Wie schlimm ist der Antisemitismus in Europa? Umfragen legen nahe: Er grassiert.

Melissa Braunstein, 6. März 2020

Das ist Karneval in Spanien im Jahr 2020 … nicht 1940 (timesofisrael.com

Die belgische Stadt Aalst feierte den Karneval dieses Jahr mit grotesker Zurschaustellung von offenem Antisemitismus. Jecken ahmten verspottend die Klagemauer nach, einige verkleideten sich als Ameisen mit chassidischen Hüten und andere als Nazis. Das Thema setzte sich in Campo de Criptana in Spanien fort, wo Teilnehmer am Karnevalszug sich als Nazis und Insassen von Konzentrationslagern verkleideten, flankiert von Schornsteinen.

Die zur Schau gestellte unverfrorene Borniertheit unterstrich, dass offener Antisemitismus lautstark wieder da ist. Weniger gewiss ist, wie viele Menschen dieses Wiederaufleben schüren. Meinungsumfragen von Pew Research und der Anti-Defamation League (ADL) sind diese Frage angegangen, aber fragen ist leichter als Antworten zu geben.

Diese Zahl zu berechnen erfordert nicht nur eine gute Definition von Antisemitismus (wie die Arbeitsdefinition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz), sondern auch ein klares Verständnis dafür, warum wir überhaupt fragen. Wollen wir denn wissen, wo Juden am ruhigsten als erkennbare Juden leben können, sich am leichtesten assimilieren können oder einfach sicher leben können, ohne physische Attacken?

Europäische Einstellungen zu Juden ändern sich zum Schlimmeren

Pew Research nickte letztes Jahr zu diesem Thema, als die Einstellungen Europas 30 Jahren nach dem Fall der Berliner Mauer untersucht wurden. Juden standen nicht im Fokus der Umfrage, aber es fällt auf, dass Juden von ihrem Landsleuten in den Niederlanden (92%), Schweden (92%), Großbritannien (90%) und Frankreich (89%) positiv bewertet wurden.

Vierundsiebzig Jahre nach dem Ende des Holocaust erfuhr Pew auch, dass nur 12 Prozent der Deutschen im ehemaligen Ostdeutschland und 5 Prozent im ehemaligen Westdeutschland Juden abfällig betrachteten. Sechsundachtzig Prozent der Deutschen sagten Pew 2019, sie hätten positive Ansichten zu Juden; 1991 waren es 53 Prozent.

Leider geben andere Umfragen diese optimistischen Zahlen nicht wieder. Dazu befragt, schickte ein Forschungs-Sprecher von Pew, der auf einige Fragen hinwies, die Pews „Internationales Team für Religiöse Umfragen“ 2017 stellte, per E-Mail: „Keine der Umfragen war darauf angelegt Antisemitismus zu messen. Fakt ist, dass wir sehr sorgfältig darauf achten NICHT den Anspruch zu erheben, dass unsere Fragen tatsächlich Antisemitismus messen.“

Stellen wir also fest, dass Pews Umfragen nicht ausdrücklich Antisemitismus untersuchen, ihnen die qualitativen Daten fehlen, die der Pew-Sprecher für notwendig erachtet und ein paar Fragen einbeziehen und werfen einen Blick auf die Daten von 2017, weil Pew eine verlässliche Quelle bleibt. In dem Jahr wurde in 15 Ländern gefragt, ob man einen Juden in der Familie oder als Nachbarn akzeptieren würde, ob Juden „ihre eigenen Interessen verfolgen“ statt denen ihres Heimatlandes und ob Juden „zu dem, was sie erlitten haben, übertreiben“.

Ich würde sagen, dass die Zahl der Europäer, die etwas gegen jüdische Verwandte haben, hier irrelevant ist. Das spiegelt zwar eine Art von Vorurteil und ist für alle Beteiligten ärgerlich, bedroht aber nicht die Möglichkeit der Juden frei und sicher zu leben.

Im Gegensatz dazu ist keine Juden als Nachbarn haben zu wollen diskriminierend und beeinflusst jeden jüdischen Bürger. Wenn also 12 Prozent der Italiener, wie auch 10 Prozent der Iren und Portugiesen, antwortet, sie seien „nicht bereit einen Juden als Nachbarn zu akzeptieren“, dann ist das Bedeutung von Bedeutung.

Wenn 36 Prozent der portugiesischen Befragten nebst 32 Prozent der Spanier, 31 Prozent der Italiener und 28 Prozent der Belgier zustimmen, dass „Juden immer ihre eigenen Interessen verfolgen und nicht die Interessen des Landes, in dem sie leben“, dann ist das Besorgnis erregend.

Und wenn 36 Prozent der befragten Italiener, 33 Prozent der Portugiesen und 30 Prozent der Spanier sowie 28 Prozent der Belgier den Pew-Meinungsforschern sagten, dass sie zustimmen, dass „Juden immer übertreiben, wie sehr sie gelitten haben“, dann ist das ein Warnsignal. Nachbarn, die glauben, dass du zum historischen Leiden übertreibst, werden kaum Mitgefühl wegen deiner aktuellen Sorgen haben.

Die Gefühle verstehen, die zu Antisemitismus führen

Für ein klareres Eintauchen in dieses Thema sehen Sie sich den Index ADL Global100 zu Antisemitismus an, der für 2019 ein Update zu 18 Nationen hinzufügte. Die Spitzen-Schlussfolgerung der ADL lautet, dass 24 Prozent der Westeuropäer und 34 Prozent der Osteuropäer antisemitische Ansichten hegen. Diesen Zahlen folgen ausführliche, bekräftigende Details.

Zu zögern Fremde Antisemiten zu nennen ist weise, besonders wenn es auf Grundlage begrenzter Informationen erfolgt. Es lohnt sich die Länderberichte als Ganze zu lesen, wenn auch nur um die besondere Form zu verstehen, die der Antisemitismus in jeder Gesellschaft annimmt. Ich möchte mich jedoch auf die erste Frage der Umfragen als wichtigen Wegweiser für diese Untersuchung konzentrieren.

Die Befragten wurden gefragt, ob „Juden Israel gegenüber loyaler sind als [diesem Land/den Ländern, in denen sie leben]“. Jeder, der „wahrscheinlich richtig“ antwortet, betrachtet Juden wahrscheinlich als „den anderen“. Diese Gruppe ist, ob durch Ignoranz oder Bosheit, vorbereitet antisemitische Verschwörungstheorien zu glauben, einschließlich Mythen über Juden, die die Finanzmärkte, die Medien und Regierungen der Welt kontrollieren oder Juden für die Kriege der Welt verantwortlich machen.

Die Tatsache, dass 33 Prozent der britischen Befragten diese Aussage als „wahrscheinlich richtig“ bezeichneten, hilft die Zunahme des Corbynismus und das „Rekordhoch von 1.805 antisemitischen Vorfällen in Großbritannien im letzten Jahr“ zu erklären. Auch die Tatsache, dass 64 Prozent der Polen, 62 Prozent der Spanier, 50 Prozent der Belgier, 49 Prozent der Deutschen, 49 Prozent der Österreicher und 39 Prozent der Russen glauben, diese Aussage sei „wahrscheinlich richtig“, spricht Bände.

Es ist leichter zu verstehen, dass Juden bei öffentlichen Feiern weithin entmenschlicht werden, wenn wir verstehen, wie weit verbreitet der Virus Antisemitismus in Europa ist. Dieses Wissen informiert europäische Juden in ihrer Entscheidung darüber, wie offen jüdisch sie in ihrem Alltagsleben sein können – für die, die sichtbar jüdisch sind – und ob sie es als sicher erachten, in ihren Heimatländern zu bleiben.

Diejenigen, die Antisemitismus bekämpfen wollen, bietet dies ein Fenster in die immensen Herausforderungen, die vor uns liegen. Die europäischen Wurzeln des Antisemitismus sind Jahrhunderte alt, daher müsste jede Lehrplan-Komponente lange vor dem Holocaust beginnen.

Ebenfalls wert darüber nachzudenken ist der mikroskopische Anteil der Befragten, die wirklich mit Juden vertraut sind. Dass nur 2 Prozent der polnischen Befragten berichteten „sehr oft“ Umgang mit Juden zu haben, während dasselbe für 4 Prozent der Befragten in Belgien und 1 Prozent in Spanien gilt, ist aufschlussreich. Menschen zu dämonisieren, die man nur als bedrohlich kennt, ist einfach. Es ist also theoretisch möglich, dass Diplomatie von Angesicht zu Angesicht, besonders wenn es in frühem Alter beginnt, helfen könnte einige dieser verschwörerischen Überzeugungen umzukehren.

Grundsätzlich ist das aber kein Problem, das die europäischen Juden in Ordnung bringen müssen. Wenn sich die Dinge ändern, dann weil Europas nichtjüdische Mehrheit beschließt, dass es an der Zeit ist die kollektive Zukunft ihrer Nationen glänzender werden zu lassen als ihre Vergangenheit.

Ein Gedanke zu “Wie schlimm ist der Antisemitismus in Europa? Umfragen legen nahe: Er grassiert.

  1. Man sollte die Aufklärung damit beginnen, daß man Kinder/ Erwachsene damit bekannt macht, was Jude / Judentum ist. Denn die allermeisten sahen nie einen lebendigen Juden, also woher sollen sie es wissen? Die Rolle des Judentums in der europäischen (Nordamerika, Australien) Geistesgeschichte,
    die unrühmliche Rolle der Kirchen, die widersprüchliche Rolle der Aufklärung, die Umwandlung der religiös (aber geschichtlich falsch) begründeten Judenfeindschaft zum Rassen-Antisemitismus und erst danach der Holocaust. Wenn man nicht dieser historischen Entwicklungs-Linie folgt, werden die Menschen nie verstehen, warum der H. geschehen ist, auch nicht, warum er ein Zivilisationsbruch war.
    Dazu gehört natürlich auch die Teilnahme eigener Familien-Mitglieder, so schmerzhaft es auch ist und mit wie starken Schamgefühlen verbunden.
    Immer wieder erklärend, daß wer heute lebt, hat keine Schuld an der Vergangenheit. Schuld ist persönlich und wer nichts getan hat, mindestens weil er noch gar nicht auf der Welt war oder nur als ganz kleines Kind, warum sollte er schuldig sein? Verantwortung hat der Mensch, nicht Schuld. Verantwortung dafür wie er und seine Umgebung mit der Vergangenheit umgeht und dafür, was er tut, daß sich so etwas nicht wiederholt – weder mit Juden noch mit anderen.
    Das ist als Aufgabe mehr als genug, man soll es den Heutigen nicht unnötig schwerer machen. Damit erreicht man nur das Gegenteil. Erhöhte Zeigefinger sind überflüssig. – Das sagt eine 89-Jährige Jüdin, eine Überlebende. Und ich dachte immer schon so, auch wenn mir nicht alles so klar war. Ich mußte etliches dazu lernen, damit ich ausdrücken kann, was und wie ich in dieser Sache empfinde.
    lg
    caruso

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