Deutschen Antisemitismus überwinden

Maßnahmen wie mehr Sicherheitspersonal und das Verbot von Hitlergrüßen ändern keine Einstellungen, die die Krux des Problems sind. Neue kreative Wege zur Sicherstellung der Ausmerzung des Antisemitismus müssen überlegt werden.

Ron Jontof-Hutter, Israel HaYom, 23. Oktober 2019

Nach den Schüssen an der Synagoge in Halle an Yom Kippur gab es die üblichen Ergüsse an Verurteilungen, Blumengedecke für die Opfer, unterstützende Wohlfühl-Erklärungen. Die deutsche Regierung reagierte eilig mit dem Versprechen von „mehr Sicherheitsmaßnahmen“.

Die Schüsse an der Synagoge folgten nur Tage nachdem ein Messer schwenkender Syrer versuchte in die Neue Synagoge in Berlin einzudringen. An einer anderen Stelle wurde einer Hebräisch sprechenden Frau ein Ziegelstein an den Kopf geworfen. Auch zwei Rabbiner wurden angegriffen, was Deutschlands Beschämung verstärkte.

Leider ist „mehr Sicherheitsmaßnahmen“ keine Strategie, sondern eine Wundpflaster-Maßnahme. Paradoxerweise verstärkt es die Wahrnehmung, dass Juden für die deutsche Gesellschaft nebensächlich sind, worüber ich früher schon geschrieben habe.

Mehr Sicherheitsmaßnahmen für Synagogen sind zwar notwendig, werfen aber die Frage auf, ob Juden wirklich Teil des Mainstream-Deutschland sein können. Mehr Sicherheitsmaßnahmen bedeuten mehr festungsartige Gemeinden, definiert durch Angst.

Zusätzlich haben deutsche Amtsträger Juden geraten ihre Identität in der Öffentlichkeit zu verbergen, es zu vermeiden Ketten mit Davidstern zu tragen, Mezuzot nur innen an ihren Türrahmen anzubringen usw.

Von jüdischen Gemeinden ist verzeichnet, dass sie vor fast 2.000 Jahren entlang des Rheins in relativer Harmonie lebten. Während heidnische germanische Stämme vom fünften bis achten Jahrhundert allmählich das Christentum annahmen, folgten antijüdische Verschwörungstheorien, die zu Gewalt und Massakern ermutigten, besonders im elften Jahrhundert. Diese Theorien, darunter Beschuldigungen der Brunnenvergiftung und Verursachung des Schwarzen Todes, wurden in der Folklore und nationalen Narrativen derart eingegraben, dass sie sogar die Ideale der Aufklärung überstanden, die über Europa hinwegfegten. Rationales Denken und wissenschaftlicher Fortschritt, die für die Aufklärung so zentral waren, veränderten nicht die tief eingebetteten antisemitischen Einstellungen. Die Tatsache, dass Juden in Deutschland Musterbürger waren, später rund 20% der deutschen Nobelpreise gewannen, obwohl sie weniger als 0,75% der Bevölkerung stellten, deuten an, dass Antisemitismus in der Kultur sehr tief eingegraben war.

Ursprünglich dämpfte das Nachkriegsdeutschland seinen offenen Antisemitismus etwas, aber im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte wurden die Antisemiten kühner, ehemalige Tabus wurden beiseite gewischt.

Deutschlands Schuld wegen des Holocaust ist auf verschiedene Weisen zum Ausdruck gebracht worden, so mit dem Bau von Synagogen, aber Deutschland projizierte seine Schuld auch auf Israel, das für das heutige Deutschland die traditionelle Rolle des Juden übernimmt.

Daher ist es verwirrend, wenn trotz einer winzigen jüdischen Bevölkerung von rund 100.000 in einem Land von 82 Millionen Zahlen der deutschen Regierung andeuten, dass sich 40% der Deutschen antisemitische Einstellungen zu eigen machen und die Zahl weiter zunimmt.

Antisemitismus zu verwalten ist nie effektiv gewesen. Maßnahmen wie mehr Sicherheitsvorkehrungen und das Verbot von Hitlergrüßen ändern keine Einstellungen, die die Krux des Problems sind. Es müssen neue kreative Wege überlegt werden, um die Ausmerzung sicherzustellen. „Mehr Sicherheitsvorkehrungen“ müssen der Anfang sein, nicht das Ziel.

Was nötig ist, sind mutige, kreative Wege einen neuen Pfad zu beschreiten, der Einstellungen ändern wird. Über einige mögliche Initiativen, die Deutschlands einzigartige Position in der jüdischen Geschichte spiegeln, könnte nachgedacht werden:

  1. Deutsche Schulen müssen Pflicht-Einführungskurse einführen, die jüdische Geschichte und Kultur mit besonderem Hinblick auf Beiträge für Deutschland erklären.
  2. An Universitäten sollte Hebräisch, eine klassische Sprache, neben den beiden anderen klassischen Sprachen, Latein und Griechisch, angeboten werden.
  3. Die Grundzüge der jüdischen Feste sollten erklärt werden. Einige, wie Tu B’Schwat (das Neujahr der Bäume) finden in der aktuellen Sorge um die Rettung der Umwelt starken Widerhall.
  4. Kirchen müssen Kinder und Erwachsene lehren, dass Ersetzungstheologie in jeglicher Form aktuell kein christliches Dogma ist. Kirchen müssen unzweideutig klarstellen, dass solche Theologie die Grundlage von Pogromen, Vertreibungen, Verschwörungstheorien und Diskriminierung sind und im heutigen Deutschland keinen Platz haben.
  5. Schulkinder müssen lernen, dass Jesus ein praktizierender Jude war und das populäre Schimpfwort „Jude“ Jesus eigentlich entheiligt, was unchristlich ist.
  6. Die Geschichte und Entwicklung Israels muss mit besonderem Bezug zu seinen rechtlichen, historischen und moralischen Grundlagen gelehrt werden.
  7. Es sollte zu staatlicher Beteiligung, einschließlich öffentlicher Teilnahme an Festen wie Sukkot (Laubhüttenfest) und Hanukka ermutigt werden. Erst vor ein paar Tagen sah ich eine Polizeiwache in Australien mit einem Schriftzug auf dem Bürgersteig: „Wir wünschen Ihnen Schana Tova [ein gutes neues Jahr] 5780 und alles Gute für das Fest Yom Kippur!“ Als ich an zwei Polizistinnen vorbeiging, lächelten diese und wünschten mir ein frohes neues Jahr. Warum nicht auch in Deutschland?

Eine mutige Initiative, die über „mehr Sicherheitsmaßnahmen“ hinaus geht, ist dringend nötig, wenn Deutschland ernsthaft wünscht die Führung bei der Umkehrung des Antisemitismus in Europa zu übernehmen. Auch Juden müssen aufpassen sich nicht in Begrifflichkeiten von Antisemitismus zu definieren.

Das würde Gemeinde- und religiöse Leiter, Pädagogen, Anthropologen, Soziologen, Sozialpsychologen und andere involvieren, um einen geeigneten Fahrplan zu formulieren, der letztlich die fortlaufenden Trends umkehren würde. Statt finster dreinblickenden deutschen Führungspolitikern, die immer wieder Scham angesichts der jüngsten antisemitischen Übergriffe zum Ausdruck bringen, sollten sie Freude mit Juden bei einem Schabbat-Essen äußern, zum Neujahr Äpfel in Honig tauchen oder ein Essen in einer Laubhütte genießen.

Unkonventionell zu denken ist heute dringend erforderlich um den Lauf der Dinge aufzuhalten.

Würden solche Initiativen Zeit brauchen? Ja. Sind sie machbar? Ja. Gibt e seinen politischen Willen den Antisemitismus auszumerzen statt ihn nur zu managen? Vielleicht.

Ein Gedanke zu “Deutschen Antisemitismus überwinden

  1. Vielen Dank für diese wertvollen Überlegungen!
    Ich kann nur bestätigen, dass Antisemitismus vor allem in der Jugend gelegt wird. Daher kann eine längerfristige Strategie nur dort ansetzen. Es geht nicht nur um Deutschland. Auch in der Schweiz erleben jüdische Kinder im Alltag Antisemitimus, Jude ist ein Schimpfwort und die jüdischen Feiertage sind unbekannt. Und in vielen anderen Ländern ist es ebenso.
    Statt die Köpfe einzuziehen und sich noch mehr anzupassen, können Aufklärung, Öffnung und Information eine neue Ausgangsbasis schaffen, primär in Schulen, aber auch bei der Integration von Familien aus anderen Kulturen mit antisemitischen Traditionen.

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