Warum das Rahelgrab einen so bemerkenswerten Platz in der physischen und spirituellen Geographie des Judentums einnimmt

Das Grab ist zu einem Schrein für tausende Pilger geworden, so wie Rahel selbst eine ultimative Matriarchin der Religion geworden ist. Warum?

Das Rahelgrab im Jahr 1990 (Sepia Times/Universal Images Group via Getty Images)

Sarah Rindner, Mosaic, 13. Dezember 2019

1995, als der Oslo-Prozess in vollem Gang war, plante der damalige Premierminister Yitzhak Rabin mehrere Städte in der Westbank an die palästinensische Autonomiebehörde zu übergeben. Dazu gehörte Bethlehem, wo das von Juden verehrte Grab der biblischen Matriarchin Rahel liegt.

Von dem Gedanken beunruhigt, dass Israel das Grab abgegeben würde, traf sich Rabbi Hanan ben Porat, ein einflussreicher Siedler-Aktivist, mit Rabin, um diesen zu überzeugen es unter israelischer Kontrolle zu belassen. Auf dem Weg in zu diesem Treffen schloss sich ihm unerwartet Rabbi Menachem Porush an, ein Knessetabgeordneter der ultraorthodoxen und formell nicht zionistischen Partei Vereinigtes Thora-Judentum.

Bei dem Treffen legte Porat eine Reihe Argumente vor, die meisten davon mit Sicherheitsbezug, um Rabin davon zu überzeugen, dass die Übergabe des Rahelgrabs ein Fehler sein würde. Porush hingegen begann zu Rabins Überraschung zu weinen und ergriff die Hände des Premierministers: „Yitzahk, das ist Mutter Rahel, Mutter Rahel!“ Nach Porats Erzählung war Rabin derart bewegt, dass er die Vereinbarung abänderte, damit der Ort unter voller israelischer Kontrolle bleiben würde – eine Entscheidung, der die Palästinenser zustimmten.

Der biblische Bericht über Rahels Tod findet sich in der Thora-Lesung dieser Woche, der Vayischlah (Genesis 32,4 – 36,43), die mit Jakobs angespannter Wiedervereinigung mit seinem Bruder Esau beginnt. Nach Jahren der Feindschaft umarmen sich die beiden und weinen, um dann getrennten Wege zu gehen. Kurz danach stirbt Jakobs geliebte Ehefrau Rahel, bei der Geburt ihres zweiten Sohnes, Benjamin. Sie ist nicht im Familiengrab in der Machpelah-Höhle begraben, wo Jakob an der Seite seiner anderen Frau – Rahels Schwester Lea – beerdigt ist und wo bereits Abraham, Isaak, Sarah und Rebekka bestattet liegen. Stattdessen beerdigte Jakob sie „an der Straße nach Ephrat, das heute Bethlehem heißt. Und Jakob richtete über ihrem Grab einen Gedenkstein auf, das ist das Grabmal Rahels bis auf diesen Tag.“

Der Prophet Jeremia und seine rabbinischen Interpretatoren fügen dieser Episode wichtige Schichten hinzu; sie betrachten Rahels letzte Ruhestätte so, dass sie in einer einzigartigen Position gebettet wurde, um über ihre Kinder zu wachen – das jüdische Volk:

Ein Geschrei ist in Rama zu hören,
Jammern, bitteres Weinen:
Rahel weint um ihre Kinder.
Sie will sich nicht trösten lassen,
denn ihre Kinder sind fortgegangen.

Die Midrasch (Genesis Rabbah 82,10) erklärt, dass Rahels Ruheort „an der Straße“ ausdrücklich ausgesucht wurde, um es ihr zu ermöglichen für das jüdische Volk um Gnade zu bitten, als sie in den Händen der Babylonier auf dem Weg ins Exil vorbei kommen. Und wenn Rahel so positioniert ist, dass sie in der Zeit der Not um ihre Kinder weinen kann, dann ist sie auch da, um irgendwann ihre Rückkehr zu verkünden. Jeremias Prophezeiung geht weiter:

So spricht der Herr:
Verwehre deiner Stimme die Klage
und deinen Augen die Tränen!
Denn es gibt einen Lohn für deine Mühe; …
Sie werden zurückkehren aus dem Feindesland.
Es gibt Hoffnung für deine Zukunft; …
Deine Kinder werden zurückkehren in ihre Heimat. (Jeremia 31, 15-17)

In späteren jüdischen Quellen ist Rahel eine Kultfigur mit einzigartigem Status selbst unter ihren Mitmatriarchen. Viele midrahischen und kabbalistischen Texte betonen ihre besondere Rolle als Fürsprecherin bei Gott im Namen des jüdischen Volks. Ihr Grab, im Text der Thora erwähnt als „zeitgenössischer“ Schrein, wurde zudem ein Ort der Andacht. Es gibt Unstimmigkeiten über seinen genauen Standort, doch fast 2.000 Jahre lang ist der jetzige Ort Ziel für jüdische und christliche sowie später muslimische Pilger gewesen.

Die Möglichkeit Zugang zu Rahels Grab zu bekommen, war ein Grund für Jubel nach dem Sechstage-Krieg. In der Folge des Sieges Israels nahm der Sänger Arik Lavie das heute klassische Lied Schuw Lo Neylekh auf, „Wir werden nicht weggehen“, das die Rückkehr des jüdischen Volks zu einigen seiner heiligsten Stätten feiert, darunter dem Rahelgrab. Das Lied hat den bewegenden Refrain: „Siehe Rahel, siehe, sie sind zu ihren Grenzen zurückgekehrt.“ Damit bekam Rahel ein neues Leben als israelische Volksheldin – eines, das tief in der Tradition eingebettet war.

In den letzten Jahren hat ihre Popularität weiter zugenommen. Während des Gaza-Kriegs 2008 berichteten Soldaten von einer mysteriösen arabischen Frau, die sie vor dem Betreten eines mit Sprengfallen versehenen Hauses warnte. Sie behaupteten, dass sie sich dann als die Matriarchin Rahel offenbarte, die einmal mehr über ihre Kinder wachte. Erst wenige Wochen zuvor, am elften Tag des hebräischen Monats Heschwan, dem traditionellen Jahrestag des Todes Rahels, strömten tausende Israelis zu ihrem Grab, um dort zu beten und ihr die Ehre zu erweisen. Meine eigenen Kinder kamen an diesem Tag aus ihren israelischen Schulen mit Ausmal-Seiten und Tonskulpturen nach Hause, mit denen sie diesen Schrein dargestellt hatten.

Betrachtet man den bemerkenswerten Platz, den Rahels Grab sowohl in der physischen wie auch der spirituellen Geografie der jüdischen Tradition einnimmt, dann kommt eine Frage aus dem Bericht der Genesis über sie auf. Warum? Wir wissen aus dem Text, dass Jakob die schöne Rahel liebt, dass ihr Vater Laban Jakob betrügt, indem er ihm ihre Schwester Lea statt ihrer zur Frau gibt, ihn zwingt weitere sieben Jahre für ihn zu arbeiten, damit er Rahel heiraten kann. Rahel kämpft darum schwanger zu werden, während Lea scheinbar ohne Mühe Kind um Kind gebiert, was dazu führt, das Rahel furchtbar neidisch auf ihre Schwester ist und zu Jakob sagt: „Gib mir Kinder, sonst sterben ich.“

Im Gegenzug ist aber auch Lea neidisch auf Rahels Status als bevorzugte Frau und gab ihren ersten drei Söhnen Namen, die ihre (nicht erwiderte) Hoffnung beschwor, dass Jakob sie vielleicht, endlich, so sehr lieben wird, wie ihre Schwester. Als Jakob schließlich das Haus seines Schwiegervaters zusammen mit seinen Frauen und Kindern verlässt, schleicht sich Rahel mit einigen der Hausgötzen ihres Vaters hinaus, womit sie ihre gesamte Familie potenzieller Gefahr aussetzt und, zumindest gemäß der rabbinischen Standard-Lesart, setzte sie sich auch dem von ihrem eigenen Ehemann geäußerten Fluch aus.

Zusammen betrachtet, geben uns diese Episoden einen lebhaften Eindruck einer schönen Frau, die mit ihrem eigenen Schicksal kämpft, nicht immer den frömmste Weg wählt und infolge dessen schwer bestraft worden sein könnte. Selbst als ultimative Mutter scheint Rahel zu versagen.

Lea hatte immerhin sieben Kinder, Rahel nur zwei, dazu die Gelegenheit sie alle aufwachsen zu sehen, bis sie erwachsen waren. Und wir wissen nicht viel darüber wie Rahel mit Josef umging, dem einzigen Sohn, den sie großziehen konnte. Vielleicht wären Sarah oder Rebekka dann eine öffensichtlichere Wahl für die ultimative Matriarchin, denn von ihnen stammten alle Kinder Israels ab statt nur die Stämme Ephraim, Manasse und Benjamin, deren Mitglieder zum größten Teil vor der Zerstörung des ersten Tempels ins Exil gebracht wurden und die den Reihen des jüdischen Volks verloren gingen, bis, wie die Tradition besagt, sie im Zeitalter des Messias wieder hergestellt werden.

Trotzdem verdient Rahels Verhalten gegenüber ihrer Schwester Lea genauere Betrachtung. Die Midrasch erklärt als Kommentar zu Labans Austausch Rahels durch Lea, dass Rahel, damit diese Täuschung Erfolg hat, daran beteiligt gewesen sein muss, indem sie Lea ein Passwort gegeben hat, das sie und Jakob vorher vereinbart hatten. Leas Ehe mit Jakob ist damit gemäß dieser Lesart die Folge von Rahels Bereitschaft und selbstloser Entscheidung.

Später finden wir im Text der Genesis eine Parallel-Episode, in der Leas ältester Sohn Ruben auf dem Feld für seine Mutter einige Liebesäpfel sammelt – offenbar sollten sie ein Fruchtbarkeitszauber sein – und Rahel fordert, dass sie ihr einige abgibt. Lea reagiert entrüstet. „Hat es nicht gereicht, dass du mir meinen Ehemann genommen hast, musst du mir auch die Liebesäpfel meines Sohnes wegnehmen?“ In diesem Moment hätte Rahel defensiv reagieren können, aber sie tut das Gegenteil. Sie erkennt Leas Schmerz, sie gibt ihr einmal mehr die Gelegenheit bei Jakob zu sein: „Ich verspreche dir, er [Jakob] wird heute Nacht bei dir liegen, als Gegenleistung für die Liebesäpfel deines Sohnes.“

Wir mögen nicht viel über Rahel als Mutter wissen, außer der Tatsache, dass sie verzweifelt eine solche werden wollte. Aber wir wissen mehr über sie als Schwester. In einer Situation, in der Rivalität hätte natürlich hätte gären und zunehmen sollen, hat Rahel Erfolg an Schlüssel-Verbindungsstellen, indem sie sie überschreitet. Diese Episoden sind genau deshalb bewegend, weil Rahel keine konventionelle Heldin ist und bestimmt keine Heilige. Aber indem man den Schmerz fühlt, in dem sie selbst steckt, kann der Leser ihr großzügiges Handeln gegenüber ihrer Schwester und Rivalin stärker schätzen.

Vielleicht ist es dann kein Zufall, dass Jakob Rahel kurz nach der Wiedervereinigung mit seinem Bruder Esau beerdigt und das auf eine Weise, die ihre einzigartige Bedeutung anerkennt. Die Brüder sind selbst ein Beispiel von Geschwistern, die es schaffen ein Zerwürfnis zu überwinden – eines, das ebenfalls durch Täuschung verursacht war und dadurch, dass ein Bruder sich scheinbar nimmt, was dem Recht nach dem anderen gehört. Aber im Fall von Jakob und Esau ist ein Großteil des Schadens nicht wieder gutzumachen und Esau wird aus der Bundeslinie ausgeschlossen. Die Begebenheit endet damit, dass die beiden in unterschiedlichen Richtungen auseinander gehen, wobei ein Teil der ursprünglichen Spannungen immer noch vorhanden ist.

Rahel und Lea hingegen sind in der Lage Auswirkungen dieser Art zu verhindern – was nahe legt, dass es für die Schwestern möglich, wenn auch sehr schwierig ist, ein einzelnes Schicksal zu teilen. In der Genesis, dem Buch, das mit Geschwister-Rivalitäten beschäftigt ist, sticht ihr Erfolg heraus und ermöglicht es damit den zwölf Stämmen Israels, die von zwölf Brüdern abstammen, zuerst zu einer einzigen Familie und dann zu einer einzigen Nation zu werden.

Darüber hinaus stellt sogar Rahels exakter Begräbnisort, weit entfernt von der Patriarchenhöhle und den Matriarchen, wo Jakob und Lea am Ende gemeinsam beerdigt werden, einen finalen Akt der Güte Lea gegenüber dar. Ob es nun Jakobs Entscheidung ist oder, wie bei der von Rahel in allder Stille vorbereiteten Hochzeitsnacht: Die Tatsache, dass Rahel an einem anderen Ort beerdigt ist, erlaubt es Lea, die Rolle einzunehmen, die sie während ihres Lebens so verzweifelt anstrebte – eine Position neben Jakob als die von ihm Geliebte einzunehmen.

Was uns zurückbringt zu Rahels Grab und dem Gebäude des Glaubens und der Hingabe, das im Verlauf der Jahrhunderte darüber gebaut wurde. Während der Prophet Jeremia Rahel als die immer präsente Mutter beschreibt, die um ihre Kinder weint, zeigt die Genesis uns, wenn sie sorgfältig gelesen wird, dass die um ihre Kinder vergossenen Tränen, die sie so verzweifelt haben wollte, ihre Augen nicht komplett für die Hoffnungen und Träume ihrer eigenen Schwester trübten.

Damit, dass sie etwas von Jakob an Lea abgab, im Leben wir im Tod, formt Rahel das Potenzial über das eigene Leid hinauszublicken und, wo das Ego sonst verweilen würde, Raum zu schaffen für das Komplexe Netz der Beziehungen zwischen Geschwistern, Eheleuten, Eltern und Kinder, um in Gottes erwähltem Volk aufzublühen.