Die Kinder von 1973 schreiben über den Yom Kippur-Krieg

Briefe, die israelische Kinder während des Kriegs 1973 schrieben, offenbaren, wie sie eine der herausforderndsten Zeiten des Staates erlebten.

Nationalbibliothek Israels, 14. September 2020

Foto von Eli Landua, Sammlung Dan Hadani, Pritzker Family National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels

47 Jahre nach dem Yom Kippur-Krieg sind sie mitten in ihren 50-ern und 60-ern. Damals, im Herbst 1973, waren sie nur Schulkinder, Jungs und Mädchen. Um herauszufinden, an was von der damaligen Zeit sie sich erinnern, können wir sie einfach fragen, die meisten leben noch. Um zu wissen, was sie in der Zeit fühlten und dachten, als die Ereignisse tatsächlich stattfanden, müssen wir ihre Briefe lesen.

Der Krieg überraschte nicht nur die israelische Armee und Regierung, sondern auch die Presse des Landes. Dazu gehörte eine Reihe von Zeitungen und Magazinen, die für Kinder gedacht waren. Zwei Tage nach Ausbruch des Krieges, am 8. Oktober, veröffentlichte Davar Leyeladim (eine Wochenbeilage der Tageszeitung Davar) seine Feiertagsausgabe für Sukkot. Die einzige Erwähnung des Krieges war ein kurzer Text oben auf der ersten Seite. Er begann mit den Worten: „Mit Redaktionsschluss dieser Ausgabe, am Vorabend des Yom Kippur, brach ein vierter Krieg zwischen Israel und seinen Nachbarn aus: Die syrische Armee überschritt die Grenze auf den Golanhöhen und die ägyptische Armee überquerte den Suezkanal. Zu Land, zu See und in der Luft finden heftige Kämpfe statt.“

Es war ein klarer Versuch die jungen Leser zu beruhigen und Israel so darzustellen, dass es die Lage unter Kontrolle hat – noch bevor sich der Nebel des Krieges hob: „Die israelische Heimatfront ist aufgerufen worden und jeder ist losgezogen um seine Pflicht zu tun. Während dies geschrieben wird, blockiert die IDF mit größtem Heldenmut das Vorrücken des Feindes und die syrische wie die ägyptische Armee erleiden schwere Verluste. Die Nachrichten von der Front sind immer noch vage [und es scheint ein Zitat von Verteidigungsminister Mosche Dayan zu geben, der voraussagt: ‚Es gibt keinen Zweifel, dass der Krieg zu unseren Gunsten endet!‘]“

Der Einband der Ausgabe der Kinderbeilage Davar Leyeladim vom 8. Oktober, erwähnte den Krieg nicht…

Die Kinderausgabe der Ha’aretz vom 8. Oktober schaffte es ihre Leser weiter zu auf dem aktuellen Stand zu halten, aber selbst dort füllten die Neuigkeiten nur eine einzige Seite. Darin erfuhren die Leser von den „kleinen und unbedeutenden“ Erfolgen der arabischen Armeen „bedenkt man, dass der Feind den ersten Schlag führte“.

„Bedenkt man die Tatsache, dass der Feind den ersten Schlag führte, sind ihre Erfolge klein und unbedeutend“ – In der Ha’aretz-Kinderausgabe vom 8. Oktober war eine Seite war dem Krieg gewidmet.

Folgeausgaben stellten ein kompletteres Bild der Kriegsereignisse, mehr Details dar – mit Betonung auf den Soldaten und ihren Geschichten. Dennoch behielten die meisten Ausgaben ihr Format und die regulären Sektionen bei, einschließlich Serienromanen, Kinderliedern und sogar Witzen. Der für unsere Diskussion relevante Abschnitt ist „Ha’aretz Schelanu-Leser schreiben“, veröffentlicht in Ha’retz Schelanu („Unser Land“), eine Kinderwochenzeitung. Dort erfahren wir, dass trotz der  Absicht, selbst während der schwierigsten Momente des Landes eine Routine beizubehalten, der  Krieg eindeutig die Gedanken der Kinder der Nation verzehrte.

Das erste Mal hören wir diese Kinderstimmen in der dritten Woche des Krieges, in der Ausgabe von Ha’aretz Schelanu vom 22. Oktober. In den Briefen der Leser hören wir die von den Kämpfen verursachte lähmende Angst. Anat Gavrieli aus Tel Aviv schrieb: „Liebe Reaktion, ich weiß, dass Krieg ist. Die Ägypter überraschten uns und griffen uns an. Ich fühle mich unwohl. Es gibt echte Sirenenalarme [nicht nur Übungen]. Statt in den Bunker hinunterzugehen, bleibe ich Zuhause, von Angst ergriffen. Im Radio und im Fernsehen – ständig ist da Krieg … Ich kleben vor dem Radio fest wie eine Schnecke in ihrem Haus. Ich hoffe und bete, dass es Frieden geben wird und dass der Krieg in Frieden enden wird.“

Neben der Sehnsucht nach Frieden finden wir etwas Wut wegen des Überraschungsangriffs: „Liebe Redaktion, die Araber sind Feiglinge! Wir sind es nicht! Unsere Feinde glaubten uns während des Fasten- und Gebetstags besiegen zu können, aber sie erfuhren bald, dass wir trotz der Fast bereit waren für unser Recht in Frieden zu fasten und zu beten zu kämpfen. Unser Sieg ist sicher, weil unser Kampf einer um unser Leben ist“, schrieb die zehnjährige Liora Binyamin aus Haifa.

„… sofort ertönte eine Sirene. Ich legte meine Schwester Maya in den Wagen und ging die Treppen hinab. Ich spielte mit ihr im Bunker… Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Als Entwarnung gegeben wurde, fragten sie mich: ‚Warum immer deine Tagträume?‘ Ich antwortete nicht… Hagit Kanev, Tchernichovsky Street 55, Haifa.“

Angst, Sehnsucht nach Frieden sowie Wut tauchen auch in späteren Ausgaben auf, neben den einfachen Fragen und Gedanken der Kinder. Wenn die Sirenen ertönten, gingen Hagit Nakav und ihrer Schwester in den Bunker ihres Apartmenthauses in Haifa hinab. Um sich die Zeit zu vertreiben spielten die beiden und „plötzlich dachte ich: Da im Norden kämpfen sie und hier sitze ich und spiele“. Mitten im Chaos des Krieges und in der quälenden Sorge um ihre Brüder und Väter, die um ihr Leben kämpften, schickte Meirav Bieber (10) aus Raanana eine Frage: „Was passiert im Krieg, wie jetzt, mit den Tieren im Zoo? Werden sie in Schutzräume gebracht oder in Käfigen gelassen? Und wenn sie dort gelassen werden, was passiert, wenn eine Bombe auf sie fällt? Das ist Misshandlung von Tieren!“

Vergleiche zwischen Israel und seinen Feinden im Krieg konzentrierten sich auf die Frage der Heiligkeit des Lebens. Die Kinder, die an die Zeitungen schrieben, schrieben entschlossen, wie Anat Kasavi aus Nahariya es formulierte: „Sie, die Araber, kümmern sich überhaupt nicht um ihr Volk! Wenn einer fällt, ersetzen ihn zehn. Das ist bei uns nicht der Fall! 658 Tote nach einer Woche der Kämpfe, von unseren besten! Ich will nicht, dass unsere Leute sterben und ich will nicht, dass unsere Feinde sterben!“

„Ich will nicht, dass unsere Leute sterben und ich will nicht, dass unsere Feinde sterben! … Anat Kasavi, Herzl-Straße 45, Nahariya

Viele der jungen Briefeschreiber schrieben von ihrem Leben an der Heimatfront im Schatten des Krieges. Ella Tamar aus Tel Aviv schrieb über die stille, übersehene Heldin des Krieges – die trauernde Mutter. Die zwölfjährige Ella beschloss die Figur der trauernden Mutter mit Geschichten aus der Bibel zu verbinden und setzte das Heldentum des Patriarchen Abraham mit dem der trauernden Mütter gleich; sie fügt hinzu: „Wenn der Bauer seine Felder aussät, weiß er, dass er bald die Ernte einfahren wird. Aber diese Mütter werden die ihre nicht einfahren; sie werden ihre Söhne nicht aufwachsen sehen und die Früchte ihrer Arbeit erleben. Der Krieg hat das verhindert.“

„Wenn der Bauer seine Felder aussät, weiß er, dass er bald die Ernte einfahren wird. Aber diese Mütter werden ihre nicht einfahren; sie werden ihr Söhne nicht aufwachsen sehen und die Früchte ihrer Arbeit erleben…“ Ella Tamar, 12 Jahre, Frishman Street 47, Tel Aviv

Mit der Verkündung des Waffenstillstands gaben die Kinder des Landes wieder stärker ihrer Friedenssehnsucht Ausdruck. Gadi Marcus aus Tel Haschomer schrieb: „In meinem Herzen denke ich, wie schrecklich Krieg ist. Abgesehen von den vielen Opfern fehlen Arbeitskräfte an der Heimatfront. Für Frieden muss alles getan werden.“

Nach dem Ende der Kämpfe waren die jungen Schreiber in der Lage darüber nachzudenken, was ihre Feinde bewog in den Krieg zu ziehen. Talia Nur (12) aus Bat Yam glaubte, der Überraschungsangriff der Ägypter und Syrer entstamme einem Gefühl des Verlustes der Zuversicht nach Israels entscheidendem Sieg im Sechstage-Krieg von 1967 und gab an, dass die „Arroganz und Geringschätzung“, die die israelische Haltung vor dem Yom Kippur-Krieg kennzeichnete, „nicht die richtige Art war die Araber einzuschätzen“. Die elfjährige Ronit Hagai aus Ramat Gan wunderte sich: „Vielleicht wollten die meisten Araber gar nicht kämpfen und es waren nur die Führer, die sie aufhetzten?“

„Arroganz und Geringschätzung ist nicht die richtige Art die Araber einzuschätzen“… Talia Nol, 12 Jahre alt, Rabbi-Kook-Straße 22, Bat Yam.

Einige der Schreiber antworteten auf die Briefe anderer Kinder, so auch der Siebtklässler Galil Ben-Dror aus Gvat: „Auch wenn die Araber zum Rückzug gezwungen waren, waren sie nicht gebrochen. Liora, glaube nicht, dass wir mutiger sind als die Araber.“

„Auch wenn die Araber zum Rückzug gezwungen waren, waren sie nicht gebrochen. Liora, glaube nicht, dass wir mutiger sind als die Araber.“

Die Beiträge der israelischen Jugend selbst zu den Kriegsanstrengungen wurden ebenfalls gelegentlich erwähnt, so wie in diesem Brief, der in der Ausgabe vom 26. November veröffentlicht wurde:

„Wir arbeiteten in den Gärten,wuschen Autos und mehr und sammelten 1210 israelische Lire. Wir hofften, solche Taten würden uns helfen diesen schwierigen Krieg zu gewinnen. .. Shari Herzberg und Yonah Davidovitch, 8. Klasse, Brandeis-Schule, Herzliya.

Mit dem Ende des Krieges und dem Aufkommen öffentlicher Diskussionen zu dem, was sofort „Das Fiasko“ genannt wurde, stellte die Jugend ein eindrucksvolles Engagement der aktuellen Angelegenheiten. War es Dayans Fehler? Sollte die gesamte Regierung Verantwortung übernehmen? Sollte die herrschende Partei die Verantwortung erhalten? Die Persönlichkeit Motti Aschkenazi kam bald in den Vordergrund. Aschkenazi war ein Reserveoffizier, dessen persönliche Kampagne gegen die Defekte der israelischen Führung rund um den Krieg zu einer öffentlichen Protestbewegung wurde. Wer hatte recht – Dayan oder Aschkenazi? Wie sahen die Grenzen der legitimen Kritik aus? Diese Fragen erregten die Aufmerksamkeit von Kindern, die erst zehn oder zwölf Jahre alt waren. Selbst wenn ihre Worte die ihrer Eltern und anderer Erwachsener um sie herum widerspiegeln, scheint ihre Beschäftigung damit und wie sie die Themen artikulierten heute sehr erwachsen. Hier einige Auszüge:

Motti Aschkenazi ist nichts als ein plappernder Papagei, der brüllt und schreibt, während er in der Knesset herummarschiert. Und es ist eine Schande für den Staat Israel, dass ein Mann, der so viel Unsinn redet, nicht aufgehalten wird! … Ilana Zohar, Beer Sheva

„Es ist möglich, dass Mosche Dayan für das Geschehene schuldig ist, aber tatsächlich sind wir alle aus Fleisch und Blut, jeder kann einen Fehler machen, aber er machte es gewiss nicht absichtlich. Daher müssen wir ihn verstehen und auf die korrekte Weise logisch über sein Handeln nachdenken…“ Melli Herbst, Uziel-Straße 30, Ramat Gan.

„Ruthi, du hast selbst geschrieben, dass Israel eine Demokratie ist und dazu gehört freie Meinungsäußerung. Warum also sollte Motti Aschkenazi sich nicht öffentlich äußern?…“ Varda Harif, Tirza-Straße 22,Ramat Gan.

„Die Leute wählten Mosche Dayan vor 6 Jahren und heute, wegen des Fiaskos des Krieges, hat die Unterstützung für Mosche Dayan nachgelassen. Motti Aschkenazi fordert Dayans Rücktritt und das zurecht. Mosche Dayan muss als für die Staatssicherheit verantwortlicher Minister die Konsequenzen tragen…“ Noam Ben-Ozer, 10 Jahre, Kibbutz Gan-Schmuel.

Grundlage dieses Artikels ist ein früherer Artikel von Joram Melcer.