1939 bis 1945: Die katholische Kirche war Teil der Kriegsgesellschaft

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

In einem neuen Bericht anlässlich des 75. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs hat die Deutsche Katholische Bischofskonferenz endlich die Mittäterschaft der Kirche beim Handeln des Naziregimes während des Krieges eingestanden. Man muss nur ein paar Zeilen ihres Textes zitieren, um zu verstehen, was die derzeitigen Bischöfe über ihre Vorgänger in der Kriegszeit sagen: „Die katholische Kirche in Deutschland war Teil der Kriegsgesellschaft. Die patriotische Bereitschaft die materiellen, personellen und geistigen Ressourcen der Kirche für den Kriegseinsatz zu mobilisieren, blieb bis zum Ende ungebrochen.“[1] Weiter: „Sowohl im September 1939 als auch danach blieb der offene Protest der deutschen Bischöfe gegen den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg aus“ und „gegen die ungeheuerlichen Verbrechen an den als ‚rassenfremd‘ diskriminierten und verfolgten Anderen, insbesondere den Juden, erhob sich in der Kirche in Deutschland kaum eine Stimme.“[2] Es gab viele andere Wege, wie die Kirche den Nazis half. Der Bericht beschreibt auch diese.

Man sollte hinzufügen, dass die deutsche katholische Kirche die Prozesse gegen Nazi-Kriegsverbrecher als Racheakte wahrnahm. Diese extremen Kriminellen waren in ihren Augen Opfer, die von der Siegerjustiz verfolgt wurden.[3] Katholische Geistliche, auch aus dem Vatikan, gehörten zu denen, die tausenden Nazis halfen über die „Rattenlinie“ nach Lateinamerika zu entkommen.[4]

Der aktuelle Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, sagte, dass die in dem Bericht enthaltenen Eingeständnisse für die Bischöfe nicht leicht waren. „Wir wissen, dass der Vorsitz als Richter und Jury über unsere Vorgänger uns nicht zusteht. Keine Generation ist frei von Urteil und Vorurteil, die von ihrer Zeit geformt sind… aber wer später kommt, muss sich der Geschichte stellen, um daraus zu lernen.“[5] In seiner Einführung in den Bericht deckt Bätzing auf – das sollten schockierende Neuigkeiten sein – dass ernsthafte Fragen zum Verhalten der deutschen Bischöfe während des Zweiten Weltkriegs erst vor kurzem veröffentlicht wurden.

Warum warteten die Bischöfe 75 Jahre bis zu diesem Eingeständnis? Wir befinden uns Generationen an Bischöfen später. Was machte es den Bischöfen der Kriegszeit so schwer ihr Versagen einzugestehen? Im Katholizismus spielt die Beichte der eigenen Sünden des Individuums eine zentrale Rolle. Man sollte denken, dass die Natur des Katholizismus tatsächlich ein solches Eingeständnis fördern würde.

Selbst im Vergleich zu einer anderen deutschen religiösen Körperschaft brauchten die katholischen Bischöfe sehr lange, bis sie ihr Eingeständnis abgaben. Die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland gab 1980 „die christliche Mitverantwortung für und Schuld am Holocaust, die Ächtung und Auslöschung der Juden im Dritten Reich“ zu.[6]

Der Bericht ermöglicht es uns auch, eine bessere Perspektive auf einen Skandal zu gewinnen, der sich im März 2007 zutrug. 27 deutsche Bischöfe gingen auf Pilgerfahrt nach Israel. Das sollte ein Symbol der Versöhnung zwischen Juden und Katholiken sein. Einige der Bischöfe machten daraus allerdings einen beschämenden Besuch.

Gregor Maria Hanke, Bischof von Eichstätt, machte eine für Holocaust-Umkehrer typische Bemerkung; er suggerierte, dass Israelis sich wie Nazis verhalten: „Am Morgen sahen wir die Fotos des unmenschlichen Warschauer Ghettos und am Abend reisten wir in das Ghetto Ramallah.“ Später sagte er, er habe eine solche Gleichsetzung nicht beabsichtigt.

Bischof Walter Mixa aus Augsburg beschrieb die Situation in Ramallah als „wie im Ghetto“ und sagte, es sei „fast Rassismus“. Mixa trat 2010 von seiner Position in der Kirche zurück, weil ihm mehrere Verstöße vorgeworfen wurden. Er wurde später von einigen dieser Vorwürfe entlastet.[7]

Ein weiteres Mitglied der Delegation war der inzwischen verstorbene Kardinal Joachim Meisner, Erzbischof von Köln, der die Trennbarriere in der „Westbank“ mit der Berliner Mauer verglich. Bei einer anderen Gelegenheit entstellte er den Holocaust. Er setzte die Abtreibungspille mit dem Gas Zykon-B gleich, das in den Gaskammern der Nazis benutzt wurde. 2005 verglich er Abtreibungen in einer Predigt mit dem Holocaust.[8] Andere verletzende Bemerkungen, die als von diesen Bischöfen getätigt berichtet wurden, konnten nicht verifiziert werden.

Kardinal Karl Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, sprach in Yad Vaschem über die Vertiefung der Verbindungen zwischen Juden und Katholiken. Die Kirche veröffentlichte später, dass nur die Äußerung Kardinal Lehmanns repräsentativ für die Delegation sei.

Der neue Bericht stellt die Bischofsdelegation von 2007 weiter bloß. Ihre Mitglieder hätten sich entschuldigen müssen, statt Israel zu kritisieren. Katholische Kriminalität gegen die Juden geht mehr als 1000 Jahre vor die Kollaboration mit Hitler zurück. Es hat Jahrhunderte der Verfolgung, des Hasses, der Aufstachelung und manchmal sogar des Mordens gegeben. Erbarmungslose christliche Hetze gegen die Juden bot den Nazis einen Teil der Infrastruktur gegen sie.

Derweil braut sich ein weiterer möglicher Skandal bisher unbekannten Ausmaßes zusammen. Papst Franziskus beschloss vor kurzem alle Archive des Vatikans zum Kriegspontifikat von Pius XII. für Forscher zu öffnen. Eine Woche danach wurden sie im März wegen der Coronakrise wieder geschlossen. Einer der Wissenschaftler, der deutsche Katholik Herbert Wolf, hat erklärt, er hege keine Zweifel, dass der Papst vom Holocaust wusste.[9]

1999 schuf der Vatikan eine internationale katholisch-jüdische historische Kommission zur Erforschung der Rolle von Papst Pius XII. im Krieg. Ihr gehörten drei katholische und drei jüdische Mitglieder an. Einer davon war ein Israeli, der verstorbene Robert Wistrich. Da ihnen die Informationen, die sie anforderten, nicht gegeben wurden, stellte die Kommission ihre Aktivitäten 2001 ein.[10]

Man fragt sich, in welchem Ausmaß die massive Nachkriegs-Säkularisierung in Europa in Teilen vom Versagen der Kirchen im Zweiten Weltkrieg verursacht wurde. Seitdem hat die katholische Kirche im Auge der Öffentlichkeit enorme Schläge einstecken müssen, weil sie massiven sexuellen Missbrauch durch Mitglieder ihres Klerus verheimlichte. Eine von der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie stellte fest, dass 1.670 Priester von 1946 bis 2014 in sexuellen Missbrauch in Deutschland verwickelt waren.[11] Und wer weiß, was die riesigen vatikanischen Kriegszeit-Archive offenbaren werden?

[1] „Deutsche Bischöfe im Weltkrieg Wort zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren, 20. April 2020. Hg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz.“ Bonn, 2020, S. 12. https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2020/2020-075d-DB_107-Deutsche-Bischoefe-im-Weltkrieg.pdf

[2] ebenda, S. 14

[3] www.zeit.de/1992/09/vergebung-ohne-reue/komplettansicht

[4] www.dw.com/en/the-ratlines-what-did-the-vatican-know-about-nazi-escape-routes/a-52555068

[5] https://nypost.com/2020/05/03/german-catholic-bishops-admit-they-were-complicit-in-nazi-crimes/

[6] This is discussed in detail in Hans Jansen, “Christelijke theologie na Auschwitz ((The Hague: Boekencentrum, 1985), 694ff.

[7] http://www.dw.com/en/secret-file-rekindles-controversy-over-ex-bishop-mixa/a-5716587

[8] http://www.dw.com/en/combative-cardinal-joachim-meisner-dies-age-83/a-39548377

[9] www.bbc.com/news/world-europe-51703464

[10] https://jcpa.org/article/reassessing-pope-pius-xiis-attitudes-toward-the-holocaust/

[11] www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2018/MHG-Studie-gesamt.pdf

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