Vom osmanischen Palästina zur Todespforte in New York – Die Geschichte der israelischen Nationalhymne?

Wie kam die einzige Originalschrift der „HaTikva“ in die israelische Nationalbibliothek? Und wie unterscheidet sie sich von der Version, wie wir sie heute kennen?

Chen Malul, the Librarians, 28. April 2020

Jahrzehnte nach seinem Tod sollte der Autor der israelischen Nationalhymne „HaTikvah“ als „der erste hebräische Hippie“ bekannt werden. Ein gebräuchlicherer Spitzname, der vielleicht besser passt, war „Imber, der Wandernde Jude“. In der Tat spiegelt dieser Name etwas vom Abenteuergeist dieses Mannes, der in den Augen seiner Zeitgenossen etwas von einem Rätsel hatte, was bis heute weithin so geblieben ist. Selbst nachdem er am Zielort ankam, über den er so viele Gedichte schrieb, schaffte es nur fünf Jahre lang dort zu bleiben, bevor er seine Wanderung fortsetzte.

1882 schloss Naftali Herz Imber den Laden, in dem er auf dem Markt von Istanbul Streichhölzer, Talismane und Amulette verkaufte und traf auf Sir Laurence Oliphant, Mitglied des britischen Parlaments und Geschäftsmann. Imbers ursprüngliches Ziel war es, Oliphant zu erklären, dass das jüdische Volk nicht auf Großbritanniens Gefälligkeiten angewiesen sei, um in seine angestammte Heimat zurückzukehren. Allerdings, so beschrieb er das später, „als ich eintrat, fiel mein Auge zum ersten Mal auf Mrs. Oliphant.“ Das reichte, damit der junge Man einen neuen Plan entwarf – eine gemeinsame Reise ins Heilige Land. Im selben Jahr erreichten die drei – komplett von Oliphant finanziert (Imber war pleite und konnte nicht anders) – den Hafen von Haifa.

Naftali Herz Imber, Schwadron Portrait Collection in der Nationalbibliothek Israels

Nach der Ankunft im osmanischen Palästina trennten sich die Mitglieder dieses seltsamen Liebes-Dreiecks. Die Oliphants, die praktisch protestantische Zionisten waren, bevor der Begriff überhaupt im modernen Sinn geprägt wurde, entschieden sich zu reisen und die Schönheit des Landes und seiner heiligen Stätten zu genießen; dabei arbeiteten sie die ganze Zeit an einem Plan zur Rückkehr der Juden in deren Heimatland – was natürlich das Kommen des Messias beschleunigen würde.

Mittlerweile zog es Imber nach Angaben aller verfügbaren Berichte vor die Tage vertrinken. Wann immer er sich in der Nähe einer schönen Maid wiederfand, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog oder eines Gönners, der genug Wein zur Verfügung hatte, gab der Poet vor, er sei genau in diesem Moment von der Inspiration befallen worden und mache mit der „Komposition“ des legendären Gedichts weiter, das das Wesen der zionistischen Sehnsucht vor ihren Augen einfing: Tikvatenu – „Unsere Hoffnung“.

Die von Imbers Zeit im Land hinterlassenen Eindrücke sind heute noch zu sehen, an Orten wie Gederea, Yesod HaMa’ala, Mischmar HaYarden und Rischon LeZion, die alle ausnahmslos den Anspruch erheben, das Gedicht, das später zur Hymne der zionistischen Bewegung und des Staates Israel werden sollte, sei innerhalb ihrer Stadtgrenzen geschrieben worden.

In Wahrheit begann Imber höchstwahrscheinlich in der Stadt Iași in Rumänien den Text des Gedichts zu komponieren, das ihm Weltruhm einbringen sollte; Grundlage war ein deutsches Lied, „Der Deutsche Rhein“, in dem jede Strophe ebenfalls mit dem Wort „Solang‘“ beginnt. 1884 vollendete er schließlich in Jerusalem das Gedicht. Die Endversion von Tikvatenu bestand aus neun Strophen. Später wurde das Gedicht auf zwei Strophen gekürzt und ein paar der Worte wurden verändert, um in den zeitgenössischen Kontext der in ihre Heimat zurückkehrenden Menschen zu passen. Die letzten Modifikationen wurden von Dr. Y. L. Matmon-Cohen vorgenommen, dem Gründer des Hebräischen Gymnasiums Herzliya. Cohen ersetze die Worte „die uralte Hoffnung“ (hatikva hanoschana) durch die Worte „die Hoffnung, zweitausend Jahre alt“ und ersetzte „um in das Land unserer Väter zurückzukehren, die Stadt, in der David lagerte“ durch „zu sein ein freies Volk, in unserem Land, im Lande Zion und in Jerusalem“. Diese Veränderungen war das Siegel für die Endfassung des Liedes mit seinem neuen Namen: „HaTikvah“. 1886 komponierte ein Bauer namens Samuel Cohen eine Melodie für Imbers Hymne der Sehnsucht.

Drei Jahre später, als die Bauern der jüdischen Siedlung Rischon LeZion sich rebellierend gegen die Bürokraten des Barons Rothschild erhoben, sollten sie „Tikvatenu“ zu ihrem Protestlied wählen. Imber, der damals zufällig Rischon LeZion besuchte, hatte das Glück zu hören, wie sie gesungen wurde – als er zum Essen am Tisch ausgerechnet eines dieser Bürokraten saß. Dieses Ereignis markierte den Beginn des Aufstiegs des Liedes ins Herz des zionistischen Pantheon und es diente Imber auch als Zeichen seine Wanderungen fortzusetzen. Er reiste bald nach England ab und von dort weiter nach New York.

Während des letzten Jahres seines Lebens wurde Imber im jüdischen Krankenhaus in New York aufgenommen, wo er eine junge Sängerin traf – Jeanette Robinson-Murphy. Auf ihren Wunsch hin schrieb er auf einem Blatt Krankenhauspapier, das er in diesem Moment gerade zur Verfügung hatte, die Originalworte der ersten zwei Strophen seines Liedes auf, das die Nationalhymne werden sollte. 1936 schickte Frau Robinson-Murphy das Manuskript, soweit wir wissen das weltweit einzige seiner Art, zum ewigen Andenken an Israels Nationalbibliothek in Jerusalem.

Imbers handschriftliches Originaltext von Tikvatenu, The Schwadron Collection in der israelischen Nationalbibliothek