsche Akademiker an der Indiana University, der die Muster des globalen Antisemitismus kartiert

Ben Cohen, The Algemeiner, 14. Juni 2019

Prof. Günther Jikeli vom Institute fort he Study of Contemporary Antisemitism der Indiana University (Foto: Michelangelo’s Photography)

„Sehr oft fangen Menschen mit negativen Gefühlen gegenüber Juden an und dann finden sie ideologische Rechtfertigungen für diese Gefühle“, erklärte der neu ernannte Professor Günther Jikeli von der Indiana University während eines ausführlichen Gesprächs mit dem Algemeiner letzten Donnerstag. „Sie suchen nach dem, was innerhalb ihrer eigenen Blase, ihrer sozialen Umwelt Sinn macht – es könnte von der Linken kommen, es könnte von der Rechten kommen, es könnten muslimische Extremisten sein, vielleicht sind es christliche Gruppen – und sie finden die Begründung dafür zu glauben, was sie glauben.“

Von seinem Hochsitz in der reizvollen College-Stadt Bloomington betreibt Jikeli eine der wichtigsten Forschungen der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg zum Fortbestehen des Antisemitismus. Über eine rasant wachsende Datenbank aus Eins-zu-eins-Interviews sowie tausende, von seinem kleinen Forschungsteam gesammelten Posts in sozialen Medien, stellt Jikeli ständig sein Rohmaterial mit Hilfe der Antisemiten selbst zusammen. Die verschiedenen Kommentare und Beobachtungen in unterschiedlichen Kontexten haben es Jikeli ermöglicht zu studieren, wie antisemitische Gesinnungen gebildet werden, wie sie sich entwickeln und anpassen sowie den Grad des sozialen Einflusses, den sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ausüben könnten.

In Deutschland geboren und ausgebildet, hat Jikeli die letzten Jahre damit verbracht am Institute for the Study of Contemporary Antisemitism (ISCA) der Indiana University in Bloomington to lehren und zu schreiben. Kurz nach er ISCA-Konferenz im März diesen Jahres wurde Jikeli zu ersten Inhaber der Ena B. Rosenfeld-Professur des Instituts ernannt – benannt zu Ehren der verstorbenen Ehefrau seines Gründers und Direktors Prof. Alvin Rosenfeld.

Wie wurde ein nicht jüdischer Deutscher eine universitäre Autorität zu Antisemitismus? Der in Köln aufgewachsene Jikeli sagte, er hatte allgemeine Sorge wegen Rassismus und Ungerechtigkeit, tendierte aber dazu zu glauben, dass Antisemitismus ein mit dem Nazi-Regime verbundenes Phänomen ist, nicht weiter auftritt. Als er in den 1990-er Jahren ins Studentenmilieu in Berlin eintrat, begann er das Auftreten antisemitischer Sprachbilder um sich herum zu bemerken, besonders bei politisch Linken. „Das war für mich eine weitere Überraschung“, sagte er.

Bei einer Gelegenheit, als er Schatzmeister der Studentenvereinigung war, trat eine Gruppe palästinensischer Studenten an ihn heran, die die Finanzierung von Flugblättern erbat, von denen Jikeli glaubte, dass sie eindeutig antisemitisch waren. „Schau, wenn du uns das Geld nicht gibst, dann gehen wir damit einfach zu den Nazis“, sagte ihm einer der Studenten sachlich.

„Ich war von dieser Bemerkung richtig getroffen“, sagte Jikeli. „Ich entschied mich zu untersuchen, warum diese Typen das Gefühl hatten etwas mit den Nazis gemein zu haben.“ Entsprechend wechselte er von Umweltstudien zu Antisemitismusforschung, erwarb 2011 an der TU Berlin seinen Doktortitel.

Die akademische Welt hat bei der Bekämpfung des Antisemitismus eine separate, wichtige Rolle zu spielen, argumentiert Jikeli. Mit die Gründung des ISCA, fuhr er fort, „hat Alvin [Rosenfeld] ein Zentrum geschaffen, das die antisemitischen Entwicklungen ernsthaft betrachtet, ohne alarmistisch zu sein und auch ohne das Problem herunterzuspielen.“

Das ISCA ist in der akademischen Welt zunehmend für seine Antisemitismus-Konferenzen bekannt, die alle zwei bis drei Jahre stattfinden; dort werden Wissenschaftler mit gewählten Politikern und Regierungsvertreten aus Europa, den USA und Israel zusammengebracht. Auf der diesjährigen Konferenz im März war die Hauptrednerin Katharina von Schnurbein, die für die Bekämpfung von Antisemitismus in den EU-Mitgliedstaaten verantwortliche Beamtin der Europäischen Kommission. Im Gespräch mit dem Algemeiner bei einem privaten Runden Tisch mit mehreren der Redner der Konferenz – darunter Jikeli – sagte von Schnurbein, dass der Ausbildung sowohl von Gesetzeshütern als auch der Justiz beim Erkennen, wann eine Tat antisemitisch ist, Priorität gegeben wird.

„Die nichtjüdische Zivilgesellschaft [in der EU] begreift zunehmend, dass Antisemitismus auch für sie eine Bedrohung ist“, fügte sie an. „Selbst wenn es sie nicht direkt bedroht, sollten sie ermutigt werden aufzustehen, wenn ihre Mitbürger unter einem solchen Druck stehen.“

Forschung wie die, die Jikeli durchführt, hat direkte Bedeutung für Regierungsvertreter sowie auch diejenigen europäischen Bürger, die anerkennen, dass Antisemitismus in ihrem Land ein Problem ist – was nach Angaben einer EU-Umfrage von Eurobarometer vom Dezember 2018 zwischen 62 und 81 Prozent der Befragten in Frankreich, Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden bestätigten. Mit dem Aufzeigen der zahlreichen Quellen des Antisemitismus sowie einer Bandbreite an Ideologien, in die antisemitische Ausdrucksweisen oder Überzeugungen einfließen, fordert Jikelis Arbeit auch die Vertreter der Gesetzeshüter heraus, die weiter glauben, dass antisemitische Gewalttaten einzig die Domäne von Neonazi- und rechtsextremen Gruppen sind – eine Annahme, die besonders bei Polizisten in seiner deutschen Heimat vorherrscht.

Eines der aktuelleren Projekte Jikelis und Thema seines anstehenden Buches beinhaltet eine weiter gefasste Umfrage unter 150 syrischen Immigranten in Deutschland zu ihren Einstellungen gegenüber Israel und Juden. Sie wurde 2016/17 durchgeführt, zusammen mit einer subtilen, aber auffallenden Unterscheidung, wie Immigranten kurdischer und arabischer Herkunft jeweils Juden betrachten.

„Es war uns wichtig das Problem des Antisemitismus in dieser Bevölkerung zu untersuchen, ohne die syrischen Flüchtlinge n Deutschland zu dämonisieren“, sagte Jikeli. „Es gibt in Deutschland etwa 700.000 bis 800.000 Syrer, was bedeutet, dass sie heute die nach den türkischen und polnischen Gemeinschaften drittgrößte Minderheit im Land stellt. Rund 30 Prozent davon sind Kurden, die in Syrien schon sehr lange unterdrückt werden.“

Zu den historischen Verfolgern der zwei Millionen Kurden in Syrien hat die arabisch-nationalistische Ba’ath-Partei gehört, die der aktuelle Diktator Baschar al-Assad leitet. „Einige der Kurden, mit denen wir sprachen, erinnerten sich daran in der Schule geschlagen worden zu sein, wenn sie keine arabsich-nationalistischen oder antizionistischen Parolen riefen“, sagte Jikeli. „In dieser Gruppe gibt es sogar ein paar, die sogar projüdische und pro-israelische Einstellungen haben, Israel dafür bewundern, dass es dem arabischen Nationalismus Paroli bietet, von denen sie verfolgt wurden.“

Die Interviews demonstrierten allerdings in der Hauptsache den enormen Zugriff antisemitischer Verschwörungstheorien unter Syrern aller Gruppen. „Es gibt im syrischen Krieg so viele Akteure, aber immer noch wird geglaubt, dass Israel alle Kämpfe einfädelt“, stellte Jikeli fest.

Dieser Hang die Welt auf antisemitische Art zu interpretieren, wurde schon früh eingeprägt, sagte Jikeli. „Wenn man sich syrische Schulbücher ansieht, dann ist das die Art von Dingen, die ein Neonazis liebend gerne seine Kinder lehren würde“, bemerkte er. „In den 1920-er Jahren bereicherten sich Juden an der Wirtschaftskrise und dann kam Hitler und verteidigte die Deutschen gegen die Juden. Das steht so in ihren Geschichtsbüchern, also wundert es nicht, dass Menschen, die dieses Bildungssystem durchlaufen haben, diese alarmierenden Ansichten zu Juden, Israel, dem Zweiten Weltkrieg usw. haben.“

Nicht alle Überzeugungen waren gleich, betonte Jikeli. Ein Befragter – ein Professor für arabische Literatur – zitierte überzeugt aus den Protokollen der Weisen von Zion und war ehrlich erstaunt, als er darüber informiert wurde, dass der Text eine Fälschung der zaristischen Geheimpolizei im vorrevolutionären Russland war. Dementgegen sagte ein anderer Befragter – früher in seinem Heimatland ein erfolgreicher Modeverkäufer – da er jetzt in Deutschland sei, sähe er keinen Grund sich den antisemitischen Schmähungen anderer anzuschließen, schließlich nicht riskiere er verhaftet zu werden, weil der das nicht mache – in Damaskus ein plausibles Schicksal.

Jikelis aktuelle Bemühungen richten sich auf die Analyse der Muster von Online-Antisemitismus. Mit Konzentration auf Twitter gründet seine Forschung auf einer Auswahl von 10 Prozent aller Tweets in einem vorgegebenen Jahr. „Eine Menge Studien haben festgestellt, dass es jede Menge Online-Antisemitismus gibt, aber es ist immer noch eine Herausforderung, wenn es darum geht ihn zu quantifizieren“, sagte er. „Wenn du drei Milliarden Tweets hast und es dann alle 83 Sekunden einen antisemitischen Tweet gibt, könntest du zu dem Schluss kommen, dass das nicht sehr bedeutend ist. Es gibt bisher keine Studien, die mit Sicherheit quantifizieren und rückverfolgen können, also haben wir damit angefangen das zu tun.“

Auf Twitter, erklärte Jikeli, „betreiben wir Abfragen wie ‚Juden‘ oder ‚Israel‘ und wir bekommen alle Tweets, die diese Worte beinhalten. Wir können eine repräsentative Auswahl aus dieser Tweets generieren und sie dann manuell durchgehen. Wir könnten, sagen wir, 400 Tweets haben und wir können bestimmen, zu welchem Prozentsatz diese antisemitisch sind.“ Bei der Untersuchung von Tweets mit dem Wort „Israel“ sagte Jikeli, dass „elf Prozent davon antisemitisch oder mutmaßlich antisemitisch waren. Wenn man darüber nachdenkt, dann ist das ziemlich viel, etwa jeder zehnte Tweet.“

Entscheiden ist, dass Jikelis Online-Recherche auch eine Ermittlung beinhaltet, wer in den sozialen Medien die antisemitischen Schlüssel-Influencer sind.

„Diese Methode ist weit effektiver als einfach Befragungen durchzuführen, weil wir sehen können, wie Menschen mit antisemitischen Ansichten sich in einem Zeitabschnitt entwickeln“, schloss er.

Werbeanzeigen