Jüdische Zuhälter und Prostituierte am Berliner Zentrum für Antisemitismus studieren

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Am 1. April erhielt ich eine E-Mail, es gebe zwei offene Post-Doktorandenstellen für ein Projekt „Jewish Pimps, Prostitutes and Campaigners in a Transnational German and British Context, 1875–1940“.[1] Die Ankündigung sagte, die Studie werde gemeinsam von Forschern an der School of HIstory an der Queen Mary University in London und dem Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin durchgeführt. Das Projekt wird im Herbst 2020 beginnen und zweieinhalb Jahre dauern.[2] Die Gelder dafür werden vom U.K. Arts and Humanities Research Council (AHRC) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Verfügung gestellt.

Ich gab die Information an eine Bekannte weiter, der ebenfalls zu Antisemitismus ermittelt. Ich warnte sie, dass diese Information mich am 1. April erreichte, also ein Scherz sein könnte. Als ich auf der Website der Queen Mary University wegen der Studie nachsah, stellte sich heraus, dass es sich um ein echtes Forschungsprojekt handelte. Zur Erklärung des Hintergrunds des Projekts hieß es: „Dieses Projekt … wird auf die Fachkenntnis einer Projektgruppe zurückgreifen, die sich auf das Studium von Geschlecht, Antisemitismus und Migration spezialisiert hat, um das Phänomen jüdischer Beteiligung am Rotlichtmilieu zu untersuchen… Dieses Forschungsprojekt…, das von Historikern der jüdischen Geschichte und der Geschichte des Antisemitismus weitgehend vernachlässigt wird, wird einen Blick über institutionelle Rahmenbedingungen hinaus werfen, die das Alltagsleben jüdischer Prostituierter im Zeitalter der großen jüdischen Migration beherrschten, um ein neues Verständnis der internationalen Mobilität in der Zeit der modernen Globalisierung offenzulegen.“[3]

Berlin ist Europas Antisemitismus-Hauptstadt.[4] Hier wird eine große Bandbreite antijüdischer und antiisraelischer Einstellungen zur Schau gestellt. Zu ihnen gehören Dutzende Fälle physischer Aggression gegen Juden, einschließlich Rabbinern. Jüdische Schüler mussten nach extremen Übergriffen öffentliche Schulen verlassen. 35 Prozent der Berliner betrachten Israelis als analog zu Nazis.[5] Jährlich findet in Berlin ein Marsch zum Al-Quds-Tag statt, bei dem die Vernichtung Israels gefordert wird.

Das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin (ZfA) wurde 1982 eingerichtet. Es behauptet seine Aktivitäten auf die vielfache interdisziplinäre Forschung zum Antisemitismus in der Vergangenheit und Gegenwart zu konzentrieren.[6] Das extrem ungesunde Berliner Umfeld bietet einem Antisemitismus-Zentrum gewaltige Herausforderungen für seine aktuellen Studien.

Das von Skandalen geplagte ZfA hat sich im Lauf der Jahre bedeutender Kritik ausgesetzt gesehen, zum Beispiel dafür einen Forscher zu beschäftigen, der für eine Organisation gearbeitet hatte, die für eine vom iranischen Regime unterstützte Kundgebung warb, auf der die Vernichtung des jüdischen Staates gefordert wurde. Efraim Zuroff vom Simon Wiesenthal Center formulierte es so: „Man stellt sich vor, dass so etwas im Iran gemacht wird. Sie richten ein Institut zum Studium des Antisemitismus ein und laden Antisemiten ein dort zu arbeiten.“[7] Das ZfA ist zudem dafür kritisiert worden Antisemitismus mit Islamophobie gleichzusetzen.[8]

In diesem Zusammenhang finanzielle und menschliche Ressourcen auf eine Studie jüdischer Zuhälter und Prostituierter vor vielen Jahrzehnten zu verwenden ist weit schlimmer als ein Aprilscherz. Es ist die Handlung einer Institution, deren Führung den moralischen Kontext der realen Welt in der Stadt, in der sie arbeitet, komplett verloren zu haben scheint: Europas Hauptstadt des Antisemitismus.

Die Ankündigung dieser falsch aufgefassten Studie kam ein paar Wochen nach einem Artikel von Jeffrey Herf in der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Herf ist ein angesehener Professor an der Maryland University. Er griff einen früheren Artikel in derselben Zeitung an, den Stefanie Schüler-Springorum geschrieben hatte, die aktuelle Leiterin des ZfA. Sie hatte behauptet, dass Antisemitismus-Forschung, um „ihr Thema voll zu erfassen“ interdisziplinär und vergleichend sein und sich auch auf andere Formen der Ausgrenzung konzentrieren muss. Schüler-Springorum erklärte, Antisemitismus-Forschung sei durch politischen Streitigkeiten zerrissen worden.[9]

Herf reagierte: Führende Forscher in den USA, Europa und Israel stimmen überein, dass Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg aus drei Quellen kommt: Kommunismus (und die radikale Linke), islamistische Ideologie und christlicher rechter Antisemitismus. Er fügte hinzu, dass das ZfA Jahrzehnte lang diesen wissenschaftlichen Konsens ablehnte und wenig Bereitschaft zeigte linken und islamistischen Antisemitismus anzugehen.

Herfs kräftig zuschlagender Artikel fuhr mit der Erklärung fort, dass das ZfA sich außerhalb des Konsenses befindet. Es beschäftigte sich kaum mit Kommunismus, radikalen Linken und Islamisten. Er stellte heraus, dass das Zentrum nahe bei den Archiven des ehemaligen Ostdeutschland befindet. Dennoch hat kein Forscher eine Studie zu den verschiedenen Arten der Angriffe Ostdeutschlands mit dem Ziel der Vernichtung Israels veröffentlicht.

Herf fuhr mit der Äußerung fort, dass die einseitigen Vorwürfe an Israel wegen des Nahost-Konflikts, wie sie vom kommunistischen Block und der radikalen Linken während des Kalten Kriegs in Europa propagiert wurden, heute in der „selektiven Empörung“ der BDS-Bewegung gegenüber Israel weiterlebt. Diese linke Animosität gegenüber dem Zionismus in Israel belebte die am tiefsten sitzende traditionelle antijüdische Angst der westlichen Welt neu: den Mythos einer mächtigen, bewaffneten und bösen Nation von Juden.

Nach Angaben von Herf hat islamistischer Antisemitismus nach dem Holocaust weiter gelebt, hauptsächlich geformt in den 1930-er und 1940-er Jahren vom Großmufti von Jerusalem, Haddsch Amin al-Husseini; dem führenden Ideologen der Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb in den 1950-er und 1960-er Jahren; und dem iranischen Mullah-Regime sowie ab 1988 der Hamas-Charta – die ihre Ideologien allesamt auf einem selektiven Lesen des Koran und der Hadithe gründeten.

Diese fanatische Tradition hat zwanzig Jahre lang Angriffe auf die Juden Europas angezettelt und offen antizionistische Demonstrationen in ganz Deutschland organisiert. Herf schloss, dass die internationale Holocaust-Forschung sich mit „allen drei Gesichtern des Antisemitismus“ beschäftigt und daher nicht von internen Kämpfen zerrissen ist, wie Schüler-Springorum behauptet hatte.[10]

Um das Versagen des ZfA im Umgang mit Schlüsselelementen des zeitgenössischen Antisemitismus besser zu verstehen und warum es Interesse an „Jüdischen Zuhältern und Prostituierten“ in einer weit zurückliegenden Vergangenheit hat, muss man auch einen Blick auf die Ansichten von Wolfgang Benz werfen, der das Zentrum von 1990 bis 2011 leitete. 2014 behauptete Benz in einem Interview in der Wochenzeitung DIE ZEIT, dass Antisemitismus in Deutschland nicht zugenommen hätte. Er stellte diese Behauptung trotz Angriffen auf Juden und jüdische Stellen während der israelischen Operation im Gazastreifen auf.[11]

2018 hängte ein Reporter der Tageszeitung BILD israelische Flaggen in sogenannten Problemzonen mehrerer deutscher Städte auf. Zwei Jugendliche nahmen eine Flagge ab und versuchten erfolglos sie zu verbrennen. BILD betrachtete das als Beweis für muslimischen Antisemitismus – Benz reagiert mit der Aussage: „Israelische Flaggen auf der Straße abzuhängen mach einen nicht antisemitisch.“[12]

2019 sagte Benz in einem Interview zu den Palästinensern nur eins: „Empathie für die Zivilbevölkerung des besetzten Palästina ist kein Antisemitismus.“ Er hielt es nicht für nötig die wichtigen völkermörderischen Strömungen bei den Palästinensern und die Verherrlichung der Morde an Israelis, einschließlich Zivilisten, zu erwähnen. Benz brachte zudem die falschen Idee zum Ausdruck, diejenigen, die die Boykottbewegung als in ihrem Kern antisemitisch betrachten, seien fanatisiert und verfügten über kein objektives Urteilsvermögen mehr.[13]

2020 behauptete Benz in einem Interview, dass 95% der Hassverbrechen in Deutschland gegen Juden von Rechtsradikalen begangen würden, nicht von Neuankömmlingen.[14] Es ist undenkbar, dass Benz, der Antisemitismus-Experte, nicht weiß, dass diese deutschen Statistiken manipuliert sind. Bei der Hälfte der antisemitischen Vorfälle sind die Täter nicht bekannt. Von diesen nehmen die Behörden dann an, dass es sich um Rechtsradikale handelt.

Das ZfA, das sich in Europas Antisemitismus-Hauptstadt Berlin befindet, ist in einer einzigartigen Position, um die Explosion des Antisemitismus im heuen Jahrhundert zu studieren. Das sollte eine Analyse der Gründe einschließen, warum viele Millionen Deutsche Israelis völlig falsch mit Nazis vergleichen. Dort hegt einer von drei Erwachsenen auf der Straße in Berlin diese Ansichten. Stattdessen verschwendet das ZfA seine Energie und nimmt in seine Aktivitäten ein Projekt auf, das auf den ersten Blick wie ein Aprilscherz aussieht.

[1] Jüdische Zuhälter, Prostituierte und Aktivisten in einem transnationalen deutschen und britischen Kontext 1875 – 1940

[2] https://webapps2.is.qmul.ac.uk/jobs/job.action?jobID=5187

[3] ebenda

[4] https://heplev.wordpress.com/2019/02/18/berlin-europas-hauptstadt-des-antisemitismus/ (engl.: https://besacenter.org/perspectives-papers/berlin-antisemitism/)

[5] http://berlin-monitor.de/wp-content/uploads/2019/08/PPT_BerlinMonitor_2019.pdf, S. 14

[6] www.tu-berlin.de/fakultaet_i/zentrum_fuer_antisemitismusforschung/menue/ueber_uns/

[7] www.jpost.com/international/german-center-for-antisemitism-research-hires-alleged-antisemite-569698

[8] www.jpost.com/International/German-intellectuals-blast-Holocaust-professor

[9] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/antisemitismusforschung-muss-vergleichen-und-differenzieren-16665500.html?premium#void

[10] www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/jeffrey-herf-der-heutige-antisemitismus-hat-drei-urspruenge-16696194.html

[11] www.kantorcenter.tau.ac.il/prof-wolfgang-benz-antisemitism-has-not-increased-germany

[12] www.exberliner.com/features/zeitgeist/a-new-anti-antisemitism/

[13] www.swp.de/politik/inland/interview-mit-antisemitismusforscher-wolfgang-benz-30241771.html

[14] www.exberliner.com/features/zeitgeist/a-new-anti-antisemitism/