1948: Warum der Name Israel?

Martin Kramer, The Times of Israel blogs, 27. April 2020

David Ben-Gurion ruft den Staat Israel aus – 14. Mai 1948 (Government Press Office)

Am 14. Mai 1948 rief David Ben-Gurion im alten Museum von Tel Aviv (heute die Unabhängigkeitshalle) auf dem Rothschild-Boulevard den Staat aus. Höhepunkt war dieser Satz: „Wir erklären hiermit die Gründung eines jüdischen Staates in Eretz Israel, der als Staat Israel bekannt sein soll.“ Das war die Applaus-Linie, der Höhepunkt und der Namensgebung des Staates.

Bis zu diesem Moment wussten sehr wenige Leute, wie der Staat heißen sollte. In den unterschiedlichen Entwürfen der Erklärung war der Platz für den Namen freigelassen worden. Als die Diplomaten der Jewish Agency in Washington daran ging vorab ein Versprechen der Anerkennung des Staates sicherzustellen, konnten sie den Amerikanern nicht sagen, welchen Namen er haben würde.

Später erinnerte sich Clark Clifford, Truman juristischer Berater: „Der Name ‚Israel‘ war noch unbekannt und die meisten von uns nahmen an, der neue Staat würde ‚Judäa‘ heißen.“ Der für Harry Truman am 14. Mai vorbereitete Brief mit der Anerkennung wurde folgendermaßen getippt: „Die Vereinigten Staaten erkennen die provisorische Regierung als de facto-Obrigkeit des neuen jüdischen Staates an.“ Jemand strich „jüdischer Staat“ durch und schrieb an dessen Stelle „Staat Israel“.

Trumans Brief zur Anerkennung Israels.

Wir wurde der Name beschlossen? Am 12. Mai in einer Abstimmung in der Volksverwaltung, dem auf seine Einsetzung wartenden Kabinett. Das Protokoll führt keine Einzelheiten der Diskussion an. Es hält nur fest, dass Ben-Gurion sagte:

Wir haben beschlossen, dass der Name des Staates Israel lauten wird. Und wenn wir Staat sagen, dann ist das der Staat Israel … Dem kann im grammatischen Konstrukt mit „Staat“ jedes Wort hinzugefügt werden: Armee Israels, Gemeinschaft Israels, Volk Israels.

Ben-Gurion ließ dann darüber abstimmen. Nach Angaben des Protokolls gab es sieben Stimmen dafür. Gegenstimmen und Enthaltungen wurden nicht festgehalten. In seinem Buch Three Days von 1962 schrieb Kabinettsekretär Zeev Sharef, dass diese Entscheidung „ohne weitere Vorschläge“ getroffen wurde.

Eine nicht begeisterte Wahl

Genau genommen wissen wir aber aus zwei Quellen mehr über die Diskussion, die diesem Treffen vorausging: als erstes das, was Sharef einem Journalisten am ersten Jahrestag der Unabhängigkeit erzählte; und als zweites eine Erinnerung des Hauptgegners des Namens Israel.

Das hier erzählte Sharef 1949 diesem Journalisten. (Es war Mosche Brilliant und er veröffentlichte seinen Text an Israels erstem Jahrestag in der Zeitung, die selbst 1949 immer noch Palestine Post hieß.)

Die meisten Leute hatten gedacht, der Staat würde Judäa heißten (auf Hebräisch Yehuda). Aber Judäa ist der historische Name des Gebiets um Jerusalem, von der damals am unwahrscheinlichsten war, dass es Teil des Staates werden würde. Zudem traf der Name nur auf ein sehr kleines Gebiet zu. Also wurde Judäa verworfen.

Karte des UNO-Teilungsplans von 1947.

Von Anfang an hatte der  Zionismus darüber geredet einen jüdischen Staat zu schaffen und das machte auch der Teilungsplan. Da „jüdisch“ von Judäa abgeleitet war, hätte dieser Name einen logische Wahl sein können. Aber nach Angaben des UNO-Teilungsplans sollte praktisch der gesamte geografische Bereich Judäas entweder internationalisiert – Jerusalem und seine Umgebung- oder Teil des arabischen Staates sein. Einen Staat Judäa zu nennen, der das geografische Judäa nicht einschloss, wäre eine Anomalie gewesen.

Aber selbst wenn der Staat nicht mit dem Besitz eines Stücks von Judäa entstanden wäre, hätte er viel mehr als dieses eingeschlossen, zum Beispiel den Negev. Und wie hätte der Staat Judäa genannt werden können, wenn er zum größten Teil etwas anderes war? Es war auch auf andere Weise problematisch. Wie hätte man seine Einwohner nennen sollen? Yehudim? Wie hätte sich das mit seinen arabischen Staatsbürgern vertragen, die laut Teilungsplan eine halbe Million zählen würden? Also wurde Judäa ausgeschlossen.

Ich kehre zur Schilderung Sharefs via Brilliant zurück.

„Zion“ wurde ebenfalls vorgeschlagen. Aber Zion ist der Name eines Hügels, von dem aus man einen Blick über die Altstadt von Jerusalem hat.

Hier sehen wir wieder das Problem, das durch die vorhandene Geografie aufgeworfen wurde. Wie konnte ein Staat Zion genannt werden, wenn das geografische Zion kein Teil davon sein würde?

Selbst die Bibel bezeichnet Jerusalem und manchmal das gesamte Land als Zion. In diesem Sinne wurde es „Zion-Liebhabern“ im 19. Jahrhundert und dann von der zionistischen Bewegung übernommen.

Aber die Gründung eines souveränen jüdischen Staates hatte den Effekt Zion einmal mehr auf seine spezifische territoriale Bedeutung zu reduzieren. Und auf jeden Fall: Wie würden der Bürger eines solchen Staates genannt werden? Würde man ihn als Zionist bezeichnen, würde das zu einer Verwechslung eines in Amerika lebenden Zionisten und einem tatsächlichen Bürger des jüdischen Staates führen. Und natürlich wäre es ziemlich heftig gewesen von arabischen Bürgern zu erwarten sich selbst als Zionisten zu bezeichnen.

Zurück zu Sharef via Brilliant.

Einer schlug „Ever“ vor – die Wurzel von „Ivri“, was „hebräisch“ bedeutet. Das mochte niemand.

Es gibt keine Erklärung dafür, warum; und es gab natürlich eine Verbindung zu der Vorstellung des „neuen Juden“ als Hebräer. Vermutlich wäre der Bürger eines solchen Staates Ivri genannt worden, Hebräer. Aber Ever hatte auch eine geografische Verbindung, „überwechseln“ und eine Interpretation lautet, dass es sich auf das bezieht, was westlich des Jordan liegt. Möglicherweise eine zu starke Einschränkung und niemand mochte diesen Namen.

„Eretz Israel“, der hebräisch-biblische Name für Palästina, wurde ausgeschlossen, weil es die Gefahr einer irredentischen Note in sich trug.

Abgesehen von der Verbindung von Eretz Israel mit der biblischen Vergangenheit war es während des britischen Mandats der offizielle hebräische Name des gesamten Landes gewesen. Dieser Name lautete Palestina Aleph Yud für Eretz Yisrael. Juden im Mandat bezeichneten sich manchmal als Eretz Yisraelim. Aber die UNO hatte eine Teilung des Landes gefordert. Die Ausrufung des Staates achtete zwar sorgfältig darauf keinen Verweis auf diesen Plan als Teilungsplan zu beinhalten, aber niemand wollte auch offen der UNO trotzen. Den Staat Eretz Israel zu nennen, hätte wie ein offener Anspruch auf das gesamte Mandatsgebiet Palästina geklungen. Also wurde auch das ausgeschlossen.

Zurück zu Sharef via Brilliant:

Ben-Gurion war der erste, der „Israel“ vorschlug. Es erschien anfangs seltsam und der Vorschlag wurde kühl aufgenommen. Aber die Mitglieder versuchten „Regierung Israels“, „Armee Israels“, „Bürger Israels“, „israelischer Konsul“ auszusprechen, um zu sehen wie das klang. Die meisten wahren nicht begeistert, aber es waren weniger als 48 Stunden übrig und es war viel dringendere Arbeit zu erledigen, also wurde darüber abgestimmt. Sieben der zehn anwesenden Mitglieder stimmten für „Israel“.

Das war es also. Der Name „Israel“ kam über ein Ausschlussverfahren zum Staat, weil es nicht die Zeit gab etwas Besseres zu finden. Eine Mehrheit stimmte dafür – eine wenig begeisterte Mehrheit.

Die verlorene Sache für Judäa

Das stichhaltigste Argument für diese Wahl kam von Yitzhak Gruenbaum, dem tonangebenden säkularen Führer des polnischen Judentums zwischen den Kriegen, später Vorsitzender des Jewish Agency Rescue Committee während des Holocaust und erstem Innenminister Israels.

Gruenbaum argumentierte für den Namen Judäa statt Israel und erklärte seine Begründung dafür Jahre später mit diesen Worten:

Ich bin gegen den Namen Israel. Er erinnert mich an den Namen israélite [auf Französisch], der von nichtjüdischen Sympathisanten und Assimilationisten statt juif [jüdisch] verwendet wird, der als abwertig betrachtet wurde. Wir Zionisten begrüßen den gering geschätzte „jüdisch“, das seit der Rückkehr aus dem [babylonischen] Exil der Name unseres Volks und dem Bau des zweiten Tempels war. Der unabhängige Hasmonäerstaat trug auch nach der Eroberung durch die Römer diesen Namen. Ich bevorzuge diesen Namen, den die Massen des [jüdischen] Volks in ihrer gesprochenen Sprache akzeptierten. Ein anderer Name würden den Staat verpflichtend von der Diaspora trennen.

Für Gruenbaum hatte der Name Judäa den Vorteil Kontinuität zu schaffen, von der letzten Ausdrucksform jüdischer Souveränität – Judäa unter den Hasmonäern – und durch die 2.000 Jahre der Diaspora der Juden hindurch. Das war von den Zionisten begrüßt worden, als sie sich für eine jüdische nationale Heimstatt in einem jüdischen Staat stark machten. Ein Staat namens Judäa würde nicht nur dieser Kontinuität in der Zeit betonen, sondern den neuen Staat auch zu den Juden überall in der Gegenwart verbinden.

Diesen Streit verlor Gruenbaum wegen des bereits erwähnten geografischen Gegenarguments: das geografische Judäa war zu klein und nicht als Teil des Staates vorgesehen. Gruenbaum gab zu, dass „die Mehrheit Ben-Gurions Vorschlag akzeptierte … weil die Grenzen unseres Staates weiter waren als die die Hasmonäer“.

Aber jetzt kommen wir Gruenbaums Anspielung auf den wirklichen Grund kommt, weshalb Ben-Gurion Israel Judäa vorzog. Er hatte nichts mit der Geografie zu tun.

Ich hatte das Gefühl, das Ben-Gurion den wahren Grund hinter seinem übernommenen Vorschlag nicht verriet. Leider erkannte man nach ein paar Jahren, dass der Name „Israel“ ein Missverständnis bei den im Land geborenen Sabres gab. Die Sabre begannen sich als Israelis zu betrachten, nicht als Juden.

Gruenbaum hatte den Verdacht, dass der wahren G rund, dass Ben-Gurion den Staat Israel dem Staat Judäa vorzog darin bestand, dass er einen Bruch der Kontinuität wollte, einen Bruch mit der jüdischen Vergangenheit im Exil.

Diesbezüglich unterschied sich Ben-Gurion nicht komplett von denen in Frankreich, die juif durch israélite ersetzt hatten, womit signalisiert werden sollte, dass die Juden in Frankreich sich emanzipiert hatten. Immerhin war auch Emanzipiation ein Bruch mit der jüdischen Vergangenheit. Und Ben-Gurion wollte keine Brücke zur Diaspora, sondern deren Unterordnung unter den neuen Staat. Mit der Wahl des Namens Israel wollte Ben-Gurion eine neue Identität schaffen, die auf jüdischer Identität aufbaut, sie aber dennoch ersetzt.

Gruenbaum war nicht religiös. Im Gegenteil, er war erklärter Säkularist und landete in der sozialistischen Partei Mapai. Er wollte nicht, dass der Name Judäa den Staat an der Religion festkettet (oder an einen Anspruch auf Territorium bindet). Aber er wollte einen Namen, der den Staat an die jüdische Geschichte bindet und nicht einfach nur israelitisches Altertum.

Als Gruenbaum sich beschwerte, dass die Sabres aufgehört hatten sich als Juden zu betrachten, sprach er 1961, auf der Höhe der säkularen Welle selbstgefälligen Selbstachtung der im Land geborenen Israelis, die glaubten, sie seien über die jüdische Geschichte hinausgeschritten.

Aber in diesem Moment hatte Ben-Gurion einen wichtigen Schritt unternommen, um die jungen Israelis daran zu erinnern, dass sie tatsächlich Juden waren. Im Jahr davor hatte Israel Adolf Eichmann festgesetzt, eine Schlüsselfigur in der Planung des Holocaust und ihn 1961 wegen an den Juden begangenen Verbrechen vor Gericht gestellt, die vor der Geburt Israels in Europa ermordet wurden. Die Washington Post brachte ein Editorial, in dem behauptet wurde Israel habe keinen Anspruch darauf das jüdische Volk zu repräsentieren. Ben-Gurions Antwort:

Der Schreiber der Washington Post ist sich vielleicht nicht bekannt, dass wir am 14. Mai 1948 den Staat Israel ausgerufen haben, gemäß den Entscheidungen der Vereinten Nationen (die von den USA wie auch anderen Ländern gestützt wurden) und dass Israel nur der Name des jüdischen Staates ist.

Das Wesen des Staates war jüdisch; sein Name war eine Zweckmäßigkeit. Aus Ben-Gurions Sicht hätte der Eichmann-Prozess jede durch den Namen verursachte Unzweideutigkeit beseitigen müssen.

Aber die Wahl des Namens Israel schuf eine Verwirrung, die bis heute fortbesteht.