Darwinismus, Judentum und der Zusammenprall von Naturwissenschaften und Religion

Melanie Phillips, 6. September 2019 (Jewish News Syndicate)

David Gelernter, Professor für Computerwissenschaften an der Yale University, hat seine bisherige Überzeugung von der Darwinschen Evolution aufgegeben.

Er schrieb, er sei betrübt „eine brillante und wunderschöne wissenschaftliche Theorie“ aufzugeben, sagte aber, er sei zu dem Schluss gekommen, dass sie das große Ganze nicht erklären könne – nicht das Feintuning bestehender Arten, sondern die Entstehung von neuen.

Ob dieses Argument stichhaltig ist oder nicht, soll ein anderes Mal diskutiert werden. Der Punkt hier ist, dass das von niemandem gesagt werden darf, der nicht bereit ist beruflichen und sozialen Selbstmord zu begehen.

Der Darwinismus, sagte Gelernter, habe die wissenschaftliche Argumentation hinter sich gelassen. Obwohl seine Kollegen in Yale höflich und kollegial mit ihm umgingen, hätten Leute ihr Leben in die eigene Hand genommen, um die darwinistische Evolution infrage zu stellen.

„Sie werden dich vernichten, wenn du sie anzweifelst“, sagte er. Es gab nichts, was in die Nähe von freier Meinungsäußerung kommt, wenn es um dieses Thema geht. „Das ist eine Art bittere, fundamentale, wütende, empörte, gewalttätige Reaktion, die einer wissenschaftlichen oder intellektuellen Diskussion nicht einmal ähnelt.“

Gelernters Schlüsse zum Darwinismus sind hauptsächlich aus seiner Analyse der statistischen Wahrscheinlichkeit der Evolution neuer Arten hergeleitet. Jedoch wird jeder, der den Darwinismus bezweifelt, sofort als „anti-wissenschaftlich“ etikettiert und beschuldigt ein religiöser Fanatiker zu sein.

Tatsächlich gehörte zur Gegenreaktion auf Gelernters Abfall die Feststellung, dass er religiöser Jude ist. Offenbar kann der einzige Grund, dass er zu seiner „leugnerischen“ Schlussfolgerung kam – heißt es auf einer pro-evolutionistischen Internetseite – sein, dass er die Wissenschaften durch eine „alttestamentliche Brille“ betrachtet.

In Wirklichkeit hat eine Überzeugung, die nicht angetastet werden darf, die Charakteristika eines religiösen Glaubens. Das ist der Grund, dass Gelernter den Darwinismus als Religion bezeichnet.

Es gibt jede Menge anderer unsagbarer Dinge in unserer von der Gedankenpolizei kontrollierten Gesellschaft. Menschgemachte Klimaerwärmung wird zum Beispiel als jenseits von Infragestellung betrachtet, weil von den Wissenschaften gesagt wird, dass das „entschieden“ ist. Das ist faktisch antiwissenschaftliches Dogma, denn in den Wissenschaften ist nichts jemals „entschieden“, das immer offen dafür ist neu hinterfragt zu werden.

Wie kommt dann unser wissenschaftliches Zeitalter dazu antiwissenschaftliche Ideen zu propagieren, die religiöser Doktrin gleichkommen und diese als Wissenschaft bezeichnet?

Unser Zeitalter hat sich angeblich der Förderung individueller Freiheit, Toleranz und dem Ende von Vorurteilen verschrieben. Warum werden dann so viele Ansichten zum Schweigen gebracht? Warum ist Diskussion so weithin durch hasserfülltes Beleidigen ersetzt worden? Und wie kommt es, dass dies von einer Welle des Antisemitismus begleitet worden ist, oft bei genau denselben Subskribenten der liberalen, antirassistischen „Woke“-Agenda[1]?

Es könnte hier eine Verbindung geben, die allgemein übersehen wird. Und die involviert die Juden.

Im Kern all dieses moralischen und intellektuellen Durcheinanders liegt ein Angriff auf die Kernprinzipien der westlichen Zivilisation auf der Grundlage, dass diese von Haus aus ausschließend, von Vorurteil befallen und unterdrückerisch seien.

Der Grund dafür lautet, sie sei in biblischen Werten verwurzelt, die für grausam, verdunkelnd und schädlich für die Vernunft, die Aufklärung und die Großzügigkeit des Geistes gehalten werden.

Im Gegensatz dazu wird von der säkularen Agenda geglaubt, sie stehe für alles Gute, das man mit der Moderne verbindet: Freundlichkeit, Rationalität und Fortschritt.

Der Westen sagt sich selbst, dass die Moderne einer Ablehnung der Religion in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts entsprang.

Fakt ist, wie ein neues Buch aufzeigt, dass das Christentum im Kern des zeitgenössischen westlichen Denkens verbleibt, selbst bei denen, die es verachten. „Dominion“, geschrieben vom britischen Historiker Tom Holland, ist eine meisterhafte Analyse der Art, wie christliche Werte den Westen geformt haben und das immer noch an den unwahrscheinlichsten Stellen tun.

Sein Buch ist nicht nur ein faszinierender Bericht der außergewöhnlichen Reichweite und Beharrlichkeit des Christentums, das sich über Generationen und Gesellschaften hinweg entwickelt und angepasst hat. Er argumentiert zudem, dass christliche Werte, die manchmal zu Sklaverei, Imperium und Krieg geführt haben, trotzdem im Kern dessen liegen, was den Westen zivilisiert und gut macht.

Das hat Leute aufgeschreckt, für die es unumstößlich ist, dass nur der Säkularismus Gutes produziert, während Religion nur Schlechts schafft. Aber Holland stellt heraus, dass sogar Angriffe säkularer Liberaler auf christliches Denken von den christlichen Werten der Toleranz und Fairness motiviert sind.

Natürlich gibt auch einen Elefanten in diesem besonderen Raum. Denn obwohl diese westlichen Kernprinzipien vom Christentum eingeführt und verbreitet wurden, liegt ihre Herkunft in der hebräischen Bibel.

Holland schenkt den jüdischen Grundlagen des Christentums gebührende Beachtung, ebenso der furchtbaren Art, wie das Christentum sich in der Vergangenheit gegenüber den Juden verhalten hat.

Was aber so viele übersehen: Die moralischen Prinzipien, die vermeintlich vom Christentum erfunden wurden – z.B. Mitgefühl, Fairness, für die Armen sorgen oder andere an die erste Stelle setzen – sind der Welt allesamt von der hebräischen Bibel vorgestellt worden.

Es ist der mosaische Kodex des Judentums, der dem Westen sein Gewissen und die Wurzeln seiner Zivilisation gab, indem er dem selbstsüchtigen Appetit der Menschen Ketten anlegte. Und es fällt auf: Jede zeitgenössische Ideologie, die darauf abzielt den Westen zu untergraben oder umzuformen, gründet auf Gegnerschaft zu jüdischen religiösen Überzeugungen, jüdischem Moralkodex oder dem jüdischen Heimatland in Israel.

Tiefgrünes Umweltbewusstsein zum Beispiel will die Menschen von ihrem Sockel aus der Genesis stoßen, dass er die Krone der Schöpfung ist; die Wahl sexueller Lebensstile negiert die moralischen Codizes des Judentums; wissenschaftlicher Materialismus verwirft den Glauben an den göttlichen Schöpfer der Welt; der Antizionismus bestreitet das Recht der Juden auf ihr eigenes Heimatland; und linkem Universalismus ist es angeboren das Judentum anzugehen, das mit einem sturen und einzigartigen Überzeugungssatz immer einer jeden Universalisierungsideologie im Weg stand.

Ein großer Teil des säkularen Ansturms geht auf die zentrale Idee der Aufklärung einer Welt zurück, die auf Vernunft gründet, von denen besonders französische Denker der Aufklärung meinten, sie stünde in Gegnerschaft zu Religion.

Aber das westliche Konzept der Vernunft kommt in Wirklichkeit aus der hebräischen Bibel. Vorstellungen wie ein geordnetes und rationales Universum, das gemäß einem linearen Konzepts strukturiert ist, waren revolutionäre Konzepte, die im ersten Buch Mose eingeführt wurden.

Diese Ideen waren grundlegend für die Entwicklung der westlichen Wissenschaften. Frühe Wissenschaftler glaubten, dass Naturgesetze notwendigerweise einen Gesetzgeber voraussetzen. So sagte Galileo Galilei: „Die Gesetze der Natur sind von der Hand Gottes in der Sprache der Mathematik geschrieben.“

Die Gegnerschaft von Religion und Wissenschaften, die säkulare Liberale als fundamental annehmen, ist dem Judentum sogar fremd. Da so viel aus der hebräischen Bibel im Verlauf der Jahrhunderte als Allegorie oder Metapher interpretiert worden ist, hat das Judentum Wissenschaften nicht als Bedrohung betrachtet.

Der jüdische Weise Maimonides im 12. Jahrhundert war das große Beispiel der Überzeugung, dass Wissenschaften und Religion einander ergänzen. Er schrieb, dass der Konflikt zwischen Wissenschaft und Bibel entweder einem Mangel an wissenschaftlichem Wissen oder einem fehlerhaften Verständnis der Bibel entstammt.

Ohne die hebräische Bibel hätte es keine westliche Rationalität oder Prinzipien wie Gerechtigkeit und Mitgefühl gegeben. Aber der Säkularismus behauptet, dass die Regel der Vernunft, getrennt von biblischer Religion, Schlechtes wie Vorurteil oder Krieg aus der Welt und dem menschlichen Herzen verbannen werde.

Unmöglicher Utopismus wie dieser führt unweigerlich zu Unterdrückung. Das erwies sich beim apokalyptischen Christentum des Mittelalters so, bei der französischen Revolution, dem Kommunismus und dem Faschismus; und so erweist es sich heute beim kulturellen Totalitarismus der Linken.

Wie alle Utopisten glaubt die Linke, ihre Ideen seien unangreifbar, weil sie angeblich für die Tugend selbst stehen. Alle, die gegen sie sind, liegen daher nicht nur falsch, sondern sind auch böse. Also müssen Häretiker wie Gelernter ausgemerzt werden, weil keiner Herausforderung des Säkularismus jemals Pardon gegeben werden darf.

Was säkulare Liberale nicht begreifen: Angriffe auf die jüdischen Konzepte im Kern des christlichen Westens sind nicht nur einfach eine Zurückweisung ihrer angeblichen Ideale der Toleranz und Rationalität, sondern sägen den Ast ab, auf dem sie selbst sitzen.

[1] „woke“ = wach, politisch bewusst (insbes. bzgl. linker Themen, diesen sehr positiv gegenüber eingestellt)

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Ein Gedanke zu “Darwinismus, Judentum und der Zusammenprall von Naturwissenschaften und Religion

  1. Wo soll den die Evolutionslehre „brilliant“ und „schön“ sein? Aussterben ist nichts von beiden, sondern immer ein Drame.

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