Sprache als Mittel des Antiisraelismus

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Aufeinanderfolgende israelische Regierungen haben nie eine umfassende Politik zum systematischen Kampf an all den vielen Fronten gehabt, an denen das Land angegriffen wird. Premierminister und ihre Ministerkollegen schienen nie zu begreifen, was ein Anfänger-Stratege verstehen würde: Der Kampf gegen den israelischen Staat hat viele Waffen und Werkzeuge. Israel muss alle davon bekämpfen.

Niemand kann offenen Krieg und Terroranschläge ignorieren. Die israelische Regierung widmete daher diesem Aspekt der Front viel Aufmerksamkeit. Die dafür geschaffenen Organe – die Israelischen Verteidigungskräfte (IDF) und die Geheimdienste – erfüllen ihre Aufgaben ziemlich gut. Vor ein paar Jahren begriff die israelische Regierung auch, dass Cyber-Kriegsführung für das Land gefährlich ist und baute eine Dienststelle auf, die sich damit beschäftigt.

In anderen Bereichen des Schlachtfeldes ist Israel weniger effektiv aufgetreten und ist oft fahrlässig. Boykotten entgegenzutreten war und gelingt Israel auf weniger bemerkenswerte Weise. Den anfänglichen arabischen Boykott gab es seit Jahrzehnten.[1] Israel versuchte ihn auf viele Weisen zu umgehen; einige waren erfolgreich, manche weniger.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kam eine weitere Form des Boykotts auf, die als BDS (Boykott, De-Investition, Sanktionen bekannt ist). BDS begann in der Universitätswelt mit einem offenen Brief im Guardian am 6. April 2002, der von mehr als 100 Akademikern unterschrieben wurde.[2] Er forderte einen Stopp aller kulturellen und Forschungsverbindungen mit Israel auf europäischer oder nationaler Ebene, bis die israelische Regierung alle UNO-Resolutionen befolgt und „ernste Friedensverhandlungen mit den Palästinensern beginnen, die sich entlang der in vielen Friedensplänen, einschließlich des jüngsten, von den Saudis und der Arabischen Liga unterstützten, orientiert.“ Dem offenen Brief folgten andere, ähnliche Initiativen. Freunde Israels sprachen sich gegen sie aus. Die israelische Regierung unternahm viele Jahre lang kaum etwas.

Israel hat den gewaltigen Krieg der Worte gegen sich weitgehend ignoriert. Einige Staaten sind Meister des verbalen Kampfes. Nazideutschland stand fast an der Spitze und erfand eine beinahe komplett neue Sprache für die von ihm begangenen kriminellen Taten. Es wurden viele Synonyme für Mord entwickelt.[3]

Die Sowjetunion war ein kompetenter Zweiter. Bevor sie anfing den Begriff „Antizionismus“ zu propagieren, gab es dieses Wort in keinem Wörterbuch.[4] Jahrtausende zuvor – im ersten Buch der Bibel – war das Sprachproblem bereits auf dramatische Weise präsent. Gott zerstörte die gemeinsame Sprache derer, die den Turm zu Babel bauten. So wurde großes Durcheinander in der Kommunikation geschaffen.

George Orwell verstand die Rolle des Sprachspiels sehr gut. In seinem Buch „1984“ – 1949 veröffentlicht – erfand er „Neusprech“, das durch die Austauschbarkeit der Bedeutung von Worten charakterisiert war. Es ersetzte traditionelles Englisch. Regelmäßig wurden diese Wendungen zitiert: „Freiheit ist Sklaverei, Ignoranz ist Stärke“ und sehr wichtig für die Palästinenser: „Krieg ist Frieden“.[5]

Die israelische Linke und sogar eine Reihe Mainstream-Israelis haben oft für die fundamental falsche Vorstellung des „Land für Frieden“ geworben. Sie beurteilten radikal falsch, wie viel die Palästinenser von Frieden zu gewinnen haben. Das ist heute zum Teil durch „Frieden für Frieden“ ersetzt worden.

Die israelische Regierung mag von Zeit zu Zeit – aber weit entfernt davon das immer zu tun – reagieren, wenn ein Prominenter Israel der „Apartheid“ beschuldigt. Zum Beispiel verwendete der ehemalige deutsche, sozialistische Außenminister Sigmar Gabriel diesen Ausdruck und entschuldigte sich später dafür.[6]

Eine der häufigsten gegen Israel eingesetzten Verfälschungen lautet, es sei „Besatzer“ der Westbank.[7] Dabei ist Israel höchstens Besatzer eines Teils des Golan, der früher zum syrischen Staat gehörte. Die Westbank war in der Hand Jordaniens. Dessen Souveränität dort wurde lediglich von Großbritannien und Pakistan anerkannt.[8] Es gab nie einen palästinensischen Staat, also konnte er nicht besetzt werden. Dore Gold erklärte eingehend, dass der Status der Westbank „umstrittenes Gebiet“ lautet. Er erklärte das kurz, nachdem er im Jahr 2000 Präsident des Jerusalem Center of Public Affairs wurde.[9]

Eine „Zweistaatenlösung“ ist ein weiterer tief eingegrabener Begriff. Es ist schwierig mit ihm umzugehen, weil US-Präsident Barack Obama viel Druck auf Premierminister Benjamin Netanyahu ausübte dieses Konzept zu akzeptieren. Netanyahu machte das 2009 in seiner Rede an der Bar Ilan Universität, als er sagte: „Wenn wir diese Garantie bezüglich der Entmilitarisierung und Israels Sicherheitsinteressen erhalten und wenn die Palästinenser Israel als Staat des jüdischen Volks anerkennen, dann werden wir bereit sein bei einer zukünftigen Friedensvereinbarung eine Lösung zu erzielen, in der neben dem jüdischen Staat ein entmilitarisierter Palästinenserstaat besteht.“[10] Ein Palästinenserstaat war zuvor bereits von den Premierministern Ehud Barak und Ehud Olmert in ihren Friedensvorschlägen an die Palästinenser akzeptiert worden.[11][12]

In diesem Zusammenhang erwähnen offizielle Vertreter Israels kaum jemals, dass es bereits zwei Staaten auf dem ehemaligen Land des Mandats Palästina gibt. Der erste war der palästinensische Staat Jordanien, der etwa 75% dieses Territoriums belegt; der zweite ist Israel. Ein weiterer Palästinenserstaat – vorausgesetzt, dass Hamas und Fatah sich darüber einigen können –in der Westbank und dem Gazastreifen wäre damit ein dritter Staat. Auch der Trump-Plan, den Israel akzeptiert hat, gründet auf einem Palästinenserstaat neben Israel.[13]

Mehrere Autoren haben die gefährliche Verwendung von Semantik gegen Juden und Israel betont. Viel Arbeit dazu ist von dem französischen Linguisten Georges-Elia Sarfati geleistet worden. Er unternahm eine detaillierte Analyse des Phänomens. Sarfati stellte heraus, dass Diskurs auf Grundlage der ideologischen Verwendung derer geführt wird, die ihn betreiben. Er sagte: „Anstatt dass Worte neutral sind, dienen sie dazu eine gewisse Vision zu der von ihnen behandelten Frage einzuführen.“[14]

Diese Wendung „Zweistaatenlösung“ ist im Westen derart tief eingegraben, dass es enormer Anstrengungen bedarf Zweifel an ihr zu streuen. Nicht weil die Botschaft so einfach wäre. Warum sollte man die kriminelle Palästinenser-Instanz – deren Führer Völkermord verherrlichen, die Mörder von Zivilisten belohnen und der von einem Todeskult durchdrungen ist – zu einem Staat aufwerten?

Israels Kampf gegen den Missbrauch des Wortes „palästinensische Flüchtlinge“ durch die UNO ist von Israel nur auf lauwarme Weise geführt worden. Es gibt eine allgemeine Definition von Flüchtlingen, die besagt: Flüchtling ist eine „Person, die sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt oder in dem sie ihren ständigen Wohnsitz hat, und die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren kann.“[15]

Für die Palästinenser hat die UNO diese Definition ausdrücklich so erweitert, dass sie die Nachkommen der Flüchtlinge einschließt.[16] Das hat die Bedeutung des Wortes ausgehöhlt und die sich daraus ergebenden Probleme vervielfacht. Fast alle palästinensischen „Flüchtlinge“ sind gemäß der Originaldefinition keine wirklichen Flüchtlinge. Sie flohen nicht aus Israel, auch wenn ihre noch lebenden Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern das vielleicht getan haben und echte Flüchtlinge sind. Dennoch weist nicht ein einziger internationaler Journalist darauf hin oder verwendet für sie den Ausdruck „UNO-Fake-Flüchtlinge“.

Ein weiterer Missbrauch von Sprache ist, die Israelis als „Kolonisten“ zu bezeichnen. Dieses Wort wurde exklusiv für Personen verwendet, die in Länder zogen, die in der Regel tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt waren. Die Teilungslinien von 1967, die Israel von den Palästinensergebieten trennten, waren Waffenstillstandslinien, werden aber regelmäßig und fälschlich als die „Grenzen von 1967“ bezeichnet.[17][18]

Es gibt zudem viele Bespiele für den Missbrauch von Sprache im antisemitischen Diskurs. Die französische Regierung sprach oft von „Spannungen zwischen Gemeinschaften“. Sie legte nach, dass zwei Gemeinschaften, die muslimischen und die jüdischen Gemeinden, einander gegenüber aggressiv waren. In Wirklichkeit waren es eine einseitige Aggression und Hass gegen die jüdische Gemeinschaft, die aus Teilen der muslimischen Gemeinschaft kam.[19]

Die Palästinenser werden wahrscheinlich abwarten, um zu sehen, ob Biden zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wird und ob er den Trump-Plan verwirft. Es könnte durchaus sein, dass die Palästinenser dann entscheiden werden, ob sie versuchen eine Friedenskonferenz zu arrangieren. Diese wird sich mit konkreten Themen wie endgültigen Grenzen, dem Status des Tempelbergs, der Entmilitarisierung eines Palästinenserstaats und so weiter beschäftigen. Es ist unwahrscheinlich, dass dabei ein entscheidendes Thema angegangen wird: Wie wollen die Palästinenser sich ihres Kultes der Verherrlichung von Völkermord und Tod entledigen, der ihre Gesellschaft durchzieht?

Dieses Thema sollte von Israel groß auf die internationale Agenda gesetzt werden. Andernfalls wird, sollte ein Palästinenserstaat gegründet werden, eine kriminelle Instanz zu einem kriminellen Staat ausgebaut.

[1] Dan S. Chill: The Arab Boycott of Israel: Economic Aggression and World Reaction. New York (Praeger) 1976)

[2] http://www.euroisrael.huji.ac.il/original.html, “Protest against Call for European Boycott of Academic and Cultural Ties with Israel,” The Guardian, Original Press Release, 6 April 2002.

[3] https://www.welt.de/kultur/plus216563504/Lexikon-des-Grauens-Die-1001-Woerter-der-Nazis-fuer-Mord.html

[4] https://www.jcpa.org/phas/phas-17.htm

[5] www.amazon.com/1984-Signet-Classics-George-Orwell/dp/0451524934

[6] http://www.jpost.com/international/former-german-fm-says-regrets-calling-israel-apartheid-regime-551362

[7] www.timesofisrael.com/german-foreign-minister-under-fire-for-accusing-israel-of-apartheid/; http://www.bbc.com/news/world-middle-east-39703128

[8] www.britannica.com/place/West-Bank

[9] jcpa.org/jl/vp470.htm

[10] https://ecf.org.il/issues/issue/70

[11] https://abcnews.go.com/International/story?id=82027&page=1

[12] http://www.timesofisrael.com/abbas-admits-he-rejected-2008-peace-offer-from-olmert/

[13] http://www.whitehouse.gov/peacetoprosperity/

[14] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Georges-Elia Sarfati. Language as a Tool against Jews and Israel. Post-Holocaust and Anti-Semitism 17, 1. Februar 2004.

[15] https://www.unhcr.org/dach/de/services/faq/faq-fluechtlinge

[16] http://www.unrwa.org/palestine-refugees

[17] https://www.theatlantic.com/international/archive/2011/05/what-obama-meant-1967-lines-why-irked-netanyahu/350925/

[18] https://www.npr.org/2011/05/24/136495202/background-israels-pre-1967-boundaries

[19] S. z.B. Paul Ceaux : Manif pro-palestinienne autorisée: les organisateurs critiquent Hollande. L’Express, 22. Juli 2014; Manfred Gerstenfeld: Dutch Jews Wonder About Their Future. Israel National News, 8. August 2014; Reuters/AP: France vows harsh hand on anti-Semitic violence after Paris riots. Haaretz, 32. Juli 2014.