Eine bahnbrechende arabische Initiative zur Distanzierung von BDS

Jenni Frazer, Jewish Journal, 20. November 2019

Das Mellennial Gloucester Hotel, wo die Konferenz Arab Council for Regional Integration veranstaltet wurde. (Foto: table-art.co.uk)

London – Bei einer bahnbrechenden Veranstaltung in London am 19. und 20. November kamen 30 Personen der Öffentlichkeit aus 15 Ländern der arabischen Welt zusammen, um die Bewegung Boykott, De-Investitionen, Sanktionen (BDS) gegen Israel zu verwerfen und zu direkten zivilen Beziehungen zwischen dem jüdischen Staat und ihren jeweiligen Gesellschaften aufzufordern.

Auf einer intensiven zweitägigen Konferenz, die ihren Abschluss mit einer Unterschriften-Zeremonie fand, diskutierte die Gruppe, inzwischen als Arab Council for Regional Integration (Arabischer Rat für Regionale Integration) einige der unnachgiebigsten Themen des Nahen Ostens und suchte Lösungen dafür; man forderte die Aussöhnung sowohl als Weg die Beziehungen zu Israel zu reparieren, als auch einige der größten internen Probleme in den eigenen Ländern gesunden zu lassen. Die Delegierten sprachen Probleme des „kalten Friedens“ der Verträge zwischen Israel und Ägypten sowie Israel und Jordanien an, ebenso wurde der Hoffnung Ausdruck verliehen in der Zukunft bei anderen Dingen in der Region zu kooperieren.

Zu den teilnehmenden Schlüsselpersönlichkeiten gehörten der ägyptische Parlamentsabgeordnete Anwar Sadat, Neffe des ermordeten Präsidenten und Parteichef der Reform- und Entwicklungspartei seines Landes; der ehemalige Informationsminister von Kuwait Sami Abdul-Latif Al-Nisf, der leidenschaftlich von den „Fehlern“ sprach, die im arabisch-israelischen Konflikt gemacht wurden – er erklärte auch: „Es ist ein Fehler darauf zu bestehen, dass Israel ein rassistischer Apartheidstaat ist, wenn es das eindeutig nicht ist“; dazu zwei wichtige religiöse Personen: Hassen Chalghoumi, ein tunesischer Geistlicher mit Wohnsitz in Paris und der libanesische Imam Saleh Hamed. Beide standen ernsten persönlichen Sicherheitsproblemen gegenüber, um an der Konferenz teilzunehmen.

Die Teilnehmer kamen aus der gesamten arabischen Welt; sie waren jung und alt, Männer und Frauen, Diplomaten, Persönlichkeiten aus Medien und Kunst, die oft mit der Führung ihres Staates hadern, aber eine nuancierte und unabhängige Route wählen, um über die Lösung des arabisch-israelischen Konflikts zu reden.

Einige der Delegierten, so Mohammed Dajani, ein palästinensischer Akademiker, der die arabische Welt damit schockierte eine Gruppe seiner Studenten nach Auschwitz zu bringen, waren bereits dafür bekannt Israel-Aktivisten zu sein. Aber viele der Meinungen waren höchst bedeutsam, nicht nur, weil sie Musik in jüdischen und israelischen Ohren sind, sondern weil dies das erste Mal ist, dass solche Äußerungen öffentlich und aktenkundig gemacht wurden.

Zufällig fand die Konferenz am Jahrestag des historischen Besuchs von Ägyptens Präsident Anwar Sadat in Israel 1977 statt; sie wurde vom US-Diplomaten und langjährigen Nahost-Friedensunterhändler Dennis Ross herzlich empfohlen. Es gab einige aufschlussreiche Diskussionen und Präsentationen. Nicht zuletzt gab es zahlreiche persönliche Geschichten über gute Beziehungen zu Juden und einen Appell mehrerer Teilnehmer an Juden in die arabischen Länder zurückzukehren und dort für Versöhnung zu arbeiten. Professor Dajani schlug vor, dass die Geschichten derer mit engen Kontakten zu Juden gesammelt werden und vom neuen Arabischen Rat veröffentlicht werden könnten.

Extremismus und Terrorismus wurden beklagt sowie Sorge über „Gehirnwäsche“ bei Kindern in Schulen und Studenten an Universitätsebene zum Ausdruck gebracht; zudem bemerkenswerterweise vom Geistlichen Hassan Chalghoumi eine Verurteilung der „Politisierung“ des Islam sowie von Saleh Hamed aus dem Libanon ein Appell an Europa hart gegen die Zahl der Moscheen vorzugehen, in denen Imame Hass predigen.

In einem Videolink aus Washington DC sagte Botschafter Ross den Teilnehmern, ihre Ausführungen „wären wunderbar gewesen, hätten sie Jahre früher stattgefunden“, aber trotzdem hieß er die Initiative willkommen. Er sagte: „Ihr repräsentiert die Stimmen, die genug sagen. Je mehr Stimmen wie eure bereit sind sich zu äußern, desto mehr werdet ihr eure Stimmung [im Gespräch] mit Israel aufbauen und desto mehr werdet ihr Israels Führer beeinflussen. Ihr repräsentiert einen Strahl der Hoffnung: Es ist ein mutiges Tun, aber auch das Richtige und ich bin von eurem Beispiel inspiriert. Ihr wisst, ihr seid auf dem richtigen Weg.“

Die Veranstaltung wurde vom Center for Peace Communications aus den USA gefördert, deren Vorstand Dennis Ross leitet. Das CPC beschreibt sich selbst als „eine Gruppe Amerikaner, die glauben, dass Sicherheit und Wohlstand im Nahen Osten und Nordafrika Frieden zwischen Völkern erfordert.“ Joseph Braude, der die Konferenz einberufen hatte, ist ein ranghoher Mitarbeiter im Middle East Program des Foreign Policy Institute in Washington DC sowie Gründer und Präsident des CPC.

Es waren keine Israelis dabei, weil einige der Delegierten in ihren Heimatländern wegen des „Verbrechens“ der Normalisierung der Beziehungen Strafverfolgung ausgesetzt sein könnten. Es war eindeutig, sagte Braude, „eine zivile Initiative, an der keine Regierung beteiligt gewesen ist“, aber die zum Ausdruck gebrachten Ansichten werden zwangsläufig im gesamten Nahen Osten nachhallen.

Der ehemalige Nahost-Gesandte und britische Premierminister Tony Blair gab am Ende der Veranstaltung einen Überraschungsauftritt per Videolink, um die Konferenz und ihre Ziele zu kommentieren.

In ihrer Gründungserklärung, vorgelesen vom britischen Friedensaktivisten Marquis of Reading, sagten die Delegierten, sie wollten „jede Bemühung unterstützen, um Frieden, Koexistenz und Aussöhnung sowie Integration bei den Ländern der Region zu unterstützen“.

Um ihren Ländern zu nutzen, sagten sie, wollten sie „die Barriere des Boykotts innerhalb der Region – insbesondere den arabischen Boykott Israels – durchbrechen, was Partnerschaft in Technologie, Medizin, Infrastruktur, Geschäften, Wirtschaft und auf dem Feld der menschlichen Sehnsüchte behindern“.

Der Boykott, sagten sie, „behindert auch die Hoffnungen auf Frieden zwischen den Völkern Israels und Palästinas: Abgehalten davon eines der beiden Völker direkt zu kontaktieren, waren die Araber nicht in der Lage Bande zu kultivieren, die es uns ermöglicht hätten Versöhnung und Kompromiss auf beiden Seiten zu fördern. Insgesamt verstärkte der Boykott das Leiden unserer Gesellschaften und schwächte unsere Kapazitäten.“

Die Delegierten applaudierten zwar dem „Aufkommen fairer, besonnener Stimmen, die zu Veränderungen (im Nahen Osten) aufrufen“, aber sie gestanden auch ein, dass es „eine Bandbreite an Akteuren sowohl innerhalb der Region als auch außerhalb [gibt], die Druck ausgeübt haben, um die Kultur der Ausgrenzung und die Verbreitung von Hass intensivieren… diese tragischen Kampagnen haben Entwicklung, Wohlstand und Fortschritt in arabischen Staaten gestoppt, zur Verbreitung von Terrorismus, Extremismus und wirtschaftlichem Zusammenbruch geführt sowie nationale Aussöhnung und wirtschaftlichen Frieden behindert.“

Braude sagte dem Journal, die Zusammenkunft sie „eine Gelegenheit für Stimmen gewesen, die dieselben Überzeugungen teilen, denen aber eine organisatorische Plattform gegeben worden ist sie zum Ausdruck zu bringen.“

Der Rat richtet jetzt eine Reihe engagierter Komitees für Kunst, Politik und eine eigene Plattform sozialer Medien und plant weitere Treffen in Washington innerhalb von zwei Monaten, um den Fortschritt zu besprechen.

Point of No Return kommentierte Frazers Artikel am 21. November 2019:

Diese Initiative ist willkommen, verfehlt es aber „bahnbrechend“ zu sein, weil sie den Elefanten im Raum nicht angeht: Das Versagen der arabischen Welt direkt mit Israelis zu reden. Berichte, wie gut Juden und Araber miteinander klarkommen und Aufrufe an Juden [in arabische Länder] zurückzukehren gehören ins Reich der Phantasterei: Die arabische Seite muss eingestehen, dass sie mit echten Israelis reden muss, die mehrheitlich aus arabischen und muslimischen Ländern stammen. Seltsamerweise lobt Dennis Ross sie für den „Aufbau einer Stimme um Israels Führer zu beeinflussen“ – was ist mit den Führern der arabischen Welt?

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