Die verschwiegene Geschichte von „Hava Nagila“

Unentdeckt: die früheste bekannte Version des hebräischen Liedes

Edwin Seroussi/James Loeffler, The Tablet, 19. September 2019

Jedes Lied trägt viele Geschichten in sich. Bevor es eine universale jüdische Hochzeits-Hymne wurde, ein europäischer Fußballgesang und ein jüdisches Musical-Klischee par excellence, begann das hebräische Lied „Hava Nagila“ als chassidische Volkslied-Melodie. Die vielen Leben des Liedes haben eine preisgekrönte Dokumentation, eine israelische Schlacht vor Gericht und ein Generationen andauerndes Zerwürfnis zwischen zwei jüdischen Familien hervorgebracht. Aber seine tatsächliche Entstehung blieb geheimnisumwoben. Wie konnte eine osteuropäische Volksweise zum zionistischen akustischen Symbol werden, nur um sowohl seine religiösen wie seine politischen Formen abzustreifen und sich einmal mehr in eine allgemeine Ode an die Freude zu verwandeln?

Die Geschichte beginnt mit dem Musiker Abraham Zvi Idelsohn. 1882 in Feliksburg im Nordwesten des russischen Reiches (dem heutigen Lettland) geboren, ließ er sich in Libau zum Kantor ausbilden, bevor er in den 1890-er Jahren zum Studium ans Berliner Stern-Konservatorium und die Leipziger Musikakademie ging. Idelsohn arbeitete dann als Kantor in Leipzig, Regensburg und Johannesburg (Südafrika). 1907 siedelte er mit seiner Familie nach Jerusalem über.

In direkter Nachbarschaft zu Eliezer Ben-Yehuda, dem Vater des modernen Hebräisch, setzte sich Idelson als persönliches Ziel eine moderne hebräische Musik zu schaffen, die die nationale Wiedergeburt jüdischen Lebens in seiner angestammten Heimat begleitet. Im Geist des zionistischen Philosophen Ahad Ha’am begann Idelsohn all die Reichtümer jüdischer musikalischer Traditionen zu sammeln, die er im osmanischen Palästina und in der gesamten Diaspora fand. Unter Verwendung der aufkommenden Aufzeichnungstechnologie begann er Volkslieder zu transkribieren und machte Aufnahmen vor Ort, um einen alt-neuen Musikklang zu formen, der (aus seiner Sicht) authentisch jüdisch sein würde. Das bedeutete das aufzudecken, von dem er sich vorstellte, es sei die älteste Schicht von Melodien aus der Zeit vor dem Exil, die allen jüdischen Traditionen gemeinsam war und sie von den fremden Zugängen durch das Exil zu befreien.

Idelsohns Projekt war ein ungeniert politisches. Er verurteilte die kulturelle und spirituelle „Assimilation“, die er unter deutschen Juden erlebte. Er griff die anderen jüdischen Musiker an, weil sie in die europäische klassische Musik strömten, statt sich für ihr eigenes Erbe zu interessieren. Viele seiner Innovationen – das erste große hebräische Liederbuch für Schule und Synagogen, das erste Schulbuch zur Geschichte der jüdischen Musik, die erste hebräische Oper und sein bahnbrechendes zehnbändige Werk Hebräisch-orientalischer Melodienschatz (1914-1932) – sollten Zionismus verbreiten, Juden dazu drängen eine nationale kulturelle Identität anzunehmen, die in den gemeinsamen Quellen des erneuerten kulturellen Lebens in Zion wurzelt. Wie andere Architekten dieser neuen hebräischen Kultur spürte Idelsohn jüdisch-religiöser Kultur nach, um sie als neue säkular-nationale Traditionen zu gestalten.

Idelsohns Manuskript-Skizze von „Hava Nagila“, arrangiert für Gesang und Piano. (National Library of Israel)

In diesem Zusammenhang fand 1918 die Premiere von Idelsohns neuem Lied „Hava Nagila“ statt, bei einem Konzert für gemischte Chöre in Jerusalem. Der genaue Veranstaltungsort des ersten Auftritts ist unklar, aber es scheint bei einer öffentlichen Feier zu einem von drei Ereignissen vorgestellt worden zu sein: der gerade abgegebenen Balfour-Erklärung vom 2. November 1917, General Allenbys Übernahme der Kontrolle Jerusalems und Palästinas am Ende des Ersten Weltkriegs oder des Legens des Grundsteins für die hebräische Universität im Juni 1918. Auf jeden Fall feiert der Kontext zionistischen politischen Gewinn. Und die Eröffnungszeile von Idelsohns hebräischem Text verdeutlicht das Gefühl eines bedeutsamen Ereignisses: „Hava nagila, hava nagila / Hava nagila we nis-mechah“ – „Kommt, lasst uns jubeln, lasst uns jubeln, lasst uns jubeln und fröhlich sein“. Diese Zeilen sind dem Vers aus Psalm 118,24 nahe: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat. Wir wollen jubeln und uns an ihm freuen.“ Dieser wird während des Hallel rezitiert, den besonderen Dank-Psalmen, die der jüdischen Liturgie zu Festen und anderen freudigen Gelegenheiten hinzugefügt wurden. Für einen zionistischen Aktivisten wie Idelsohn hätte es keine bessere Gelegenheit für die Vorstellung eines solchen Liedes geben können als die fühlbaren Anfänge der Erfüllung des Traums von einer jüdischen nationalen Heimstatt.

Was ist mit der Melodie? Viel später, 1932, schrieb Idelsohn, dass er die Melodie ursprünglich 1915 von einem Sadegurer Chassiden in Jerusalem transkribierte. Die Sadegurer Chassiden-Gemeinde verfolgt ihre Wurzeln in die Stadt Sadigura in der Bukowina des Kaiserreichs Österreich-Ungarn (heutige Ukraine) zurück. Ihr Gründer, Rabbi Avrohom Yaakov Friedman, war einer von sechs Söhnen des Rabbiners Yisrael Friedman, der mit seinem Hofgefolge wegen politischer und religiöser Verfolgung von der anderen Seite der Grenze im russischen Rizhin in die Sicherheit des österreichisch-ungarischen Reiches floh. Jeder der Söhne des Riziner Rebbe gründete eine eigene Dynastie. Die Sadegurer Chassidim blieben bis zum Ersten Weltkrieg auf diese Stadt konzentriert; dann flohen ihre Leiter nach Wien und schließlich 1938 nach Tel Aviv.

Der Ankunft der Sadegurer in Palästina Ende der 1930-er Jahre ging eine Untergruppe voraus, die sich Jahrzehnte vorher als Teil der konstanten, wenn auch nicht massiven chassidischen Immigration in das osmanische Palästina ansiedelte. So war es möglich, dass Idelsohn dieser Gemeinschaft 1915 in oder um Jerusalem begegnete, kurz bevor er zwangsweise in die osmanische Armee rekrutiert wurde, in der er während Teilen des Ersten Weltkriegs als Militär-Kapellmeister in Gaza diente. Andererseits verbrachte Idelsohn den Winter 1913 und Anfang 1914 auf einer Spendensammel-Reise nach Berlin und Wien. Also hörte er die Melodie vielleicht dort.

Einer der Gründe, dass wir das nicht sicher wissen, sind die Störungen und Ortswechsel in Idelsohns Leben. Kurz nachdem er „Hava Nagila“ erdachte, verließ Idelsohn Palästina auf spektakuläre Weise, zuerst nach Europa und schließlich nach Cincinnati, wo er einen neuen Lehrauftrag für jüdische Liturgie am Hebrew Union College annahm. Sein Weg vom zionistischen Kulturaktivisten zum akademischen Ausbilder an dem unerschütterlich nichtzionistischen Reform-Seminar war steinig. Idelsohn begrüßte eindeutig die Chance den Kurs des amerikanischen Judentums zu beeinflussen und seine Prägung erweist sich in der Art, wie die jüdische Reform- wie auch die konservative Bewegung anfingen Musik in ihre Bildungs- und Gemeindearbeit einzubringen. Aber er hatte damit zu kämpfen sich sozial und wirtschaftlich anzupassen und vermisste seine engere Familie, von der viele nach Johannesburg gezogen waren. Die Vermutungen seiner Kollegen bezüglich seiner Politik halfen auch nicht. Genauso wenig ein unbedeutender Skandal, der Idelsohn und einen Vertrauensmann aus dem Mittleren Westen involvierte, der den zugewanderten Professor betrog. Dann kam eine kräftezehrende Krankheit, die zur Frühpensionierung führte und dazu, dass er selbst nach Südafrika zog, wo er 1938 starb.

Derweil verbreitete sich Idelsohns Lied wie ein Lauffeuer in der jüdischen Welt. Unmittelbar nach seiner Premiere in Jerusalem, schrieb er später, „verbreitete sich Hava schnell im ganzen Land“, eines von einer Reihe neu komponierter Pionier-Lieder, die dann Gunst in Kibbuzim und Moschawim Gefallen fanden. Auf dem Weg nach Cincinnati produzierte er in Berlin 1922 die erste kommerzielle Aufnahme dieses gefeierten „palästinensisch“-hebräischen Liedes, eine Produktion, die weiter zur Verbreitung von „Hava Nagila“ über den Jischuw hinaus beitrug. Gleichzeitig kurbelten seine Veröffentlichungsanstrengungen rasch das Profil des Liedes. „Hava Nagila“ erschien in der zweiten Ausgabe seines hebräischen „Sänger“, ebenfalls 1922 in Berlin gedruckt. Danach drang es in den späten 1920-er und den 1930-er Jahren schnell in zionistischen Jugendkreisen und Sommerlager in Europa und Nordamerika vor.

Idelsohns Veröffentlichung von „Hava Nagila“ 1922 in „Sefer haschirim“ (Berlin) (Dank an das Jewish Music Research Center an der Hebräischen Universität Jerusalem)

Derweil dauerten Fragen zu „Havas“ Herkunft und Idelsohns Rolle bei seiner Autorenschaft an. Ein Gericht in Tel Aviv deckte in den 1960-ern eine bittere gerichtliche Auseinandersetzung um Lizenzgebühren des Liedes auf. Jahrzehnte lang haben die Nachkommen von Kantor Mosche Nathanson, einem in Jerusalem geborenen Kantor, der nach New York City zog, nachdem er in seiner Jugend mit Idelsohn studierte, behauptet, er sei es gewesen, der praktisch die unsterblichen Worte auf die Melodie gesetzt hatte, die von seinem Lehrer als Teil einer Aufgabe gestellt wurde. Die Dokumentation Hava Nagila: The Movie aus dem Jahr 2012, stellte lebende Mitglieder der beiden Familien vor, die in rhetorischem Kampf um die Autorenschaft des Liedes feststeckten.

Viele Jahre lang sind Forscher zu dem Schluss gekommen, dass es kaum die Möglichkeit gab noch irgendetwas über den Ursprung von „Hava Nagila“ verifizieren zu können. Bis vor ein paar Wochen. Im August kehrte einer von uns (Edwin Seroussi) in die Klau-Bibliothek des Hebrew Union College (HUC) in Cincinnati zurück, 40 Jahre, nachdem er das Privileg hatte zwei Monate dort zu verbringen, um die große Birnbaum-Sammlung jüdischer Musik zu katalogisieren, die von der Klau-Bibliothek beherbergt wird. Mit der enthusiastischen Zusammenarbeit der heutigen Bibiotheksmitarbeiter erkannten wir, dass mehrere, Idelsohn gehörende wichtige Aufzeichnungen an seinem letzten Arbeitsplatz verblieben – dem HUC. Dieses Material in die Öffentlichkeit zurückzubringen war das Ziel des letzten Besuchs.

Als Idelsohns Familie ihn – fast völlig gelähmt – 1937 nach Südafrika brachte, begleitete ihn sein Besitz. Diese Sammlung beinhaltete seine umfangreiche Korrespondenz sowie viele seiner Schriften, Fotografien und Partituren. In den frühen 1960-er Jahren stifteten seine Erben sie der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem (heute die Nationalbibliothek Israels). Trotzdem hatte Idelsohn zuvor der Klau-Bibliothek des HUC in Cincinnati einige seiner wichtigen Manuskriptbände gestiftet. Er gestaltete sogar einen Sonderkatalog für diese Dinge. Aus unbekannten Gründen blieben diese kostbaren Materialien jedoch ein Dreivierteljahrhundert unbearbeitet und wurden erst vor kurzem zur Konservierung und Katalogisierung wieder erfasst.

Einzigartig in dieser wiedergefundenen Idelsohniana sind seine Hefte, sechs an der Zahl, in denen er die Melodien eintrug, die er beginnend 1907 sammelte, während er seine Feldforschung im osmanischen Palästina betrieb die er mit seinen eigenen Kompositionen mischte. In den folgenden Jahrzehnten sollten diese wahllos gesammelten Melodien, entsprechend ihrer Ursprungsgemeinden aufgezeichnet, seine große Publikation ausmachen, den Orientalisch-hebräischen Melodienschatz. Er hinterließ zudem komplette Entwürfe und Manuskripte seiner zwei wichtigen Bücher Jüdische Musik in ihrer historischen Entwicklung (1929) und Jüdische Liturgie in ihrer Entwicklung (1932) sowie viele andere Dokumente und zusätzliche Korrespondenz.

Eines der Hefte, „I4a“ im Originalkatalog, beinhaltet, was offenbar die früheste und Originalnotierung der Melodie ist, die schließlich das Lied „Hava Nagila“ werden sollte. Dieses Heft ist, anders als die anderen, nicht datiert, sondern beinhaltet ein Lied aus dem Jahr 1906. Es erscheint jedoch so, dass Idelsohn in den Folgejahren Material hinzufügte.

Die früheste Notierung der Melodie, die schließlich das Lied „Hava Nagila“ werden sollte (Dank an die Klau-Bibliothek, Hebrew Union College – Institute for Religion, (CN) Idelsohn 4a)

Von rechts nach links geschrieben, wie Idelsohn einen Großteil seiner Musik aus der Zeit um 1908 bis er Palästina 1921 verließ, ist dieses chassidische niggun fast identisch mit der normgebenden Version von „Hava Nagila“, die bis heute kursiert. Wie erwähnt behauptete Idelsohn in Band 9 des Melodienschatzes (1932), dass er die Melodie 1915 bei in Palästina lebenden Chassiden des Sadigura-Hofstaats sammelte. Angesichts dieser neuen Entdeckung könnte es jedoch durchaus sein, dass er die Melodie schon früher sammelte, höchstwahrscheinlich ein paar Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Solche Ungenauigkeiten sind in seinen späteren Publikationen nicht unüblich.

Ein wichtiges Detail aus diesen frühen Notierungen der Melodie ist erwähnenswert. Andererseits schrieb Idelsohn auf Hebräisch „Chasidit krilovitz me-Sadigura“ d.h. „chassidische [Melodie des] Krilowitz aus Sadigura“. Dieses subtile Detail könnte implizieren, dass die „Sadigura-Krilowitz“-Anmerkung, die oben auf der Version des niggun in Band 9 von Idelsohns Schatz sich nicht notwendigerweise auf zwei Städte bezieht, die beide chassidische Gerichte hatten, Sadhora/Sadigura (in der Bukowina in der Ukraine) und in Krilowitz (in Podolia in der Ukraine), aus denen die Melodie stammen. Diese Anmerkung kann auch so gelesen werden, dass eine Person (natürlich einen Chassid) namens Krilowitz (ein übrig gebliebener Familienname) kennzeichnet, der aus Sadigura stammt und trotzdem öffnet die Präposition „aus“ in der Anmerkung die Möglichkeit eine bestimmte Einzelperson zu lokalisieren, die Idelsohn die inzwischen allgegenwärtige jüdische Melodie weltweit überlieferte.

Die am tiefsten gehende Kritik am Zionismus war gemäß Gerschom Scholem eine Zeile, die vom deutsch-jüdischen Philosophen Hermann Cohen geäußert wurde: „Diese Typen wollen einfach glücklich sein.“ Vielleicht ist das genau das, was Idelsohn im Sinn hatte, als er eine chassidische Melodie als zionistische Hymne neu fasste. Aber Musik hat ihre eigenen Regeln. Letztlich ging „Hava Nagila“ über seine mystischen Wurzeln in Osteuropa und seine moderne hebräische Neufassung im osmanischen/britischen Palästina hinaus, um ein universales Symbol jüdischen Glücklichseins zu werden. Was Idelsohn aus dem Schicksal seines Liedes heute machen würde – oder aus dem Zionismus – kann man nicht beantworten. Aber das Geheimnis seiner Herkunft ist heute ein wenige näher daran gelöst zu werden.

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