Israelische und ägyptische Soldaten auf einem Gruppenfoto von 1948: Die Geschichte hinter einem Bild

Yaakov Yaniv in der Mitte des Bildes, das bei der Begegnung zwischen israelischen und ägyptischen Soldaten aufgenommen wurde. The Pritzker Family national Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels

Wie ein israelischer Soldat sein Leben riskierte, um die Leichen gefallener Kameraden hinter den feindlichen Linien zu bergen und die unglaublichen Fotos, die eine unwahrscheinliche Begegnung einfingen.

Hadar Ben Yehuda, the  Librarians, 3. März 2020

Die Geschichte der Operation Yekev („Weingut“ auf Hebräisch) beginnt im Oktober 1948, während Israels Unabhängigkeitskrieg; als eine ganze Brigade, die aus drei Bataillonen bestand – dem Bataillon Beit Horon, dem Bataillon Moriah und dem 64. Bataillon – auf eine Mission geschickt wurde, um die Stadt Beit Jala zu erobern, die südlich von Jerusalem und nordwestlich von Bethlehem liegt. Kommandeur der Operation war Mosche Dayan.

Das Bataillon Beit Horon schaffte es auf die andere Seite der Eisenbahngleise zu kommen, die als Trennlinie zwischen israelischen und ägyptischen Positionen diente (nahe dem, was heute als Ein Yael und Jerusalems Biblischer  Zoo bekannt ist). Das 64. Bataillon begann einen Angriff auf das Dorf Walaja. Der Held unserer Geschichte, Yaakov Yaniv (Novak), war Feldwebel eines Zugs in seinem Bataillon. Er war damals 20 Jahre alt und war erst ein paar Monate zuvor aus Tel Aviv nach Jerusalem gekommen, um in der Haganah zu dienen. Das 64. Bataillon beteiligte sich in diesem Fall nicht am Kampf, aber die Einheit war Feuer der eigenen Seite seitens einer Mörsereinheit ausgesetzt. Zum Glück wurde keiner der Soldaten des Bataillons verletzt. Das Bataillon Moriah begann seinen eigenen Angriff während der Nacht, schaffte es aber nicht die Eisenbahnschienen zu überqueren und auf den von den Ägyptern besetzten Hügel vorzurücken. Ein einzelnes Bren-Maschinengewehr schoss unentwegt auf die Vorhut des Moriah und verhinderte seinen Vorstoß. Operation Yekew war ein erschütternder militärischer Fehlschlag.

Am späten Abend wurde den drei Bataillonen der Brigade der Rückzugsbefehl erteilt. Sechs Soldaten aus dem Bataillon Beit Horon wurden im Kampf getötet. Die Soldaten des Bataillons schafften es vier der Leichen zu bergen, aber zwei blieben im Feld.

Die Leichen

Eineinhalb Monate später am 3. Dezember 1948, bemannten Yaakov Yaniv und seine Männer eine Position auf dem Hügel Malcha, der die Eisenbahnlinie darunter überblickte; sie beobachteten die nahe gelegene ägyptische Truppe. Heute füllen die Häuser des Jerusalemer Stadtteils Malcha das gesamte Gebiet, das damals eine kahle Hügelkuppe in Nachbarschaft eines arabischen Dorfes war.

Ein paar ägyptische Soldaten verließen plötzlich ihren Posten und riefen Yaniv und seinen Männern zu. „Wir haben zwei Leichen. Wenn ihr wollt, dann kommt und holt sie.“ Yaakov Yaniv hörte das und war verblüfft. Er und ein paar seiner Männer gingen den Hügel hinab und erreichten die Bahnlinie des britischen Mandats von Tel Aviv nach Jerusalem; dort warteten die Ägypter auf sie. Sie kamen überein, dass Yaniv und ein paar seiner Männer zum ägyptischen Posten gehen sollten, um die Leichen zu holen, während zwei ägyptische Soldaten am Fuß des Hügels in Gewahrsam der anderen Israelis bleiben würden, die über sie wachten, bis Yaniv und seine Männer sicher zurückkehrten.

Die Bergung

Yaakov Yaniv überquerte die Gleise und begab sich zu dem ägyptischen Vorposten auf dem Berg vor sich; er hatte nur seine Kodak-Kamera dabei. Eine Baumgruppe deckte den Weg den Berg hinauf ab. Yaniv ging durch die Bäume, während einer der ägyptischen Soldaten ihm dichtauf folgte; er war ein großer, dünner, Soldat sudanesischer Abkunft, bewaffnet mit einer Tommy Gun. Yaniv sollte später erfahren, dass dies der Maschinengewehr-Schütze war, der den Angriff des Bataillons Moriah vereitelt hatte. Sie liefen weiter bis zu der als „Weißer Graben“ bekannten ägyptischen Position, einer alten türkischen Befestigung aus dem Ersten Weltkrieg, gebaut zur Verteidigung gegen britische Angriffe.

Wer waren die Ägypter, die sich dort 1948 verschanzten? Es handelte sich um Einheiten, die der Organisation der Muslimbruderschaft nahe standen. Wie kamen sie hierher? Die ägyptische Armee war früher im Jahr nach Israel eingedrungen, marschierte Richtung Tel Aviv, aber sie wurde in Aschdod an der Südküste gestoppt. Von dort machten sich einige Einheiten auf nach Osten in die Berge Judäas, schließlich waren sie auf dem Weg nach Jerusalem, darunter die Einheit der Muslimbrüder.

Yaakov Yaniv in der Mitte des Fotos, aufgenommen bei der Begegnung zwischen israleischen und ägyptischen Soldaten,. The Pritzker Family Naitonal Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels.

Als sie am Graben ankamen, traf Yaakov Yaniv auf den Kommandeur der ägyptischen Truppe und war überrascht zu erfahren, dass dieser tatsächlich ein lokaler palästinensischer Araber aus dem nahe gelegenen Dorf Beit Safafa war. Sie sprachen Englisch und schließlich sagte ihm der palästinensische Kommandeur: „Du kannst die Leichen mitnehmen“, während er auf die ein paar Fuß von ihrem Standpunkt entfernt hingestreckten menschlichen Formen deutete. Sie Ansicht der völlig entblößten Leichen war verstörend, aber nach einem genaueren Blick erkannte Yaniv, dass sie nicht misshandelt wurden, sondern in schlimmem  Zustand waren, weil einige Zeit vergangen war, seit die Soldaten getötet wurden.

Yaniv schickte nach Decken und Tragen, um die Leichen der gefallenen Soldaten auf die israelische Seite zu bringen. Derweil bot ihm der palästinensische Kommandeur eine Tasse Tee an und sie setzten sich, um zusammen zu trinken. Der Kommandeur erzählte Yaniv, dass er die Truppe geführt hatte, die das Viertel Mekor Chaim von Beit Safafa aus ein paar Monate zuvor angegriffen hatte. Yaniv sagte ihm, dass sein Kommandeur, Danieli, Mitglied des Palmach, in Mekor Chaim geboren, die Truppe führte, die das Viertel gegen die Angriffe verteidigte.

Als er in dem ägyptischen Posten saß, hatte Yaniv keine Angst. Er wurde anständig behandelt, sagte er. Immerhin hatten sie ihm Tee angeboten und sie freuten sich, ihn mit ihm zusammen zu trinken. Mancher könnte es ein Wunder oder vielleicht nur einen absurden Moment mitten in den furchtbaren Schlachten des Unabhängigkeitskriegs nennen.

Als sie saßen und tranken, sammelten sich Soldaten um sie und als die Tragen und Decken kamen, stand der palästinensische Kommandeur auf und sagte: „Ich werde euch helfen die Tragen zu tragen.“ Er ging hinüber und griff ein Ende der Trage mit beiden Händen. Yaniv hielt sie am anderen Ende und zusammen gingen sie den Hügel Richtung Eisenbahn hinab. Die zweite Trage wurde von anderen Soldaten hinabgetragen.

Die Bilder

Als sie mit den Leichen der gefallenen Soldaten am Wartepunkt ankamen, waren bereits Männer aus Yanivs Einheit gekommen, um die Leichen in Empfang zu nehmen. Das war der Moment, als Yaniv seine Kodak-Kamera herausholte, die er sich vom ersten Gehalt kaufte, als er vor dem Krieg in der Hauptpost in der Allenby-Street in Tel Aviv arbeitete. Der Augenblick wurde für die Nachwelt festgehalten: Soldaten beider Armeen posierten für das Foto, Feinde im Krieg, die für kurze Zeit Partner in einer Operation waren, um die Leichen von IDF-Soldaten zur Beerdigung nach Israel zu bringen – eine Operation, bei der alle Teilnehmer ihr Leben riskierten.

Nach seiner Rückkehr konfiszierte Danieli, Yaakov Yanivs Kommandeur, den Film und drohte Yaniv mit einem Militärgericht. Danieli betrachtete die von seinem Untergebenen initiierte Operation als schweren Verstoß gegen militärische Vorgehensweisen – obwohl sie friedlich geendet hatte, war Yanivs Leben und möglicherweise das seiner Kameraden gefährdet worden. Yaniv unternahm die Operation alleine, ohne um Erlaubnis zu fragen. Hätte er darum gebeten, wäre ihm natürlich nie erlaubt worden eine solche Operation in einem ägyptischen Außenposten mitten im Krieg auszuführen. Zu Yanivs Überraschung wurde ihm der Film ein paar Tage später zurückgegeben und der Prozess vor dem Militärgericht fand nie statt.

Von rechts nach links: Der Kommandeur der ägyptischen Truppe, Yaniv (den Riemen der Kamera über der Schulter) und der sudanesische Maschinengewehrschütze. Sitzend: ein Soldat der Haganah. The Prizker Family Natoinal Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels

Die Begnadigung

Jahre später fragte Yaniv Kommandeur Danieli, warum er damals nicht vor Gericht gestellt wurde und Danieli antwortete, dass am Tag nach dem Vorfall Mosche Dayan, der Abschnittskommandeur, in dem Sektor ankam. Danieli erzählte Dayan, was passiert war und dieser antwortete mit einer typisch wegwerfenden Geste und wies Danieli an die Sache auf sich beruhen zu lassen. Es schien, dass für Dayan Yaakov Yanivs heldenhafte Tat schwerer wog als das Vergehen. Als ihm der Film zurückgegeben wurde, versteckte Yaniv ihn und ließ die Bilder so schnell wie möglich entwickeln. Er hatte sie seitdem immer bei sich. Eines Tages erhielt er einen Anruf des Militärhistorikers Dr. Nir Mann, der von Yaniv hörte, als er historisch zur Operation Yekev recherchierte. Als sie sich trafen, sah Mann die Fotos und schlug vor, dass Yaniv sie wegen ihres großen historischen Wertes der Nationalbibliothek Israel stiften sollte.

Die gefallenen Soldaten

Viele  Jahre waren vergangen, aber Yaakov Yaniv konnte nicht aufhören an die Soldaten zu denken, deren Leichen er zur Beerdigung nach Israel gebracht hatte. Er wollte wissen, wer sie waren. Er begann nachzuforschen und suchte nach Antworten; traf aber auf viele Schwierigkeiten, da er nicht aus demselben Bataillon war wie die Gefallenen und sehr wenig Informationen zu ihnen hatte. Er kontaktierte die Abteilung Familien und Gedenken im Verteidigungsministerium und erzählte ihnen seine Geschichte. Die Information, die er erhielt, beinhaltete die Namen der Soldaten und ein paar Dokumente, aber das war nur in Teilen genau. Nach Angaben der Aufzeichnungen des Ministeriums wurde an diesem Tag nur eine Leiche geborgen.

Schließlich beschloss Yaniv selbst zum Friedhof zu gehen und nach den Gräbern zu suchen. Auf dem Militärfriedhof auf dem Herzl-Berg, wo die Gräber der gefallenen Soldaten nach Krieg und Datum angeordnet sind, suchte er nach den Gräbern mit den Namen, die er erhalten hatte. Er entdeckte, dass einer von ihnen auf der Kuppe des Berges lag und der andere näher am Fuß. Beide Gräber hatten dasselbe Datum. Yaniv konnte nicht verstehen, warum zwei Menschen, die am selben Ort getötet wurden, die in derselben Einheit gedient hatten und deren Leichen – von ihm – zusammen geborgen wurden, an unterschiedlichen Stellen beerdigt wurden. Er erzählte das dem Verteidigungsministerium und bat, dass sie nebeneinander beerdigt werden; die Beamten im Ministerium versprachen, dass das gemacht werden würde.

Schließlich war Yaniv in der Lage die Identitäten der beiden gefallenen Soldaten zu entdecken, für deren anständige Beerdigung er sein Leben riskiert hatte: Beide waren Holocaust-Überlebende, die kurz zuvor in Israel angekommen waren, wo sie an die Front geschickt wurden. Keiner von ihnen hatte noch irgendwo in der Welt bekannte Verwandte. Sie waren die letzten Überlebenden ihrer Familien.

Seit damals geht Yaniv jedes Jahr am Abend vor jedem israelischen Gefallenen-Gedenktag auf den Militärfriedhof auf dem Herzl-Berg und legt Blumenkränze auf die zwei Gräber.

Zvi Kenner wurde in der Stadt Jasi in Rumänien geboren. Er arbeitete als Zimmermann und wartete auf die Auswanderung nach Israel, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Er überlebte den Krieg, der Rest seiner Familie nicht. 1948 kam er auf einem illegalen Einwandererschiff nach Israel, das abgefangen wurde; er wurde einige Monate auf Zypern interniert, bevor er am 8. August 1948 in die israelische Armee eintrat. Er wurde am 20. Oktober 1948 im Alter von 21 Jahren getötet.

Schmuel Szimanski, geboren in Polen, wurde als junger Schneider in die polnische Armee eingezogen. Er kämpfte später auf Seiten der Russen, bis nach Berlin, wurde geehrt, erhielt Orden für seinen Dienst und Mut. Vor dem Krieg war er Mitglied der Jugendbewegung Haschomer Hatzair und nach dem Krieg, als er entdeckte, dass keiner seiner Verwandten überlebt hatte, kontaktierte er erneut Mitglieder der Haschomer Hatzair und schloss sich einem Kibbuz an, in den er auf einem der letzten illegalen Immigrantenschiffe in Israel ankam. Er kam 1948 nach Israel, trat in die IDF ein und wurde zur Operation Yekev geschickt, um an der Schlacht gegen die Ägypter teilzunehmen, bei der er im Alter von 29 Jahren getötet wurde.