Berliner Professorin: Zeitgenössischer Antisemitismus ist kein Rassismus oder Fremdenhass

Diesen einzigartigen Charakter des Judenhasses als kulturelle Kategorie sui generis zu begreifen statt als eine Form des Vorurteils unter anderen, ist eine Voraussetzung dafür erfolgreich gegen ihn vorzugehen.

Marc Neugroschel, Jerusalem Post, 12. Juli 2019

Die Statistiken deuten einen dramatischen Anstieg des Antisemitismus überall in der Welt an. Die brutale Ermordung der Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll letztes Jahr in Paris und die Ermordung von 11 Gottesdienstbesuchern beim Anschlag auf die Tree of Life-Synagoge in Pittsburg im letzten Oktober sind nur die verheerenden Spitzen dieser Entwicklung. Deutschlands Antisemitismus-Beauftragter warnte, dass es für Juden nicht sicher ist in bestimmten Gegenden Kippot zu tragen.

Im Februar sagte der französische Präsident Macron, der Antisemitismus habe seinen höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht.

„Wir haben diese Entwicklung vor langem vorausgesagt, aber unsere Warnungen wurden als Alarmismus abgetan“, sagt Monika Schwarz-Friesel, Professorin für Kognitionswissenschaften an der Technischen Universität Berlin und eine der führenden Antisemitismus-Forscher der Welt. Sie rügt israelbezogenen Antisemitismus und das Versagen von Politikern, Forschern, Zivilgesellschaft und Medien, weil sie nicht gegen ihn vorgehen. In einem Interview mit The Jerusalem Report spricht Schwarz-Friesel auch über die Ergebnisse ihrer aktuellen Forschung zu Online-Antisemitismus und ihr neues Buch, Judenhass im Internet: Antisemitismus als kulturelle Konstante und kollektives Gefühl.

Woher kommt die derzeitige Explosion des Antisemitismus?

Wir wachen gegenüber einer Realität auf, die sich über einen langen Zeitraum entwickelt hat. Antisemitismus war nie wirklich weg. Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg eine Periode, in der ihn offenen zu kommunizieren unterdrückt wurde, aber das heißt nicht, dass er aus den Köpfen der Leute gelöscht war. Er mutierte nur in neue Formen, von denen der israelbezogene Antisemitismus der am weitesten verbreitete und einflussreichste wurde. Letzterer wird sehr markant z.B. durch die BDS-Bewegung propagiert und ist förderlich darin gewesen Judenhass wieder respektabel zu machen, indem er als Kritik an Israel reingewaschen wird. Der gesamte Prozess wurde nicht wirklich infrage gestellt. Im Gegenteil, es ist alles versucht worden ihn zu leugnen und zu marginalisieren. Jetzt sehen wir uns den Konsequenzen gegenüber.

Sie sagen, dass die jetzige Situation vorhersehbar war?

In der Tat. Ich kann Ihnen die Protokolle eines Symposiums vorlesen, an dem ich teilnahm, vor 10 Jahren in Jena, und Sie würden glauben, dass sie jetzt geschrieben wurden. Wir machten damals sehr deutlich, dass israelbezogener Antisemitismus zunehmend die Verbreitung, Radikalisierung und soziale Akzeptanz von Judenhass fördert. Wir warnten ausdrücklich, wenn keine entschiedenen Gegenmaßnahmen getroffen werden, wird es einen Ausbruch und Normalisierung von Antisemitismus geben. Niemand beherzigte unsere Warnungen. Stattdessen wurden sie als Alarmismus abgetan. Der Kampf gegen Antisemitismus blieb auf die Aktivitäten rechter Neonazis konzentriert, die faktisch sehr wenig Einfluss auf die Gesellschaft als Ganzes haben. Im Gegenteil: Israelbezogener Antisemitismus und sein massiver Einfluss auf die Bevölkerung wurden ignoriert. Ich mache ganz klar Politiker, Zivilgesellschaft und Medien dafür verantwortlich, dass die Verbreitung von israelbezogenem Judenhass ignoriert, verharmlost und manchmal sogar praktiziert wird.

Vor kurzem hat allerdings das deutsche Parlament einen Beschluss gegen BDS und antiisraelischen Antisemitismus gefasst.

Dieser Beschluss war eine richtige und wichtige Entscheidung. Aber ich fürchte, er ist zu wenig und kommt zu spät. Er hätte vor 10 Jahren gefasst werden müssen.

Es gibt viele, die glauben, dass Maßnahmen gegen BDS-Kampagnen gegen die freie Meinungsäußerung verstoßen. Wie antworten Sie Leuten, die sagen, die Antisemitismus-Vorwürfe werden genutzt um Kritik an Israel zum Schweigen zu bringen?

Dass sie schlicht falsch liegen. Ihre Anschuldigung hat keinerlei empirischen Wert. Wir überprüften das sogar in mehreren korpusbasierten Studien. Es gibt keinen nennenswerten Akteur oder Diskurs, der je behauptet hat es sei verboten Israel zu kritisieren oder der den Antisemitismus-Vorwurf genutzt hat um rationale und faktenbasierte Kritik an der Politik des jüdischen Staates zum Schweigen zu bringen. Das Gegenteil ist der Fall. Kaum ein anderes Land wird in den europäischen Medien so viel kritisiert wie Israel. Diejenigen, die entschieden behaupten, Kritik an Israel müsse erlaubt sein, bekämpfen ein Tabu, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Und sie tun das gewöhnlich, um israelbezogenen Antisemitismus reinzuwaschen.

Wie unterscheiden Sie dann zwischen Kritik an Israel und israelbezogenem Antisemitismus?

Das ist tatsächlich sehr einfach. Die Grenze wird überschritten, wenn Äußerungen über Israel antisemitische Stereotype statt der Realität vor Ort spiegeln.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir das israelische Nationalstaats-Gesetz von neulich. Dieses Gesetz als kontraproduktiv, unnötig oder diskriminierend zu kritisieren ist gewiss nicht antisemitisch. Aber wenn Leute, wie wir das gesehen haben, es als die „neuen Nürnberger Rassengesetze“ oder „diabolisches zionistisches Verbrechen“ etikettieren, dann dämonisieren Sie Israel auf eine Weise, die antisemitisch ist. Solche Äußerungen haben keine Basis nicht in der Realität. Stattdessen projizieren sie stereotypische Vorstellungen von Juden als dem absolut Bösen, indem sie den jüdischen Staat zu einem naziartigen Regime machen.

Antisemitismus-Ausbrüche fallen oft mit israelischen Militäroperationen zusammen, so wie beim Gazakrieg von 2014. Welche Rolle spielt der Nahost-Konflikt beim Propagieren von Judenhass?

Krisen im Nahen Osten lösen oft antisemitische Ausbrüche aus, aber sie sind nicht deren Wurzeln. Wir können das aus unseren Beobachtungen schließen. Die meisten antisemitischen Gespräche reproduzieren Stereotype, die weit älter sind als der israelisch-arabische Konflikt, auf den sie oft projiziert werden. Das gilt auch für Antisemitismus bei Muslimen. Mantras wie „Kindermörder Israel“ zielen auf den jüdischen Staat, aber faktisch wiederholen sie die klassischen Ritualmordlügen, die es seit Jahrhunderten gibt.

Ihre aktuellen Buchdeckel sind neben anderem das Ergebnis Ihrer gefeierten neuen Langzeitstudie zu Online-Antisemitismus. Wie lauten ihre Ergebnisse?

Das ganze letzte Jahrzehnt hindurch hat Antisemitismus im Internet beträchtlich zugenommen. Bei einigen Datensätzen fanden wir eine Zunahme von bis zu 22 Prozent. In den Online-Rückmeldungsbereichen der deutschen Qualitätszeitungen haben sich die antisemitischen Kommentare vervierfacht. Das wird von einer Radikalisierung in der Wortwahl begleitet. Im Gegensatz zu Umfragedaten ist die Internet-Kommunikation, die wir beobachtet haben, authentisch, was bedeutet, dass sie nicht als Reaktion auf die Frage eines Forschers erfolgte, sondern eher die echte Triebkraft derer, die sie schreiben, zum Ausdruck bringen. Bisher ist unsere Studie die erste ihrer Art in der Antisemitismus-Forschung.

Gibt es eine soziale Gruppe, die unter denen besonders herausstach, die online antisemitische Äußerungen produzieren?

Unsere Ergebnisse bestätigten einmal mehr, dass Antisemitismus kein exklusives Problem von politischen Extremisten oder von Leuten mit geringer Bildung ist. Tatsächlich werden die meisten antisemitischen Äußerungen von normalen Alltagsusern getätigt. Das bedeutet, dass wir überall im Web Judenhass begegnen und nicht nur in eingegrenzten Räumen, die speziell radikalen Ideen gewidmet sind.

Vor ein paar Wochen kündigte YouTube an, dass es Videos verbieten würde, die Holocaust-Leugnung propagieren. Kurz davor sagte Facebook, es werde Profile des Verschwörungstheoretikers Alex Jones und des Islamisten Louis Farrakhan löschen. Haben diese Maßnahmen etwas bewirkt?

Nach unseren Beobachtungen über die letzten fünf Jahre hinweg wurde alles nur schlimmer. Wir führten regelmäßig Stichproben durch, um zu sehen, ob gewisse Inhalte geblieben oder verschwunden sind. Auch nachdem Deutschlands sogenanntem Netzwerk-Durchsetzungsgesetz im Oktober 2017 in Kraft trat, änderte das Verhängen von Geldbußen gegen Internetfirmen, die soziale Medien anbieten und den Regularien für die Einschränkung von Hassreden nicht nachkommen, nichts Wesentliches. Das Einzige, was geschieht, ist, dass bestimmte extreme Fälle von Holocaust-Leugnung gelöscht werden. In der Regel tauchen diese Inhalte dann aber später irgendwo anders wieder auf. Eliminatorischer Antisemitismus, der sich in Mantras wie „bombt Israel!“, „vernichtet Israel!“ oder „Juden sind der schlimmste Abschaum der Erde“ äußert, ist immer noch überall im Cyberspace verbreitet. Der alte, antijüdische, eliminatorische Hass ist ungebrochen, als wäre Auschwitz nie geschehen.

Wie ist das möglich?

Es gibt eine sehr einfache Erklärung: 2000 Jahre Judenhass treffen auf nicht mehr als 50 Jahre sehr ineffektiver Bildungsarbeit dagegen. Zusätzlich verschließen sich große Teile der Gesellschaft, wenn es darum geht sich das tatsächliche Ausmaß des Antisemitismus zu stellen. Einflussreiche Menschen, darunter auch Wissenschaftler, stellen sich weiter gegen Anti-BDS-Maßnahmen. Sie behaupten fälschlich, dass Kritik an BDS eine Verletzung der freien Meinungsäußerung ist und sie verbreiten das Märchen, dass Antisemitismus-Vorwürfe genutzt werden, um Kritik an Israel zum Schweigen zu bringen. Solchen Argumenten fehlt jegliche empirische Bestätigung. Sie sabotieren nicht nur den Kampf gegen den Antisemitismus, sondern fördern in Wirklichkeit die Achtbarkeit des modernen Judenhasses.

Was kann man tun?

Die politische Welt muss sich den Fakten stellen und den Kampf gegen den Antisemitismus auf eine wissenschaftliche Forschungsbasis stellen, statt auf empirisch unbegründete Fantasien. Das wird uns automatisch zu dem Schluss führen, dass israelbezogenem Judenhass viel entschiedener begegnet werden muss.

Ebenso müssen wir die falsche, aber beliebte Vorstellung aufgeben, dass zeitgenössischer Antisemitismus das Gleiche ist wie Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit. Antisemitismus wurzelt in den Versuchen der Christenheit die jüdische Basis abzulehnen, auf der es gegründet wurde. Als solches ist er 2.000 Jahre lang ein integraler Bestandteil der westlichen Zivilisation gewesen, der die Weisen enorm formte, wie Menschen denken und fühlen. Diesen einzigartigen Charakter des Judenhasses als kulturelle Kategorie sui generis zu begreifen, statt als eine Form des Vorurteils unter vielen, ist eine Voraussetzung erfolgreich gegen ihn vorzugehen.

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Ein Gedanke zu “Berliner Professorin: Zeitgenössischer Antisemitismus ist kein Rassismus oder Fremdenhass

  1. Hat dies auf Im Erziehungswunderland. rebloggt und kommentierte:
    Auch nachdem Deutschlands sogenanntem Netzwerk-Durchsetzungsgesetz im Oktober 2017 in Kraft trat, änderte das Verhängen von Geldbußen gegen Internetfirmen, die soziale Medien anbieten und den Regularien für die Einschränkung von Hassreden nicht nachkommen, nichts Wesentliches. Das Einzige, was geschieht, ist, dass bestimmte extreme Fälle von Holocaust-Leugnung gelöscht werden. In der Regel tauchen diese Inhalte dann aber später irgendwo anders wieder auf. Eliminatorischer Antisemitismus, der sich in Mantras wie „bombt Israel!“, „vernichtet Israel!“ oder „Juden sind der schlimmste Abschaum der Erde“ äußert, ist immer noch überall im Cyberspace verbreitet.

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