Ein post-palästinensischer Naher Osten

Die Normalisierung der Beziehungen zu Israel durch die VAE bildet das Ende eines gefährlichen Irrglaubens

Hussein Aboubakr, Commentary Magazin, Oktober 2020

Als 14-jähriger Möchtegern-Jihadist in Kairo 2013 waren mir ägyptische Politik, Araber, Hosni Mubarak, regionale Mächte, arabische Monarchie, arabischer Republikanismus, Kapitalismus und alle anderen Themen egal, die die weltgewandten Beobachter der Nahost-Politik antreiben. Mir war nur eines wichtig, ein einziges Thema: Palästina. Alles, was ich hören musste, war das Wort „Palästina“, dann galt meine sofortige, bedingungslose Loyalität demjenigen, der redete. Wenige Worte – in Wirklichkeit nur eines – waren mit der Faszination, den Erwartungen, Emotionen, Sehnsüchten und mythischen Kräften verschmolzen wie sie der Begriff „Palästina“ in mir hervorrief. Palästina war nie nur ein umstrittenes geografisches Gebiet; es war ein Anspruch auf absolute Erfüllung der islamischen politischen Vision, einer ewigen moralischen Wahrheit, in arabischem Nationalismus säkularisiert und im Islamismus geheiligt. Palästina bedeutete el-helm el-Arabi (der arabische Traum), die tajj ‘alras (die Krone auf der Spitze [des Arabertums]) und das schlagende Herz des Islam. Palästina zu beschwören, hieß islamische Bruderschaft und arabische Ehre zu beschwören, denn es war der Speicher der Identität und Glaubensbeweis. Palästina war die Erfüllung eines Zustandes spiritueller Reinheit des muslimischen Einzelnen und des gesamten Leibes des Islam. Der arabische Wille für Palästina war ein Nietzschescher Wille zur Macht. Es war der erkenntnistheoretische Klebstoff der ungleichen Komponenten, die arabisches politisches Bewusstsein ausmachen.

Und ich war nicht allein. Für politische und religiöse arabische Gemüter des 20. Jahrhunderts war die Idee Palästina alles. Der Traum des arabischen Nationalismus, der zum Repräsentanten des Arabertums geworden war, und der Kult des Islamismus, der sich als Religion des Islam in Pose wirft, wählten beide Palästina als ihr Hauptthema. Dies weihte Palästina im Wesentlich zum psychologischen Band zwischen arabischer Identität und Islam.

In den letzten zehn Jahren hat sich jedoch viel geändert und wir treten jetzt in ein Zeitalter des post-palästinensischen Nahen Ostens ein. Und während die Region in ihre post-palästinensische Wirklichkeit zieht, wird die Welt zum Post-Islamismus weiterziehen und der Islam selbst wird einen immer kleineren Einfluss auf die internationale Politik ausüben. Denn die ideologischen Kräfte, die einst den Terror in Jerusalem, Tel Aviv, Amman, Beirut, Kairo, London, Madrid und New York verursachten, werden im Rückspiegel der Geschichte langsam immer kleiner.

Aber bevor wir ein kompletteres Bild der post-palästinensischen Realität skizzieren können, müssen wir die fantastische und einst heilige Vorstellung von Palästina untersuchen, die die tödlichen Pathologien des Nahen Ostens nährten.

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Wenn ich von einer post-palästinensischen Realität oder Politik der post-palästinensischen Ära rede, beziehe ich mich auf das Palästina, das ein konstantes, die arabische politische Phantasie beherrschendes psychologisches Phänomen war. Es gab eine beständige Präsenz durch aufeinander folgende und variierende politische Projekte. Es hat im Kern des arabischen Nationalismus gesteckt, der säkularen arabisch-revolutionären Ideologie, der Muslimbruderschaft dem salafistischen Jihadismus, dem iranischen Islamismus und türkischen regionalen Bestrebungen, um nur ein paar zu nennen.

In der arabischen politischen Vision war Palästina die Verkörperung moralischen Wahrheit. Im sich ständig verschiebenden Nahen Osten, wo jeder Tag einen neuen Staatstreich bringen kann und die Helden von gestern heute plötzlich Verräter sind, war Palästina ein Anker. Es war das Objekt der Sehnsucht für die begierigen arabischen und muslimischen Intellektuellen und für den arabischen und muslimischen Jedermann ein Mittel dazuzugehören. Der Status Palästinas ähnelt dem des Messias in der jüdischen Mystik. „Wenn Palästina befreit ist“ war eine moderne umgangssprachliche Redewendung für „wenn der Messias kommt“.

Es war in Palästina, wo die Architekten des baathistischen Arabismus, die Ingenieure des Nasserismus, die Visionäre der Muslimbruderschaft und die Pioniere des Jihadismus beschlossen sich allesamt ihre konkurrierenden Ansprüche zu bekäftigen. Für jeden war Palästina die einzige und endgültige Repräsentation der Araber und des Islam. Es war auch das, was praktischerweise ihre eigenen Ansprüche ewiger Herrschaft über arabische Völker legitimierte.

Die mythische Macht Palästinas wurde vom grotesken Volumen an Blut verstärkt, das von vielen Arabern und Muslimen dort hineingeschüttet wurde. Für die Sache eines befreiten Palästinas wählten zahllose Männer ihren eigenen Untergang, wie es in den Fatwas sogar „moderater“ islamischer Kleriker in Ägypten, Syrien, dem Irak und Saudi-Arabien gefordert wurde. Sie alle sprachen von der Zulässigkeit von Selbstmord-Bombern während der ersten und der zweiten Intifada. Islamistische Terrororganisationen in Israel wie die Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden werden von Arabern und Muslimen in Jerusalem, Kairo, Damaskus, Beirut, Amman, Mekka, Bagdad, Teheran und Ankara verehrt – aber auch in Birmingham, London, Detroit, Minneapolis, New York und Südkalifornien.

Die Befreiung Palästinas spielte bei jedem arabischen Staatstreich und Gegenstaatsstreich der letzten 70 Jahre eine Rolle. Es war dieselbe Sache, die Kaffeehäuser, Busse und Restaurants in Tel Aviv und Jerusalem verwüstete. Sie bekundete sich in einer Bedrohung des Lebens von König Hussein in Amman 1970 und nahm dem ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat 1981 in Kairo das Leben. Für Palästina marschierten irakische Soldaten, viele von ihnen ungebildete Bauern, 1990 in Kuwait ein. Jahrzehnte lang hat fast jeder vierjährige Araber gewusst, dass die Straße nach Jerusalem durch Kuwait führt – oder Beirut oder Damaskus oder Bagdad. Es war diese Vision Palästinas, die die Islamische Befreiungsarmee der heiligen Orte inspirierte, die 1998 durch Nairobi und Dar-es-Salaam preschte. Es war dieses heilige Palästina, das half Al-Qaida-Terroristen (einst als die Islamische Weltfront für den Jihad gegen Juden und Kreuzritter bekannt) am 11. September 2011 in den Himmel über New York City und Washington schickte. Und es ist dasselbe Palästina, das heute die Islamischen Revolutionsgarden des Iran inspiriert.

Die zahllosen Toten, Ozeane an Blut und endloses menschliches Leiden wurden pervers in die Erzählungen von heldenhaftem Märtyrertum gewoben, um den Mythos Palästina zu stärken. Alle religiösen, intellektuellen und politischen Krankheiten des Nahen Ostens wurden rasch von religiösen und politischen Führern als für die Sache notwendig gerechtfertigt.

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Diese sehr abgekürzte Zusammenfassung von Verwüstung und fanatischer Gewalt sollte zu erklären helfen, warum Scheik Mohammed bin Zayed, Kronprinz von Abu Dhabi, einer der mutigsten und heldenhaftesten Männer ist, die über den Sand des aktuellen Nahen Ostens gehen. Im August verkündeten die Vereinten Arabischen Emirate, angeführt von Zayed, die Normalisierung der Beziehungen zu Israel. In den Augen des Islamisten verriet er den Islam und stach der gesamten islamischen Welt in den Rücken. Und für den arabischen Nationaliten verkaufte er die arabische Würde billig an den Zionismus. Aber für das Arabische Kleinkind oder das arabische Ungeborene ist er die größte Hoffnung auf Rettung und ein besseres Morgen.

Dass diese arabische Regionalmacht formell den jüdischen Staat Israel anerkennt, bedeutet den Anfang des Endes des langen arabischen Marsches in die Selbstzerstörung und Katastrophe, die die Region verheert hat. Das Versprechen von bin Zayeds Entscheidung wird in Teheran, Doha, Ankara und darüber hinaus widerhallen. Es könnte die Region durchaus vor ihren einheimischen räuberischen Mächten bewahren, die Legitimität der bestehenden arabischen Staaten sicherstellen und sogar den Islam vor dem Wahn des Islamismus retten. In Geschichtsbüchern der Zukunft werden die Jahre von 1948 bis 2020 – die den Aufstieg des arabischen Nationalismus, Islamismus, Jihadismus, globalen islamischen Terrorismus, einen theokratischen Iran und den Arabischen Frühling erlebten – als das Palästina-Zeitalter betrachtet werden. Und es sind die arabischen Mächte, die in der Lage waren das Palästina-Zeitalter zu überleben, dessen Tod sie jetzt erklären.

Den Übergang zu einem post-palästinensischen Nahen Osten zu schaffen, heißt auch die Welt in eine post-islamistische Zukunft zu führen. In einer solchen Zukunft werden der Islamismus und die theologischen Grundlagen zusammen mit der wunderlichen Sache, die die Islamisten einst so sehr verehrten, allmählich überflüssig werden. Dieser Übergang wird schmerzlich und teuer werden und er wird Zeit brauchen. Überbleibsel der Politik der Palästina-Ära werden weiterleben; die zwei größten und offensichtlichsten Exemplare sind die Kriegslüsternheit der Islamischen Republik Iran und die hegemonialen Ambitionen der Türkei.

Regionaler Terrorismus, religiöser wie anderer, wird wahrscheinlich so lange weiter gehen, wie diese beiden Länder ihren aktuellen Kurs weiter fahren. Das bedeutet, dass die Spannungen im Nahen Osten in der absehbaren Zukunft weiter zunehmen werden. Da die aufkommende post-palästinensische Ordnung im Nahen Osten Strategien für gegenseitige Sicherheit entwickelt, vermutlich über eine formelle Militärkoalition, wird sie besser in der Lage sein die Drohungen zu isolieren und einzudämmen (und möglicherweise schließlich zu beseitigen), die diese beiden Länder darstellen. Diese zukünftige Koalition könnte sogar die Grundlage einer zukünftigen regionalen Organisation zur Ersetzung der funktionsgestörten Arabischen Liga bilden, die ein Überbleibsel des vergangenen Zeitalters ist. Mit zunehmender Stärke und Kompetenz könnte die neue Koalition zunehmend die abgeschwächte amerikanische Präsenz ausgleichen, die durch eine sicherere Region entstehen würde. Das könnte die arabische Abhängigkeit von militärischer Unterstützung durch die USA reduzieren und ein neues Gleichgewicht schaffen.

Elemente des islamischen Extremismus und Terrorismus wird auch in der arabischen Gesellschaft weiterleben. Aber diese sollten allmählich reduziert werden, während Terroristen und Ideologen in der post-palästinensischen Ära ihre staatlichen Sponsoren verlieren. Und die Anziehungskraft panarabischer Politik sollte ebenfalls nachlassen, während die Idee einer einzigen und belagerten arabischen Masse nicht länger auf die regionale Wirklichkeit zutreffen wird. An ihrer Stelle werden wir wahrscheinlich auf Staaten gründenden Nationalismus erleben. Das ist nicht ohne die offensichtlichen Gefahren, aber es wird den arabischen Staaten auch erlauben offener und in der Verfolgung ihrer nationalen Interessen transparenter zu sein. Solche Offenheit könnte die arabische Politik vor dem vorherrschenden Argwohn, Verschwörungsdenken und pathologischem Misstrauen retten. Immerhin wird die offene Anerkennung eines nicht arabischen jüdischen Staates im organischen geopolitischen Gewebe der Region einen Großteil der charakteristischen Paranoia des Nahen Ostens überflüssig machen. Wenn nicht zu Beginn, dann gewiss, wenn die arabischen Staaten von ihren tieferen Beziehungen zu Israel profitieren.

Während die muslimische Öffentlichkeit sich der neuen politischen Realität anpasst, sollten wir nicht überrascht sein, wenn die Umstände sich für nichtmuslimische Minderheiten in der Region verbessern. Ethnische und religiöse Vielfalt, eine Quelle schwerer historischer Spannungen, könnte in einem positiveren Licht gesehen werden.

Was die eigentlichen Palästinenser angeht, wird ihre historische Verweigerungshaltung gegenüber Israel aufhören der Aktivposten zu sein, der er einst war. Benachbarte arabische Staaten werden nicht länger Geisel der finanziellen Bedürfnisse der Palästinenserführung sein. Während sich die neue Realität einstellt, werden die Palästinenser sich entscheiden müssen, ob sie totale Macht in einer toten Fantasiewelt haben oder etwas Macht in einem echten Frieden haben wollen. Die neue Verteilung könnte sie mit der Zeit zu echten Verhandlungen zwingen. Das wird im Gegenzug die Reihen der Palästinenserführung aufrütteln und der katastrophalen Politik des Palästina-Traums ein Ende setzen. Der palästinensische Terrorismus dürfte höchstwahrscheinlich immer noch bestehen und gemeinsames Handeln Israels und der neuen Palästinenserführung benötigen, um ihn zu niederzuhalten. Aber während Israelis und Palästinenser sich weiter von dem giftigen Traum eines maximalistischen „Palästina“ entfernen, könnte die Verbesserung der Sicherheitslage einen umgestaltenden Effekt in ihrer Beziehung haben.

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Nach dem üblichen Verlauf der Geschichte holt die politische Realität lediglich das ein, was die Gesellschaft des Nahen Ostens bereits begriffen hat. Auf der sogenannten arabischen Straße begann der Übergang zu einer post-palästinensischen Realität vor etwa zehn Jahren. Unter Arabern, die auf solche Dinge achten, ist die Feststellung bereits banal, dass Palästina nicht das drängendste Problem der Region ist. Palästina hat seine zentrale Rolle mit dem Beginn des Arabischen Frühlings und dem syrischen Bürgerkrieg verloren. Heute konzentrieren sich arabische Länder auf Fragen der Sicherheit, Stabilität und zunehmend der Bedrohung durch den Iran. Der Arabische Frühling, in dem Gemeinwesen anfingen die herrschenden totalitären Philosophien herauszufordern, kennzeichneten den Zusammenbruch und die Atomisierung der politischen Doktrin in der arabischen Welt. Die Frage von Tradition gegen Moderne ist von den Themen Menschenrechte, der Stellung der Frau in der Gesellschaft, Sektierertum und wirtschaftlicher Entwicklung ersetzt worden. Religion wird zunehmend als Komponente des soziologischen Bereichs verstanden, nicht als allumfassendes deterministisches Prinzip. Im post-palästinensischen Nahen Osten wird der Islam selbst die Gelegenheit haben sich von der Politik zu lösen und sich stärker im Bereich der Gesellschaft anzusiedeln. Eine solche Verschiebung würde ein historischer Sprung vorwärts sein und, wenn er sich festigt, als wichtigste Entwicklung in der islamischen Geschichte seit der Gründung der ersten islamisch-politischen Gemeinschaft im Arabien des siebten Jahrhunderts eingehen.

Die post-palästinensische Ära wird Gelegenheit für eine offene interne Untersuchung der arabischen und islamischen Geschichte schaffen, frei von dem ideologischen Determinismus der Politik des Palästina-Zeitalters. Auch das könnte einen Paradigmenwechsel schaffen, der das schale, aber weithin vertretene Verständnis von Tradition durch ein modernes ersetzt. Ein solcher Prozess würde eine komplettere Anerkennung der Elemente islamischer Tradition erlauben, die den Prozess so vieler Menschen in der arabischen Welt verkümmern ließ.

Wenn wir Glück haben, wird es sogar nicht länger angemessen sein von einer „arabischen Welt“ zu sprechen, da die Araber selbst erkennen werden, dass sie aus unterschiedlichen regionalen und kulturellen Gruppierungen und politischen Identitäten bestehen. Während traditionelle arabische Gesellschaften in reichen Monarchien weiter in Richtung Urbanisierung unterwegs sind, werden sie unausweichlich ihren Stammescharakter verlieren und sich politisch modernisieren. Politische Modernisierung wird ironischerweise eine größere Herausforderung für arabische Länder sein, die keine Königreiche sind. Da sie nicht so wohlhabend sind wie die Monarchien, werden sie Hilfe bei der wirtschaftlichen Entwicklung brauchen, um politische Reformen durchzuführen, wenn die Bedrohung durch den Islamismus abnimmt.

Das ist die Zukunft des post-palästinensischen Nahen Ostens, wie ich ihn sehe. Natürlich befinden wir uns mitten in seiner Geburt. Während das Baby bisher schön aussieht, ist das weitgehend wegen der Hässlichkeit so, die vorher bestand. Aber die meisten Beobachter des Nahen Ostens glaubten nie, dass sie zu ihren Lebzeiten einen Augenblick erleben würden, der so viel verspricht. Daher ist das eine Zeit realistischen Optimismus, nicht vager Träume. Tatsächlich ist das Versprechen eines post-palästinensischen Nahen Ostens in der offiziellen Abkehr von einer sehr dunklen Fantasie zu finden.

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