Islam und der Westen: Motive hinter dem falschen Narrativ

Raymond Ibrahim, 26. November 2019

Jede ehrliche Beurteilung des historischen Jihad des Islam gegen die christliche Welt muss, gelinde gesagt, ein Augenöffner sein. Im ersten Jahrhundert seiner Existenz (zwischen 632 und 732) eroberte, arabisierte und islamisierte der Islam fast drei Viertel der nachrömischen christlichen Welt, die dabei dauerhaft aufgelöst wurde. Europa wurde als „der Westen“ bekannt, weil es buchstäblich der Rest und der westlichste Teil des Christentums war, der nicht vom Islam geschluckt wurde.

Grob ein Jahrtausend lang führten Araber, Berber, Türken und Tataren – die sich allesamt Muslime nannten und als solche betrachteten – in praktisch jeder Ecke Europas einen Überfall nach dem anderen durch, alle gerechtfertigt und als Jihade gepriesen. Sie kamen bis nach Island und provozierten die USA in ihren ersten Krieg als Nation. Die Verheerungen waren unbeschreiblich; manche Regionen Europas, besonders in Spanien und auf dem Balkan, blieben infolge der unaufhörlichen Angriffe unbewohnbar. Rund 15 Millionen Europäer wurden während dieses immerwährenden Jihad versklavt und nach Angaben der zeitgenössischen Berichte, grauenhaft behandelt.

Kurz gesagt: „Wenn wir … uns fragen, wie und wann die moderne Auffassung von Europa und der europäischen Identität geboren wurde“, schreibt der Historiker Franco Cardini, „wir erkennen das Ausmaß, in dem der Islam in seiner Schaffung ein Faktor war (wenn auch ein negativer). Wiederholte muslimische Aggressionen gegen Europa zwischen dem siebten und achten Jahrhundert, dann zwischen dem vierzehnten und dem achtzehnten Jahrhundert … waren eine „gewalttätige Hebamme“ für Europa.“

Hier kommt die unvermeidliche Frage auf: Wie konnte eine so lange, gut dokumentierte Geschichte totaler islamischer Aggression, die gewaltige Auswirkungen auf die Entwicklung westlicher Zivilisation hatten, die heute als Antithese der Wirklichkeit präsentiert wird?

Die Antwort kreist um eine Reihe moderner Philosophien – von der Aufklärung bis zum moralischen/kulturellen Relativismus – die jede zu einem alles durchdringenden „Narrativ“ zur historischen Beziehung zwischen dem Islam und dem Westen beigetragen haben. Mit der Darstellung des Westens als Aggressor und des Islam als Opfer – daher die fortgesetzten Beschwerden des Letzeren mit der darauf gründenden Feindlichkeit – ist diese Geschichte so eingegraben, wie sie das Gegenteil der Wirklichkeit ist.

Um das zu begreifen, muss man erst einmal verstehen, dass trotz seiner vielen Erscheinungsformen, Permutationen und Schwerpunkten im Verlauf der Jahrhunderte die unausgesprochene Triebkraft weitgehend dieselbe gewesen ist: um einen Bruch des traditionellen Erbes, Religion, Identität und Gepflogenheiten Europas  zu dämonisieren und zu rechtfertigen. Wenn das weit hergeholt klingt, bedenken Sie: Während nach jedem objektiven Standard der Westen für praktisch jeden Segen verantwortlich ist, der heute als selbstverständlich gehalten wird – von wissenschaftlichen, technologischen, wirtschaftlichen und medizinischen Fortschritten über die Abschaffung der Sklaverei bis zu Antidiskriminierungsgesetzen – hasst kein Mensch welcher Rasse oder Zivilisation auch immer sein Erbe, außer Westlern. Da stimmt eindeutig etwas nicht.

Oder bedenken Sie, wie Linke/Liberale/Progressive, die andauernd gegen jeden Rest westlichen Traditionalismus plärren, gewohnheitsmäßig gemeinsame Sache mit dem Islam machen – trotz dessen wahrlich unterdrückerischer Qualitäten. So verurteilen Feministinnen das „Patriarchat“ des Westens – sagen aber nichts gegen den muslimische Umgang mit Frauen als Eigentum; Homosexuelle verurteilen christliche Bäckereien – sagen aber nichts gegen die Hinrichtung von Homosexuellen durch Muslime; Multikulturalisten verurteilen Christen, die es ablehnen ihren Glauben niederzuhalten, um den religiösen Sensibilitäten muslimischer Minderheiten entgegenzukommen – sagen aber nichts gegen die eingegrabene und offene muslimische Verfolgung von Christen.

Der Grund für diese Diskrepanzen ist einfach: „Der Feind [Islam] meines Feindes [Christentum] ist mein Freund.“

Wie und warum solch eine formell durchaus bekannte Geschichte muslimischer Aggression gegen Europa ab hier nicht nur einfach unterdrückt wurde, sondern anfangen sollte Sinn zu machen: Von allen nicht europäischen, nicht christlichen Völkern lebten einzig die Muslime mehr als ein Jahrtausend lang neben und interagierten mit Europa (soll heißen: waren übergriffig und führten Krieg gegen Europa); das machte die Muslime zu den einzigen Leuten – das einzige Gegenstück – das verwendet werden konnte um das Argument gegen das prämoderne Europa genutzt werden konnte. Aber zuerst wurde ein intellektuell befriedigender Weg benötigt, Muslime in die Rolle als Opfer zu bringen, statt als Eroberer.

Dann betrat 1978 das Buch Orientalism des Literaturprofessors Edward Said die Bühne. Seine zentrale These lautet, dass die Orientalisten – die Europäer, die das akademische Studium des Ostens vor Jahrhunderten begannen – nicht objektiv über Muslime und ihre Geschichte schrieben, sondern sie stattdessen absichtlich verleumdeten und stereotypisierten, um zu rechtfertigen, dass man in der Kolonialzeit über sie herrschte.

Das machte perfekt Sinn – aber nur, weil das postmoderne, westliche Gemüt bereits darauf vorbereitet war. Denn wenn, wie der marxistische Materialismus es lehrt, Ideen/Religionen keinen Einfluss auf die Geschichte haben (und damit veranlasste wirtschaftlicher Bedarf, nicht „Jihad“ die Muslime sich auszubreiten); wenn es, wie der Relativismus und der davon hervorgebrachte Multikulturalismus lehren, keine absoluten Wahrheiten gibt, weder religiös noch sonstwie (und damit keine Kultur oder Zivilisation „besser“ ist als andere); wenn, wie Populärpsychologie lehrte, gewalttätiges und negatives Verhalten immer ein Produkt sozialer Ungerechtigkeiten ist (und je mehr Muslime sich gewalttätig verhalten, desto mehr beweist das nur, dass sie frustrierte Opfer sind) – was sagt das dann über die Jahrhunderte europäischer Schriften, die Muslime durchweg als von Gewalt und Begierde ideologisch getrieben darstellen?

Einfach: Man tut sie als eifernde und heuchlerische Lügen der verachtenswerten Christen und Europäer ab, die darauf aus sind einen überlegenen, toleranteren Glauben und Zivilisation zu dämonisieren. Damit war ein komplett neuer akademischer Ansatz gegenüber dem Islam geboren – der, dem alle historischen Schriften genommen sind, die dem Narrativ nicht entsprechen. Die Geschichte sollte nicht länger Ideen und Einstellungen formen; stattdessen sollten vorgegebene Ideen und Gesinnungen – Wunschdenken – die Geschichte formen.

Bernard Lewis, selbst Ziel von Edward Saids Orientalism, fasste diesen neuen Ansatz – oder „Pseudo-Geschichte“ – treffend zusammen:

Gemäß einer aktuellen modischen, erkenntnistheoretischen Ansicht gibt es absolute Wahrheit entweder nicht oder sie ist unerreichbar. Daher spielt Wahrheit keine Rolle; Fakten spielen keine Rolle. Aller Diskurs ist eine Manifestation einer Machtbeziehung und alles Wissen ist schiefstehend. Daher spielt Genauigkeit keine Rolle; Beweise spielen keine Rolle. Alles ist eine Sache der Haltung. – die Motive und die Ziele – des Nutzers von Wissen und das könnte schlicht für sich selbst reklamiert oder einem andren angedichtet werden. Beim Unterstellen von Motiven ist die Irrelevanz von Wahrheit, Fakten, Beweisen und sogar Plausibilität eine große Hilfe. Die bloße Behauptung genügt.“ (Islam and the West, S. 115)

Der Erfolg von Orientalism liegt weniger in irgendetwas, das ihm innewohnt – der amerikanische Altphilologe Bruce Thornton charakterisiert es als ein „zusammenhangloses Amalgam aus dubioser postmoderner Theorie, sentimentaler Dritte-Welt-Idealisierung, eklatanten historischen Fehlern und westlichen Schuldgefühls – und mehr, weil das in den im Westen vorherrschenden Zeitgeist passt (der natürlich durch „dubiose postmodernen Theorie, sentimentale Dritte-Welt-Idealisierung eklatante historische Fehler und westliche Schuldgefühle“ gedeiht).

Dieses Narrativ überwiegt heute nicht deshalb, weil die Menschen belesen sind oder der akademischen Welt Aufmerksamkeit widmen; so demonstrierte der französische Historiker Marc Ferro in seinem Buch Cinema and History (1988), dass für die überwiegende Mehrheit der Menschen im Westen ihr geschichtliches Wissen aus Filmen stammt. Und fast jeder große Film, der von vormodernen Europäern und Muslimen handelt – Robin Hood (1991), Kingdom of Heaven (2005) usw. – vergleicht scheinheilige, intolerante und fanatische Christen mit gebildeten, fortschrittlichen und toleranten Muslimen. Lewis schrieb schon 1997 als Kommentar zu solchen Filmen: „Die Fehldarstellung der Vergangenheit im Kino ist vermutlich die fruchtbarste und effektivste Quelle solcher Fehlinformation in der heutigen Zeit…“

Zwanzig Jahre später hat das Narrativ nur Metastasen gebildet und alle Aspekte des öffentlichen Lebens infiziert, einschließlich der Politik und der sogenannten „Mainstream-Nachrichten“. Unterdessen zensieren soziale und andere Mediengiganten – YouTube, Google, Facebook, Twitter – zunehmend Material, das dem Narrativ widerspricht.

Auf diese Weise wurde altbekannte Geschichte auf den Kopf gestellt und benutzt, um den Westen zu schwächen – wobei die größte Sünde darin besteht immer wieder zu glauben oder sich zu verhalten wie ihre „furchtbaren“ Vorfahren des bezüglich des Islam taten.