Wie der Exodus aus Ägypten hinter den Linien des Ersten Weltkriegs gefeiert wurde

Abraham Adolf Fränkel, ein promovierte Mathematiker, diente während des Großen Krieges in der deutschen Armee und organisiert ein Pessah-Seder für jüdischen Soldaten.

the Librarians, 8. April 2019

Während des Großen Krieges im frühen 20. Jahrhundert schlossen sich junge Juden in ganz Europa ihren Altersgenossen an und traten ins Militär ein, um ihren Ländern zu dienen; allein in der deutschen Armee dienten etwa 100.000 Juden. Zu den Reihen dieser mutigen Männer gehörte der bayrische Soldat Abraham Adolf Fränkel, ein Doktor der Mathematik, der später seine Erfahrungen als Jude im Ersten Weltkrieg in seinen Memoiren „Erinnerungen eines jüdischen Mathematikers in Deutschland“ erzählte.

In seinen Memoiren beschreibt Fränkel die Probleme, die er als traditioneller Jude im Militär hatte, „besonders bezüglich des Essens aber auch in Sachen Gebet, Gebetsriemen, sich nicht zu rasieren und vielem anderen“. Obwohl er es schaffte weiter koscher zu essen, stellte er fest, dass er selten in der Lage war die Schabbat-Traditionen einzuhalten.

„Erinnerungen eines jüdischen Mathematikers in Deutschland“ von Abraham A. Fraänkel. Herausgegeben von Jiska Cohen-Mansfield und übersetzt von Allison Brown. Springer International Publishing, Schweiz 1916.

1915 fand sich Abraham als Krankenpfleger der Armee wieder, wozu solche Aufgaben gehörten wie Autopsie-Berichte vom Diktat abzuschreiben und bei kleineren chirurgischen Eingriffen zu assistieren. Während seiner zwei Dienstjahre in Feldhospitälern war Fränkel auch vom bayrischen Kultusministerium autorisiert als jüdischer Seelsorger für seine Kameraden im Militär zu dienen. Diese Position reduzierte nicht die Verantwortlichkeiten, die er in seinem Alltagsdienst hatte, aber das bot ihm eine Chance mit seiner Religion verbunden zu bleiben und auch anderen zu helfen ihre Traditionen beizubehalten.

1915 war Fränkel im Militärkrankenhaus in der französischen Stadt Cambrai stationiert. Fränkel erklärt in seinem Buch, dass er für die religiösen Angelegenheiten der jüdischen Soldaten zuständig war. Er füllte die Lücke zwischen ihren religiösen Bedürfnissen und der Verfügbarkeit von Armee-Rabbinern, die nicht immer da sein konnten, wo die gebraucht wurden. Fränkel nahm seine Position ernst, sorgte für Gebetsdienste im Feld und stellte sicher, dass die religiösen Soldaten ihre Feiertage soweit möglich entsprechend der Tradition begehen konnten.

Abraham A. Fränkel, aus der Sammlung der Nationalbibliothek Israels

Ende März 1915 bereitete Fränkel die Feier des jüdischen Pessah vor und erstellte dafür eine Liste lokaler Soldaten, die Interesse hatten das Seder mitzufeiern, das traditionelle Mahl, bei dem der Exodus der Juden aus der Sklaverei in Ägypten erzählt wird; es sollte am 29. und 30. März stattfinden.

„Die Teilnehmer wurden gebeten anzugeben, ob sie an beiden Abendessen oder nur am ersten teilnehmen wollten“, hieß es im Registrierungsformular. Den Teilnehmern wurde geraten Urlaub aus religiösen Gründen einzureichen, damit ihnen eine Genehmigung zur Teilnahme an den Festivitäten erteilt werden würde. Die eingeschriebenen Teilnehmer wurden angewiesen, dass sie nur Urlaub für den Tag des Feiertags erhalten würden und es wurde geraten, wenn sie am Feiertags-Gebetsgottesdienst teilnehmen wollten, sollten sie ihre eigenen Gebetsbücher mitbringen – natürlich nur, wenn sie solche hatten.

Liste der Teilnehmer am Seder. Aus der Sammlung der Nationalbibliothek Israels.

Insgesamt neun Soldaten meldeten sich für die zwei Pessah-Seder, darunter Männer, die als Sanitäter, Logistikoffiziere, Pioniere dienten und einer in der neu gebildeten deutschen Luftwaffe, der nicht festlegte, an welchem Seder er teilnehmen wollte, vielleicht weil wusste, dass er eventuell in letzter Minute abberufen würde.

Während der zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs wurde Fränkel zu einer Einheit zur Wettervorhersage versetzt, eine Aufgabe, die besser zu seinen herausragenden Talenten als Mathematiker passte. Am Ende des Krieges kehrte Abraham Fränkel an die Universität Marburg zurück und arbeitete später als Professor für Mathematik in Kiel. 1926 besuchte der Mathematiker zusammen mit seiner Familie das Land Israel und drei Jahre später zog er in das Land und wurde zum Mathematik-Professor an der Hebräischen Universität ernannt. 1938 wurde er als Rektor der Universität ausgewählt. In Israel veröffentlichte er mathematische Arbeiten und entwickelte viele mathematische Begriffe für Konzepte, die es bis in die damalige Zeit in der hebräischen Sprache nicht gab.

Abraham Adolf Fränkel; aus der Abraham Schawdron Porträt-Sammlung in der Nationalbibliothek Israels.

Fränkel behielt die Liste der Teilnehmer des Seder von 1915 in seinem persönlichen Besitz und bewahrte sie viele Jahrzehnte lang auf. Die Liste der Seder-Teilnehmer kam zusammen mit dem Rest seines persönlichen Archivs in die israelische Nationalbibliothek.

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