„Ich hörte Deutschland habe kapituliert“ – Erinnerungen an den Tag des Kriegsendes im Mandat Palästina

Sein Sohn war immer noch an der Front, als der Philosoph Samuel Hugo Bergman darüber schrieb, wie die Nachrichten vom Sieg über die Nazis in Jerusalem erreichten.

Stefan Litt, the Librarians, 7. Mai 2020

Feiern am Tag des Sieges, Tel Aviv, Mai 1945 (Foto: Israel Museum)

2. Mai: Heute Morgen kam Nachricht von Hitlers Tod, die aus einer Reihe von Gründen keinen großen Eindruck hinterließ: weil die Menschen sie nicht glaubten oder weil sie darauf vorbereitet waren oder weil, nach allem, was geschehen war und immer noch wie Gift in der Seele zurückbleibt, der Tod des Einen, der hauptverantwortlich war, nichts mehr bedeutet. Es liegt in dieser Stunde des Sieges keine Freude in der Luft, so wie es auch am Anfang des Krieges keine Begeisterung gab […]

Nach fünf Jahren und acht Monaten ging mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Er war der zerstörerischste und grausamste Krieg der Menschheitsgeschichte; an ihm waren mehr als 60 Staaten und rund 110 Millionen Soldaten beteiligt und es wird geschätzt, dass er etwa 60 Millionen Opfer gefordert hat, darunter sechs Millionen Juden, die Opfer des Holocaust. Riesige Gebiete, ganze Städte und Dörfer überall in Europa lagen in Trümmern und Millionen Menschen verloren ihre Häuser.

Geschichten aus dem Krieg und seine Historie wurden zur Grundlage einer unermesslichen Zahl literarischer und cineastischer Arbeiten, ebenso wissenschaftliche und philosophische Studien. Solche Geschichten haben auch heute noch dieselbe Funktion. Es versteht sich von selbst, dass ein Ereignis dieser Größenordnung in der Erinnerung von Millionen eingraviert blieb und folgenden Generationen, die Jahre nach Kriegsende geboren wurden, beschäftig.

Feiern zum Siegestag, Tel Aviv, Mai 1945 (Foto: Israel Museum)

5. Mai: Zwei Briefe von Uri [einer von Bermgans Söhnen], in denen er von seinem Treffen mit deutschen Gefangenen berichtet. Sie sind Menschen wie alle anderen auch. Darf er einem ein Messer geben, damit er eine Dose Sardinen öffnen kann? Sollte er ihm Zigaretten geben? Er schrieb von den jüdischen Soldaten, die bis zum Ende kämpften, damit sie nicht gezwungen wurden in Gefangenschaft zu gehen und fragte nach meiner Meinung dazu. Gestern schrieb ich ihm. – Was für Zeiten das sind! Gestern hörte ich im Radio eine Geschichte über die Kapitulation der Deutschen in Holland, Dänemark und Nordwestdeutschland. Danach sendeten sie Verse aus Psalm 126: „Wir waren wie Träumende […]

In europäischen Ländern hat der 8. Mai eine besondere Bedeutung, da 1945 an diesem Tag die Kapitulation der Deutschen in Kraft trat. Einen Tag zuvor hatte General Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsstabes im Oberkommando der deutschen Wehrmacht sie unterzeichnet. Die Kapitulationszeremonie, bei der das Dokument in Anwesenheit der westlichen Alliierten unterschrieben wurde, fand am 7. Mai in der französischen Stadt Reims statt. Eine ähnliche Zeremonie gab es in Anwesenheit der Generale der Roten Armee der Sowjetunion am 9. Mai in Berlin.

Der Krieg hatte das Mandat Palästina und seine Einwohner kaum erreicht, außer bei einer Bombardierung von Tel Aviv durch die Italiener 1940. Eine größere Gefahr war die Anwesenheit großer deutscher Einheiten in Nordafrika unter dem Kommando von General Erwin Rommel, aber seine Niederlage im November 1942 bei El Alamein beendete die Gefahr der Eroberung Palästinas durch die Nazis.

6. Mai: Als [Yitzhak Ernst] Nebenzahl mir sagte, er habe im Radio gehört, dass sie den Siegestag innerhalb von ein oder zwei Tagen ausrufen würden, nutzte ich die Gelegenheit ihm von dem Pessimismus zu erzählen, der uns ergriff, der aller Freude wie in Fichmans Artikel in „Davar“ und im Gebet 126 [dem Vers aus den Psalmen] zuvorkommt.

Trotz dieser Lage waren viele Einwohner des Mandats Palästina auf die eine oder andere Weise am Krieg beteiligt: als Flüchtlinge aus Europa, als Soldaten in der Jewish Brigade (einer Einheit in der britischen Armee) oder als Verwandte von europäischen Juden, die den grausamen Taten der Deutschen im Rahmen der Endlösung und des methodischen Vernichtungsplan zum Opfer fielen.

7. Mai: Gelobt sei Gott!!!

Das Archiv der Nationalbibliothek Israels enthält Material, das den historischen Moment des Kriegsendes und der deutschen Kapitulation spiegelt. Ein faszinierendes Beispiel ist das Tagebuch des Philosophen Samuel Hugo Bergman.

Bergman (1883 – 1975), gebürtig aus Prag, wanderte 1920 nach Palästina ein. 15 Jahre lang diente er als Direktor der jüdischen National- und Universitätsbibliothek, der heutigen Nationalbibliothek Israels. Ab 1935 war er Professor für Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Die Mitarbeiter der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek, Sommer 1935; Samuel Hugo Bergman sitzt als 4. von rechts in der vorderen Reihe.

Wie viele in seiner Generation schrieb Bergman Tagebuch, in dem er Persönliches festhielt, aber auch auf politische Entwicklungen und Allgemeines verwies. Berman schrieb sein Tagebuch auf Detusch, nutzte aber ein Art Stenografie, die damals von Deutsch und andere Sprachen Sprechenden weithin verwendet wurde. Der Steno-Gebrauch ermöglichte ein schnelles Schreiben, war aber zu etwas wie einem Geheimcode geworden, da wir heute kaum noch in der Lage sind das zu entziffern. Glücklicherweise entzifferte Bergmans Witwe Elsa seine Journale zusammen mit einer Reihe weiterer Personen und kopierte die Texte in gewöhnliches Deutsch.

Die Seite aus Bergmans Tagebuch, die den 5.-9. Mai 1945 beschreibt, geschrieben in Stenografie. Archiv der Nationalbibliothek

Eine Auswahl aus den Tagebüchern wurde 1985 auf Deutsch veröffentlicht. Die Originaltagebücher befinden sich zusammen mit anderen Schriftstücken und Dokumenten im Samuel Hugo Bergman-Archiv in der der Archivabteilung der Nationalbibliothek Israels.

8. und 9. Mai: Zweit Tage Friedensfeiern. Am 7. Mai morgens ein Vortrag von Sir Ronald Davidson zu Problemen in England nach dem Krieg. Auf dem Weg hörte ich, dass Deutschland kapituliert habe. Am Abend, im Haus von [David Werner] Senator, während des Treffens um 9.30 Uhr erfuhren wir, dass sie Kapitulationsgespräche abgeschlossen waren und dass sie für den 8. und 9. Mai Friedenstage ausgerufen hatten. Am selben Abend ging ich mit [Else] zum Zion[splatz], wie wir nur betrunkene Soldaten sahen […]