Als Leonard Cohen in der Wüste Sinai Ariel Sharon traf

Lesen Sie die Geschichte, wie ein internationaler jüdischer Superstar dazu kam im Yom Kippur-Krieg kämpfende israelische Truppen zu unterhalten

Shai Ben-Ari, the Librarians, 4. Oktober 2018

Lenoard Cohen singt während des Yom Kippur-Kriegs für israelische Soldaten. (Foto: Uri Dan, Farkash Gallery Collection, Rechte vorbehalten)

„Ich bin in meiner mythischen Heimat, aber ich habe keinen Beleg dafür und kann nicht diskutieren und ich bin nicht in der Gefahr mir selbst zu glauben … Ohne Hebräisch zu sprechen genieße ich meine legitime Stille.“

So beschrieb Leonard Cohen, jüdisch-kanadischer Liedermacher und Dichter, seine Ankunft in Israel im Herbst 1973 kurz vor Ausbruch des Yom Kippur-Krieges. Damals lebte Cohen mit seiner Freundin Suzanne Elrod und dem gemeinsamen Sohn Adam auf der griechischen Insel Hydra. Ihre Beziehung befand sich in Turbulenzen und es war für ihn eine unglückliche Zeit.

Cohens abrupter Entschluss einen Flug nach Israel zu buchen könnte zum Teil von zunehmenden Spannungen zwischen dem jüdischen Staat und seinen Nachbarn angespornt gewesen sein, aber es scheint so, dass es auch weiter Gründe gab. In seinem unveröffentlichten Manuskript „The Final Revision of My Life in Art“ schrieb Cohen: „… weil es so furchtbar zwischen uns ist, werde ich hingehen und Ägyptens Kugel aufhalten. Trompeten und ein Schleier von Rasierklingen.“

Cohen kannte in Israel niemanden. Ein Ehepaar im Flugzeug bot ihm an bei seinen Verwandten in Herzliya zu wohnen, einem Vorort von Tel Aviv. Nach Angaben seiner Biografin Ira Nadel hatte Cohen in diesem Zeitraum eine Reihe kurzer Affären mit mehreren Frauen, wobei der Sänger seine Abende oft damit verbrachte in recht einsamem Zustand durch die Straßen von Tel Aviv zu wandern.

Eines Tages, nachdem der Krieg ausgebrochen war, saß eine Gruppe israelischer Musiker, darunter die Sänger Oshik Levi, Matti Caspi und Ilana Rovina, im beliebten Tel Aviver Pinati Café als Levi einen alleine in einer Ecke sitzenden Mann entdeckte, der genauso wie Leonard Cohen aussah. Als Levi auf Cohen zuging und bestätigte, dass er es tatsächlich war, fragte der einheimische Sänger den internationalen Promi, was er in Israel mache. Cohen antwortete, dass er als Freiwilliger in einem Kibbuz gehen wollte, um bei der Ernte zu helfen, während die Einheimischen in den Krieg zogen.

Der israelische Musiker erklärte Cohen, dass es nicht Erntezeit war; er fügte hinzu, dass sie dabei waren in den Sinai zu fahren, um die Truppen zu unterhalten, die dort verzweifelt versuchten den ägyptische Überraschungsangriff abzuwehren. Sie boten Cohen an sich ihnen anzuschließen. Der Besucher zögerte, gab eine Reihe von Ausreden an: Er sei Pazifist, er habe keine Gitarre, seine Lieder seien traurig und kaum dazu geeignet die Moral zu stärken. Aber das alles wurde beiseite gewischt und Cohen stimmte schließlich zu sich der Band anzuschließen.

Von links nach rechts: Ilana Rovina, Matti Caspi und Leonard Cohen. (Foto: Uri Dan, the Farkasch Gallery Collection, Rechte vorbehalten)

Der Sänger war in Israel beliebt, obwohl er sich nur ein Jahr zuvor politisch pro-arabisch geäußert hatte. Er sagte der Zeitung „Davar“: „Ich schließe mich meinen in der Wüsten kämpfenden Brüdern an. Mir ist egal, ob ihr Krieg gerecht ist oder nicht. Ich weiß nur, dass Krieg grausam ist, dass er Knochen, Blut und üble Flecken auf dem heiligen Boden zurücklässt.“ In Erklärung seiner offensichtlichen Änderung seiner politischen Haltung sagte Cohen: „Ein Jude bleibt ein Jude. Jetzt ist Krieg und es muss nichts erklärt werden. Ich heiße Cohen, nicht wahr?“

Von seinen Erfahrungen mit den israelischen Musikern im Sinai sprach Cohen in einem Interview, das er ein Jahr später Robin Pike vom Magazin Zigzag gab: „Wir hielten einfach an kleinen Stellen an, einer Raketenstelle und sie richteten ihre Lampen auf uns und wir sangen ein paar Lieder. Oder sie gaben uns einen Jeep und wir fuhren die Straße weiter Richtung Front und wo immer wir ein paar Soldaten sahen, die auf einen Hubschrauber warteten oder sonst etwas, sangen wir ein paar Lieder. Und zurück im Fliegerhorst gaben wir vielleicht ein kleines Konzert, vielleicht mit Verstärkern. Es war sehr informell und sehr, wissen Sie, intensiv.“

Matti Caspi, einer der populärsten israelischen Musiker, begleitete Cohen, der nur einer von einer Reihe von Künstlern war, mit der klassischen Gitarre. Er wirkte auch als Cohens Übersetzer wo immer der Sänger ein paar Worte an sein Publikum aus von der Schlacht erschöpften Soldaten richtete. In einer Aufzeichnung des Armee-Radios ist Cohen zu hören, wie er sein beliebtes Lied „Suzanne“ ankündigt: „Diese Lieder sind zu leise für die Wüste. Sie gehörten in einen Raum mit einer Frau und etwas zu trinken. Wo wir hoffentlich sehr bald alle wieder sein werden.“

Caspi erinnert sich auf seiner Internetseite an einige ihrer Erlebnisse, erzählt, wie Cohen sein berühmtes Lied „Lover, Lover, Lover“ bei ihren frühen Auftritten zusammenbrachte: „Er schrieb den Text und die Melodie auf der Bühne während eines Auftritts für ein paar Soldaten und von Auftritt zu Auftritt verbesserte er sie.“

Und vielleicht wird der Geist dieses Liedes
rein und frei aufsteigen
Möge es euch ein Schild sein
ein Schild gegen den Feind

(Letzter Vers von „Lover, Lover, Lover“ von Leonard Cohen

Caspi erzählt auch das folgende Erlebnis: „Ich kann mich an ein surreales Bild von uns direkt neben der Landebahn des Flugplatzes in Rapidim erinnern. Wie sahen eine Hercules landen und Dutzende Soldaten strömten heraus. Sie bekamen den Befehl sich auf die Landebahn zu setzen und dann begleitete ich Leonard Cohen, während er „Bird on the Wire“ sang. Als das Lied zu Ende war, wurden sie auf LKWs befohlen, die zum Suezkanal fuhren. Direkt danach landete eine weitere Hercules und die Szene wiederholte sich. Sie setzten sich auf die Landebahn, Leonard Cohen sang dasselbe Lied und sofort danach stiegen sie auf die LKW, die zum Kanal fuhren.“

Foto von Uri Dan (The Farkash Gallery Collection, alle Rechte vorbehalten)

Cohen und Caspi verbrachten den gesamten Tag so, während LKW-Ladung um LKW-Ladung Soldaten einen kleinen Auftritt durch einen internationalen Superstar am unmöglichsten Ort erhielten. Nach Anbruch des Abends bestiegen die Musiker selbst den letzten der LKWs und fuhren nach Westen. Sie überquerten den Suezkanal und kamen in der Enklave auf der ägyptischen Seite an, die von IDF-Soldaten unter dem Kommando von Generalmajor Ariel Sharon an, dem umstrittenen Offizier, der schließlich Jahrzehnte später Israels Premierminister werden sollte. Caspi fügte hinzu: „Wir fanden uns wieder, wie wir halfen verletzte Soldaten zu wartenden Hubschraubern zu tragen. Das waren dieselben Soldaten, für die wir ein paar Stunden zuvor gespielt hatten.“

Cohens Zwiespältigkeit gegenüber dem Krieg wird auch aus seinen Erinnerungen an dieses Treffen mit Sharon klar: „Ich werde dem großen General vorgestellt, dem ‚Löwen der Wüste‘. Flüsternd frage ich ihn: ‚Wie kannst du das wagen?‘ Er bereut nichts. Wir trinken im Sand sitzend unter dem Schatten eines Panzers ein Cognac. Ich will seinen Job.“

Generalmajor Ariel Sharon, ein umstrittener israelischer Kriegsheld und später Premierminister, traf Cohen in seiner Zeit im Sinai. Der Sänger hatte gemischte Gefühle wegen des Generals. (Foto: Uri Dan, Farkash Gallery Collection, alle Rechte vorbehalten)

Die Erlebnisse des Sängers während des Yom Kippur-Krieges waren eine wichtige Inspirationsquelle für seine nächste Schallplatte, „New Skin for the Old Ceremony“ wurde im August 1974 veröffentlicht. Außer „Lover, Lover, Lover“ beinhaltete das Album auch Lieder mit Titeln wie „Field Commander Cohen“, „There is a War“ und „Who by Fire“, ein Lied, das das Yom Kippur-Gebet „Unetanneh Tokef“ als Grundlage hat.

Cohen erzählte Robin Pike von dem emotionalen Einfluss, den der Krieg auf ihn hatte: „… du wirst davon gefangengenommen. Und die Wüster ist schön und du denkst, dein Leben ist einen oder  zwei Momente lang bedeutungsvoll. Und Krieg ist wunderbar. Sie werden ihn nie ausmerzen. Er ist eines der wenigen Male, wo Leute ihr Bestes geben können. Er ist in Begrifflichkeiten von Gesten und Bewegung so ökonomisch, jede einzelne Geste ist präzise, jede Anstrengung ist eine maximale. Niemand faulenzt. Jeder ist für seinen Bruder verantwortlich. Das Gefühl von Gemeinschaft und Verwandtschaft und Brüderlichkeit, Hingabe. Es gibt Gelegenheiten Dinge zu fühlen, die man im modernen Stadtleben einfach nicht fühlen kann.“

Lenoard Cohen sollte den Rest seines Lebens weiterhin Israel besuchen und dort auftreten. Er verstarb im November 2016.

Sie können mehr über Leonard Cohens Leben und Erlebnisse im Yom Kippur-Krieg in Ira Nadels Biografie „Various Positions – A Life of Leonard Cohen“, das in der Nationalbibliothek Israels zur Verfügung steht.
Die Origionalfotos, die oben eingestellt sind, finden Si ein der Farkash Gallery:
https://farkash-gallery.com/