Gewalttätiger Antisemitismus bei amerikanischen Antirassismus-Demonstrationen

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Bei mehreren Demonstrationen gegen Einschränkungen der Freiheit wegen der Corona-Pandemie in Deutschland gab es antisemitische Vorfälle. Das Eindringen von Judenhass, der nichts mit etwas Jüdischem oder Israelischem zu tun hat, ist bei westlichen Massenprotesten in den letzten Jahrzehnten eine regelmäßige Erscheinung gewesen. Jetzt ist eine noch üblere Veranschaulichung dieses Phänomens aufgetaucht: Die gewalttätige Bekundung von Antisemitismus während der antirassistischen Proteste in den Vereinigten Staaten nach dem Mord an George Floyd durch einen Polizisten in Minneapolis.

Mehrere der Demonstrationen waren von Brandstiftungen und Plünderungen begleitet. Einige der schlimmsten Gewalttaten fanden in Los Angeles statt. Verschiedene jüdische Läden im Viertel Fairfax wurden zerstört. Eine Vielzahl jüdischer Institutionen wurde beschädigt, darunter Synagogen und eine Schule. Eine Statue von Raoul Wallenberg wurde mit antisemitischen Parolen beschmiert.[1] In Richmond (Virginia) wurden der Reformgemeinde Beit Ahaba von Randalierern die Fenster eingeschlagen.[2] Synagogen anzugreifen ist eine antisemitische Tat.

Zahlreiche Kommentatoren haben Aspekte des Antisemitismus in den Demonstrationen herausgestellt. In der britischen Tageszeitung Telegraph schrieb Zoe Strimpel: „Doch an der Seite derer, die friedlich protestieren, befinden sich Kriminelle, die im Namen der sozialen Gerechtigkeit plündern. Einige davon tun es im Namen des Antirassismus – wie oben gesehen – und einige im Namen des Antifaschismus. Rädelsführer der Antifaschisten ist die widerliche Gruppe Antifa.

Während die Antifa über Juden hinaus geht, scheint es so, dass Menschen, die vorgeben ‚Antifaschisten‘ oder ‚Antirassisten‘ zu sein, über kurz oder lang anfangen sich wie die niedrigsten Kriminellen und Rüpel zu verhalten und eine Sache als Vorwand für Vandalismus und Zerstörung zu benutzen … Es ist von bemerkenswerter Ironie, dass es da, wo die Antifa sich ist, Antisemitismus gibt.“[3]

Melanie Phillips stellte die seltsame Einstellung vieler jüdischer Organisationen heraus. Sie schrieb, dass 130 Organisationen in einer Stellungnahme des Jewish Council of Public Affairs sagten, sie seien „empört von dem Tod Floyds, erklärten ‚Solidarität‘ mit den Gemeinschaft der Schwarzen und forderten ‚ein Ende‘ des ‚systematischen Rassismus‘.“ Phillips merkte an: „Sie protestieren nicht gegen die ausdrücklich gegen Synagogen und jüdische Geschäfte gerichteten Angriffe.“ Phillips bezeichnete Black Lives Matter als „antiweiße, antikapitalistische und antijüdische Hassgruppe.“[4]

Die amerikanische Bewegung Black Lives Matter will die Verfehlungen berichtigen, die in Vergangenheit und Gegenwart an afroamerikanischen Bürgern begangen wurden. Ihr 40.000 Worte starkes Manifest beschuldigt Israel an den Palästinensern Völkermord begehen, etikettiert Israel als „Apartheid-Staat“ und schloss sich mit der BDS-Bewegung in der Forderung nach totalem akademischem, kulturellen und Wirtschaftsboykott des Landes zusammen. Solche Forderungen wurden gegen keinen anderen Staat erhoben.[5]

In einem Blog der Zionist Organization of America sprach auch Daniel Greenfield die Haltung der jüdischen Organisation an; er schrieb: „Man sollte glauben, dass der hasserfüllte Vandalismus an acht jüdischen Institutionen und ein Mob, der Beleidigungen brüllte, nachdem er jüdische Geschäfte demolierte, zu einer Art aussagekräftiger Antwort führen würde. Aber das wäre die optimistische Sichtweise von Menschen, die das ungebrochene Maß an Feigheit und Beschwichtigung nicht erlebt haben, das das Leben jüdischer Institutionen auf praktisch jeder Ebene umfasst.[6]

Palästinenser und Propalästinenser sprangen ebenfalls auf die Krawalle auf. A. J. Caschetta schrieb: „In der Zeit, in der George Floyd getötet wurde … – am Montag, 25. Mai – war es unausweichlich, dass sein Tod von der BDS-Bewegung manipuliert wurde. Am nächsten Tag twitterten BDS und Palestine Solidarity-‚Arbeitsgruppe‘ der Democratic Socialists of America, dass „die Polizeigewalt, die heute in Minneapolis stattfindet, direkt aus dem IDF-Handbuch stammt … US-Polizisten trainieren in Israel.‘“[7]

Der Guardian druckte einen Artikel seines Korrespondenten Oliver Holmes unter dem Titel Palestine Lives Matter. „Dass Israel einen autistischen Mann tötete, zieht Vergleiche mit den USA an.“ Der Artikel bezog sich auf die Tötung eines unbewaffneten Palästinensers durch die israelische Polizei, die ihn irrigerweise für einen Terroristen hielt. Das führte zu einer Entschuldigung des israelischen Verteidigungsministers. Auf diese Tragödie verwiesen palästinensische, israelische und US-Aktivisten fälschlich als Beispiel dessen, was sie als ähnliche Gleichgültigkeit zum Leben von Palästinensern und Schwarzen in Israel und den USA geltend machen.“[8]

Adam Levick von CAMERA reagierte: „Holmes geht weiter als nur die zwei Vorfälle zu notieren, indem er Narrative befördert, die unter Antzionisten und Antisemiten üblich sind und nahelegen, dass der israelisch-palästinensische Konflikt einer zwischen rassistischen „Weißen“ (Israelis) und unterdrückten „Farbigen“ ist.[9]

Levick fügte hinzu, dass Holmes den israelischen Journalisten Gideon Levy zitiert und ihn als eine der prominentesten Stimmen gegen die Besatzung im Land bezeichnet. Levick kommentiert: „Levy ist aber nicht nur eine Stimme ‚gegen die Besatzung‘. Er ist ein Antizionist, der eindringlich suggeriert, der Zionismus sei ein inhärent rassistisches Unterfangen – Rhetorik, die gemäß der IHRA-Arbeitsdefinition als antisemitisch betrachtet wird. Heißt: Levy ist ein israelischer Jude, der von stramm linken Publikationen wie dem Guardian dazu benutzt wird hasserfüllte Auffassungen vom jüdischen Staat zu legitimieren.“[10]

Micha Danzic schrieb im Jewish Journal: „Unmittelbar nach dem schrecklichen Tod von George Floyd erlebten wir, dass furchtbare Bilder in zahlreichen antiisraelischen Accounts in sozialen Medien gepostet wurden, mit denen versucht wurde Israel mit seinem Tod in Verbindung zu bringen. Einige waren unverhohlene Fälschungen – so ein Bild eines chilenischen Polizisten mit seinem Knie auf dem Hals einer Person – aber einer Bildbeschreibung, die fälschlich angab, das sei ein israelischer Soldat. Andere hatten die Form von Karikaturen, die einen Soldaten mit dem allgegenwärtigen Davidstern auf dem Arm, mit dem Knie auf dem Hals eines Arabers in Keffiyeh, direkt neben dem Bild eines Polizisten wie Derek Chauvin [dem Polizisten, der Floyd tötete] mit dem Knie auf dem Hals eines Afroamerikaners.“[11]

Das Palestinian Museum in Woodbridge (Connecticut) postete eine Zeichnung des palästinensischen Künstlers Waleed Ayyoub, das das Gedenken an George Floyd ehrte und palästinensische Solidarität mit der afroamerikanischen Gemeinschaft in ihrem Kampf gegen Rassismus und Ungerechtigkeit zum Ausdruck brachte. Floyd wurde mit einer Keffiyeh vor dem  Hintergrund der palästinensischen Flagge dargestellt.[12]

Auch in der Vergangenheit ist die Tötung eines Schwarzen durch amerikanische Polizei von schwarzen Anti-Israel-Hetzern missbraucht worden. A. J. Caschetta schreibt, dass die Parallele zwischen amerikanischen Schwarzen und Palästinensern eingeführt wurde, als „Ferguson in Missouri der ‚Ground Zero‘ für Demonstrationen gegen die Polizei wurde. Die Krawalle brachen aus, nachdem der Polizist Darren Wilson aus Ferguson den Afroamerikaner Michael Brown erschoss. Nach Browns Tod gab die offizielle Internetseite der BDS-Bewegung eine Erklärung aus, in der „große Solidarität mit der afroamerikanischen Gemeinschaft in Ferguson (Missouri)“ ausgedrückt wurde.[13]

2016 nutzte die Universitätsprofessorin, Hetzerin gegen Israel und militante amerikanische Schwarzenaktivistin Angela Davis den Tod von Michael Brown für denselben Zweck. Sie veröffentlichte ein Buch mit Reden und Interviews. Obwohl der größte Teil des Buches sich mit anderen Dingen beschäftigt, gab sie ihm den Titel: Freedom is a Constant Struggle: Ferguson, Palestine and the Foundations of a Movement.[14]

Die aktuelle große Antirassismus-Debatte und -Demonstrationen stellen eine Herausforderung für jüdische Organisationen dar. Sie müssen auf einem schmalen Grad zwischen der Identifikation mit dem Kampf der schwarzen Gemeinschaft gegen Rassismus – solange er friedlich verläuft – und der Aufdeckung des Antisemitismus in der Bewegung Black Lives Matter balancieren.[15]

[1] www.jta.org/2020/06/02/united-states/los-angeles-jews-take-stock-after-george-floyd-protests-batter-local-institutions

[2] www.jpost.com/diaspora/us-antisemitism-envoy-condemns-ransacking-of-synagogues-in-la-protests-629991

[3] ebenda

[4] www.melaniephillips.com/victim-culture-tears-jewish-moral-norms6343-2/

[5] http://www.tabletmag.com/sections/news/articles/from-left-to-right-jewish-groups-condemn-repellent-black-lives-matter-claim-of-israeli-genocide

[6] https://zoa.org/2020/06/10440646-the-los-angeles-pogrom-that-no-jewish-organization-will-talk-about/

[7] www.jns.org/opinion/an-american-intifada/

[8] www.theguardian.com/world/2020/jun/01/palestinian-lives-matter-israeli-police-killing-of-autistic-man-draws-us-comparison

[9] https://camera-uk.org/2020/06/02/guardian-exploits-george-floyd-killing-to-vilify-israel/?fbclid=IwAR33hwg04_3zjQ8rWaigjGkR8Z4xNfLJu7-26OQ1nx0jm3WH23nrlN6guys

[10] ebenda

[11] https://jewishjournal.com/commentary/opinion/317074/we-should-not-have-choose-between-advocating-for-black-lives-and-fighting-against-anti-semitism/

[12] http://www.facebook.com/PalestineMuseum.US/photos/a.132412804028008/624793984789885/?type=3&theater

[13] www.jns.org/opinion/an-american-intifada/

[14] Freiheit ist ein ständiger Kampf: Ferguson, Palästina und die Gründung einer Bewegung – www.amazon.com/Freedom-Constant-Struggle-Palestine-Foundations/dp/1608465640

[15] https://jewishjournal.com/commentary/opinion/317074/we-should-not-have-choose-between-advocating-for-black-lives-and-fighting-against-anti-semitism/