Als David Ben Gurions Vater ihm etwas Bargeld schickte

Als Dr. Irving Halperin im Sommer 1968 an David Ben-Gurion schrieb, enthielt die Antwort ein paar überraschende Anekdoten über den ersten Premierminister des jüdischen Staates.

Zack Rothbart, the Librarians, 8. August 2017

Ich bin lange schon ein „unsichtbarer“ Fan von Ihnen gewesen.

Es war der Sommer 1968.

Die Vereinigten Staaten befanden sich in Aufruhr. Protestierende und öffentliche Zurschaustellung der Zuneigung füllten die Straßen, neue Musik füllte den Äther.

Für viele war San Francisco das Epizentrum von allem. Das San Francisco State College, an dem Dr. Irving Halperin Englisch lehrte, hatte Gewalt, Massenproteste, Verhaftungen von Studenten und Lehrenden erlebt. Es sollte bald der Ort des längsten Studentenstreiks in der akademischen Geschichte Amerikas sein.

Gleichwohl erwähnt Dr. Halperin in dem Brief, den er auf Englisch an den ersten Premierminister Israels schrieb, nichts von dem, was um ihn herum vorging.

Brief von Ben-Gurion an Irving Halperin, Corresponcence, 14. August 1968, Ben-Gurion-Archiv

Halperin war ein jüdischer Akademiker mittleren Alters, der einfach etwas über die Vergangenheit wissen wollte, über die Zeit der „Zweiten Aliyah“ sechs Jahrzehnte zuvor, in der Ben-Gurion das osmanische Palästina zu seiner Heimat machte.

In den letzten vier Monaten war ich fürchterlich beschäftigt und bitte um Entschuldigung, dass ich Ihren Brief vom 14. August bis jetzt nicht beantwortet habe.

Am 18. September schrieb Ben-Gurion handschriftlich aus bescheidenen Räumlichkeiten des Kibbuz Sde-Boker in der Wüste Negev auf Englisch seine Antwort. Israels 82-jähriger Gründervater war peinlich berührt, dass er so lange gebraucht hatte, um einem Mann in Kalifornien zurückzuschreiben, den er nie getroffen hatte.

Halperin hatte Ben-Gurion gebeten „dokumentarisches Material“ und „literarische Arbeiten“ zu empfehlen, die ihm helfen könnten ein Buch über „das Alltagsleben der Siedler der zweiten Aliyah in Israel“ zu schreiben. Er wollte „ein greifbares Verständnis dafür, wo sie arbeiteten, wie sie lebten, was sie aßen, wie sie die Herausforderungen des Landes sahen, wie sie litten usw.“ Dann schob er am Rand der Seite „auf Englisch“ nach und verband das mit „literarische Arbeiten“, um klar zu machen, dass hebräische Quellen für ihn nicht verwendbar sein würden.

In seiner Antwort schlug Ben-Gurion zuerst vor, er solle ספר העליה השניה (Das Buch der Zweiten Aliyah) lesen, eine hebräische Sammlung von Aufsätzen und persönlichen Berichten mit Bezug zu der Zeit. Dann bot er in erster Person diesem Fremden vom anderen Ende des Globus einen intimen Bericht (in Englisch) seiner frühesten Erfahrungen im Land Israel an.

Ich werde mein Leben beschreiben, als ich vor 62 Jahren ein Jahr in Petah-Tikva und vor 60 Jahren in Sejera arbeitete. In P.T.: Es war nicht leicht jeden Tag zur Arbeit zu gelangen, da unsere Kolonisten arabische Arbeitskräfte bevorzugten. Ich arbeitete 8 Stunden am Tag, wenn ich zur Arbeit kam. Ich erhielt pro Tag 8 Piaster, arbeitete 8 Stunden pro Tag. Ich konnte nicht jeden Tag arbeiten, entweder weil ich nicht zur Arbeit gelangte oder weil ich unter Malaria litt. Im Durchschnitt arbeitete ich 10 Tage in einem Monat.

Die Farm Sejera im Jahr 1912, aus dem Buch ספר העליה השנייה, das Ben-Gurion persönlich empfahl.

Ben-Gurions Vater, selbst ein begeisterter und aktiver Zionist, der einmal an niemand anderen als Theodor Herzl geschrieben hatte, um um Rat über die Ausbildung des jungen David zu fragen, konnte es nicht ertragen von den armseligen Umständen seines Sohnes zu lesen. Er hatte seinen Sohn sogar erfolglos zurück nach Plonsk eingeladen und schickte ihm Geld, um dabei zu helfen seine Lage zu verbessern:

Als mein Vater erfuhr, dass ich an Malaria und Hunger litt, bat er mich in einem Brief nach Hause zu kommen. Ich antwortete, dass Israel mein Zuhause ist. Dann schickte er mir Geld. Ich schickte das Geld zurück.

Nachdem er Malaria, Hunger und mickrige 8 Piaster am Tag durchlitten hatte, zog Ben-Gurion in die Siedlung Sejera in Galiläa, wo „ich dauerhafte Arbeit hatte und obwohl mein Lohn nur 30 Franken betrug, war ich recht glücklich“.

Nachdem er angab, ein persönlicher, handgeschriebener Bericht von Israels Gründungsvater sei von marginaler Bedeutung, schließt Ben-Gurion seinen Brief an Halperin mit: „Aber versuchen Sie das Buch ‘ספר העליה השניה‘ („Das Buch der zweiten Migrationswelle“) zu bekommen – eine einfache Empfehlung und vielleicht eine nicht so subtile Ermahnung Hebräisch zu lernen eines alternden Staatsmanns in der israelischen Wüste an „einen ‚unsichtbaren‘ Fan“ am anderen Ende der Welt.

Der Umschlag, in dem David Ben-Gurion seinen Brief an Dr. Irving Halperin am San Francisco State College schickte. Aus der Abraham Schwadron-Sammlung an der Nationalbibliothek Israels (Schwad 01 02 216)

Handgeschriebener Brief von David Ben-Gurion an Dr. Irving Halperin, Sde-Boker, 9. September 1968. Aus der Abraham Schadron-Sammlung in der Nationalbibliothek Israels (Schwad 01 02 216)

Besonderen Dank and Leanna Feldman vom Ben-Gurion-Archiv an der Ben-Gurion-Universität im Negev, Daniel Lipson und Chen Malul von der Nationalbibliothek Israels für ihre Unterstützung und Einblicke.