Niederländische Journalisten verbergen palästinensische Gräueltaten

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Ein zentraler Begriff meines neuen Buchs De Misleidingsindutrie (Die Täuschungsindustrie) ist der Ausdruck „Kampagnen-Journalismus“. Dieser bezieht sich auf die Art, in der niederländische Mainstream-Medien über Israel, die Palästinenser und die Region aus den Niederlanden heraus berichten. Das ist das Ergebnis von „Kampagnen-Journalismus“, einer Art Journalismus, die auf persönlichem Engagement gründet und sich nicht in erster Linie mit Fakten beschäftigt.

Diese Berichterstattung ist in den niederländischen Mainstream-Medien sehr üblich. Das läuft auf Berichterstattung über die Palästinenser als machtlose Opfer Israels hinaus; es wird ein negatives Bild des jüdischen Staates präsentiert. Dennoch betone ich, dass ich nicht den Eindruck erwecken will, dass dies gewollt geschieht.

Els van Diggele wurde 1967 im niederländischen Dorf Warmond geboren. Nach ihrem Studium der Geschichte an der Universität Leiden absolvierte sie einen Postdoktoranden-Kursus an der Erasmus-Universität in Rotterdam. Sie hat drei Bücher über internationale Streitfälle in Israel und den Palästinensergebieten unter Juden, Christen und Muslimen geschrieben. Vor kurzem veröffentlichte sie ein Buch über einen der wenigen noch lebenden Holocaust-Überlebenden.

Van Diggele fährt fort: Ich bin nur Beobachter, nicht beteiligt. Um das klarzustellen: Ich bin weder Anhänger Netanyahus, noch Zionistin, auch keine Nakba-Leugnerin; ich arbeite auch nicht für die israelische Botschaft oder den Mossad. Sie fügt hinzu: Um es ganz klar zu sagen: Ich plädiere nicht dafür auf die Palästinenser einzuprügeln.

Diese Bemerkungen führten zu der Frage, warum sie notwendig sind oder warum der Interviewer sie für notwendig befindet. Van Diggle antwortet: Infolge der Polarisierung des Themas muss man diese Dinge klarstellen. Aus Erfahrung weiß ich, dass es am besten ist den Leuten voraus zu sein, die mir ein Etikett anheften wollen.

Der Begriff „Kampagnen-Journalismus“ wurde, soweit ich weiß, um 1970 von Jerome Heldring geschaffen, einem ehemaligen Redakteur der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad. Er sagte, Kampagnen-Journalismus ist eigentlich Propaganda. Der Journalist hat die Pflicht die Realität an der Stelle zu berichten, an der er (oder sie) sich befindet.

Dieser Kampagnen-Journalismus findet in den meisten Fällen unbewusst statt. Er ist weitgehend eine Sache des Instinkts. Er scheint in der Regel das Ergebnis eines emotionalen Engagements zu sein. Aber wenn die Auslandsredaktion eines Mediums sich dieses Phänomens nicht bewusst ist, dann ist das vielleicht noch schlimmer als bewusst irreführende Leute.

In meinem Buch zeige ich, dass Leser der Mainstream-Medien, Zuschauer und Hörer öffentlich-rechtlicher Nachrichtensendungen, die Opfer von Kampagnen-Journalismus sind. Dieses Genre ist nicht auf Berichte über Israel und die Palästinenser beschränkt. Es ist tatsächlich ein weit verbreitetes Phänomen, das auch andere Themen betrifft – Kolonialismus, Srebrenica und das Klima. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ist das beste und älteste Beispiel, das wir haben: Es zieht eine tiefe Kluft durch die niederländische Gesellschaft.

Der interne palästinensische, regelmäßig blutige Kampf um die Macht und die Unterdrückung der Alltagspalästinenser durch ihre eigenen Führer wird von den Mainstream-Medien weit weniger berichtet, als das, was auf der israelischen Seite geschieht. Geduld gegenüber den Palästinenserführern, die oft als Friedenstauben beschrieben werden, scheint ein Markenzeichen zu sein. Der Nachrichtenkonsument wird seit Jahrzehnten einseitig informiert. Der verursachte Schaden ist sehr schwer zu korrigieren. Die Tageszeitung NRC hat die Öffentlichkeit in diesem Bereich bereits seit Jahren betrogen. Diese Zeitung ist aber nur ein Beispiel dessen, was geschieht. Sie ist ein kommerzielles Produkt, deren Abonnement wir abbestellen können, Aber beim öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender NOS geht das nicht.

Es werden in der Tat sehr selten Artikel veröffentlicht, die die Wahrheit sagen, insbesondere von einem Palästinenser geschriebene. Zum Beispiel erschien 2017 ein kritischer Artikel des palästinensischen Akademikers Sari Nusseibeh in der Tageszeitung De Volkskrant. Im selben Jahr veröffentlichte eine andere niederländische Tageszeitung, Trouw, einen objektiven Artikel des palästinensischen Journalisten Khaled Abu Toameh. Darüber hinaus ziehen von Zeit zu Zeit Publikationen von Human Rights Watch über die Verletzung der Menschenrechte in der palästinensischen Gesellschaft die Aufmerksamkeit niederländischer Journalisten auf sich. Noch seltener ist ein von einem eigenen Journalisten der Zeitung geschriebene Artikel mit Kritik an der palästinensischen Gesellschaft.

2017 entzog der Irak per Gesetz allen dort lebenden Palästinensern die Staatsbürgerschaft. Die europäischen Medien schenkten dem kaum Aufmerksamkeit. Das ist ein typisches Beispiel für die angelsächsische Formulierung „no Jews, no news“ [keine Juden, keine Nachrichten]. Die Besessenheit mit den Juden ist eine alte Abweichung vom europäischen moralischen Kompass. Konflikten, an denen Juden beteiligt sind, wird von den Redaktionen in der Regel höchste Priorität eingeräumt. Das führt zu einer Verzerrung der Nachrichten.

Die Palästinenser haben verstanden, dass sie keinen Nachrichtenwert haben, wenn sie nicht Juden darin verwickeln. Sie wissen, dass Demonstrationen im Gazastreifen an der israelischen Grenze immer Nachrichtenwert haben. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass niederländische Korrespondenten begreifen, dass die Palästinenser sie benutzen. Ihre instinktive Beteiligung überschattet ihr Urteilsvermögen.

Wenn die Liebe eines europäischen Journalisten für die Palästinenser der Aversion für die Juden und Israel entstammt, geschieht das ebenfalls unbewusst. Ich glaube, das spielt eine eher untergeordnete Rolle. Wichtiger ist die allgemeine, bewusste oder unbewusste europäische Obsession mit den Juden und Israel. Wir sollten uns bewusst sein, dass die Sympathie, die wir in den europäischen Mainstream-Medien für die Palästinenser sehen, damit in Verbindung steht. Diese Fixierung ist in westlicher Kultur seit Jahrhunderten Alltag. Was wir heute sehen, setzt diese Obsession unabsichtlich und vielleicht instinktiv fort.

Die Palästinenser haben in den Medien eine symbolische Funktion bekommen. Die Sympathie ist ein Zeichen moralischer Gerechtigkeit geworden. Andere Staaten, die gelitten haben, haben diese symbolische Funktion nicht. Symbolische Funktionen sind nicht verhältnismäßig.

Um ein typisches Beispiel aus den Niederlanden anzuführen: Menschen von den Molukken, einer Inselgruppe in Indonesien, sind die Opfer niederländischen Kolonialismus. Sie erlitten das grausamste Beispiel von Ausbeutung in der Geschichte. Ein Teil von ihnen sind Flüchtlinge, andere indigen und exotisch. Sie haben Jahrzehnte lang vergeblich für einen eigenen Staat gekämpft. Sie sollten für eine machtvolle Solidaritätsgeschichte qualifiziert sein. Diese gibt es nicht, weil ihre Hauptgegner, die Republik Indonesien, ebenfalls als Opfer von des Jahrhunderte alten niederländischen Kolonialismus betrachtet wird.

Ein weiteres großes Problem in den Niederlanden ist der NOS. Seit Jahrzehnten liefert dieser öffentlich-rechtlichen Sender irreführende Informationen. Es sollte eine unabhängige Ermittlung dazu geben, wie der NOS mit dem palästinensisch-israelischen Konflikt umgeht. Doch die Chancen, dass dies geschieht, sind sehr gering. Zweierlei ist in den niederländischen Mainstream-Medien nicht erlaubt: Die Palästinenser anzurühren und sie in den Medien zu kritisieren.

Van Diggele erklärt: In niederländischen Medien, Radio und Fernsehen kann alles erwähnt werden: versagende Politiker und Behörden, Ehebruch und Sex. Eines ist nicht erlaubt: Der Palästinenser darf keiner Kritik ausgesetzt werden. Er ist ein machtloses und unbestreitbares Opfer von fünfzig Jahren israelischer Besatzung. Er verdient Schutz, was uns automatisch zum Journalismus bringt: Journalisten dürfen über alles schreiben, aber wehe dem, der einen kritischen Blick auf den Zustand des Journalismus wirft.

Leser, Zuhörer und Zuschauer der Mainstream-Medien zahlen den Preis. Sie gaben dem Journalisten voller Vertrauen ihr Mandat. Dieses Vertrauen ist schwer beschädigt. Sie zählen darauf die ganze Geschichte zu erfahren, aber sie bekommen nur eine voreingenommene Version der Hälfte. Ist unter diesen Bedingungen ein ausgewogener Standpunkt überhaupt möglich? Wahrscheinlich nicht. Auf diese Ungerechtigkeit will ich die Aufmerksamkeit lenken.