Die Kluft überwinden: Walter Grab und das ostdeutsche historische Establishment

Der in Wien geborene Historiker Walter Grab gehörte zu den wenigen, die sich für ihre wissenschaftliche Arbeit über den akademischen Eisernen Vorhang wagten … Dies ist die Geschichte seiner einzigartigen Beziehung zum ostdeutschen Wissenschaftler Heinrich Scheel.

Yonatan Shiloh-Dayan, the Librarians, 7. Januar 2020

Walter Grab

„Gibt es irgendwelche andere in Ostdeutschland veröffentlichte Studien, die ich nicht kenne?“, schrieb Walter Grab, ein in Wien geborener israelischer Historiker, im August 1971 an seinen Ostberliner Kollegen Heinrich Scheel. „Die Professoren Steine und Markov kannten keine“, fuhr er fort, „aber hier sind Sie die höchste Autorität.“ Mit „hier“ meinte Grab Ostdeutschland. Als er zum ersten Mal das Feld historischer Forschung betrat, das sich dem Studium der deutschen Jakobiner widmete, betrachteten ihn seine Kollegen als einen Repräsentanten des Westens, wenn nicht gar einen echt westdeutschen Historiker. Einige sprachen ihn persönlich als den Initiator westdeutscher Forschung zu den deutschen Jakobinern an. Schließlich war das nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt, bedenkt man, dass Grab seine Arbeiten ausschließlich auf Deutsch veröffentlichte und dass sein Fachgebiet bis in die frühen 1960-er Jahre in der westdeutschen akademischen Welt kaum existierte. Offenbar musste das Feld erfunden oder zumindest wieder eingeführt werden, sollte es nicht ein ausschließlich ostdeutsches Forschungsunternehmen bleiben.

Grab selbst konnte seine etwas solistische Positionierung innerhalb des westlichen Kontextes nicht leugnen, er fand sogar Nutzen darin. „Es gibt in diesem Bereich in der Bundesrepublik keine echten Experten“, schrieb er dem jungen deutschen Forscher Helmut Haasis, der Ende der 1960-er Jahre seine Hilfe und Zusammenarbeit als Wegbereiter in dem Forschungsfeld suchte. Sicherlich betrachtete er sich als den richtigen Mann für die Aufgabe. „Ist es nicht auch natürlich, dass ich, selbst ein Opfer von Verfolgung, der erste bin, der das Studium der Jakobiner in der Bundesrepublik ankurbelt?“, sinnierte er später nach. Grabs Positionierung war tatsächlich ungewöhnlich: Ein vertriebener Historiker für deplatzierte Geschichte. Einer, der sich selbst, wie Dan Diner vermerkte, als ein im Land der Juden exilierter Jude betrachtete und sich nach den Wellen der Revolution voll und ganz dem Wiederfinden der Wurzeln fehlgeschlagener Versuche widmete, im späten 18. Jahrhundert und frühen 19. Jahrhundert eine demokratische Tradition in Deutschland einzurichten.

Heinrich Scheel

Grab gewann erstmals Anerkennung als Dokumentator des Einflusses und der Folgen der französischen Revolution in Deutschland, nachdem 1966 sein Buch über die norddeutschen Jakobiner erschien (Demokratische Strömungen in Hamburg und Schleswig-Holstein zur Zeit der Ersten Französischen Republik). Dabei handelte es sich um eine Ausarbeitung seiner Dissertation, die er kurz zuvor (im Alter von 46) an der Universität Hamburg unter Betreuung durch den damals umstrittenen Fritz Fischer abschloss. Als er seinen Doktortitel erhielt, war in Ostdeutschland die Forschung zu den Auswirkungen der französischen Revolution in Deutschland, deutsche Jakobiner und Dämagogen sowie frühe deutsche revolutionäre Literatur und Theater durch Historiker und Literaturforscher wie Walter Markov, Gerhard Steiner, Karl Obermann, Helmut Bock und Hedwig Vogt recht gut etabliert. Vor allem das Studium der deutschen Jakobiner war mit der Person Scheels verbunden, einem Historiker, der der herrschenden sozialistischen Partei des Einparteienstaats verpflichtet und langjähriges Mitglied der ostdeutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin war. 1962 veröffentlichte Scheel einen umfangreichen Band über die süddeutschen Jakobiner und verdiente sich seinen Platz als Experte in einem kaum ausgefüllten Feld. Grab, der trotz ideologischer Differenzen die Pionierrolle ostdeutscher Forscher beim Studium der frühen revolutionären Demokratie anerkannte, baute enge Kontakte mit allen maßgeblichen Persönlichkeiten in seinem Fachgebiet auf, darunter Scheel. Angesichts der traurigen Realität der Rivalitäten im Kalten Krieg war das nicht sonderlich üblich. Wiederholt bestand er gegenüber seinen westdeutschen Kollegen darauf, dass ohne die Zusammenarbeit mit ostdeutschen Forschern und ohne Bekanntschaft mit exklusiven Materialien in ostdeutschen Archiven im Studium einer vernachlässigten deutschen demokratischen Tradition kein ernsthafter Fortschritt gemacht werden konnte.

Bei der Katalogisierung von Grabs persönlichem Archiv für die Nationalbibliothek in Jerusalem als Teil eines gemeinschaftlichen Forschungsprojekts, durchgeführt vom Franz Rosenzweig Research Centre und dem Deutsches Literaturarchiv in Marbach, stieß ich auf aufschlussreiche Fußstapfen eines angeblichen Ost-West-Austausch-Vorhabens. Diese Spuren, die eine Verwicklung politischer Zwänge, ideologischer Verpflichtungen und professionellen Profits hervorhoben, lieferten ein größeres Bild der Beziehungen zwischen dem Deutsch sprechenden, ehemals kommunistisch angehauchten israelischen Historiker und seinen ostdeutschen Kollegen, vervollständigt durch institutionelle Korrespondenz, die im historischen Archiv der Universität Tel Aviv verblieb. Besonders interessant ist diesbezüglich seine Korrespondenz mit Scheel. In der Zeit, als Grab erstmals auf der akademischen Bühne erschien, war der nur wenig ältere Scheel weit versierter im Studium einer zerschlagenen deutsch-demokratischen Vergangenheit. Trotzdem gelang es Grab die geographische Teilung in ihren Studienbereichen (Scheel war „verantwortlich“ für Süddeutschland, Grab für die nördlichen Teile), zusammen mit Scheels geopolitischer und kultureller Isolation zu nutzen, um die Machtbalance zwischen ihnen auszugleichen und entsprechend zu handeln.

Ein Brief Grabs an Scheel, Oktober 1972 (im Original kann man diese Bilder vergrößern)

Die Partnerschaft zwischen den beiden begann 1963. Sie trafen sich in Ostberlin und Scheel bot seinem israelischen Kollegen umfangreiche Hilfe bei der Verhandlung mit ostdeutschen Archiven an. Später offerierte Scheel sogar ein gemeinsames Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse 1967 in einem ostdeutschen akademischen Journal erscheinen sollten. Das war für Grab eine immense Gelegenheit, die aber niemals verwirklicht wurde. Genau in diesem Jahr verschärfte sich die ostdeutsche Politik gegenüber Israel nach dem Sechstage-Krieg und der deutsche Historiker beschloss die Parteilinie nicht zu verlassen. So machte die Politik der Partnerschaft einen Erfolg schon sehr früh sehr schwierig. Trotzdem versuchte Grab für sich selbst und zum Nutzen aller Seiten sicherzustellen, dass die professionellen, politischen und ideologischen Differenzen einigermaßen beherrschbar blieben. „Ich werde mich weiterhin bemühen, Sie auf dem Laufenden über neue Publikationen im Westen zu halten“, schrieb er seinem Ostberliner Kollegen im Oktober 1972, „und wäre Ihnen dankbar, wenn auch Sie mir Informationen zukommen lassen[…] Eine Nichtbeachtung oder Unkenntnis der Forschungen drüben und hüben“, fügte er mit einer Prise Unzufriedenheit hinzu, „ist ja nur der wissenschaftlichen Erkenntnis schädlich und schafft unnötige Spannungen zwischen Wissenschaftlern, die befreundet sein sollten.“

Ein Brief Grabs an Scheel, März 1976 (im Original kann man diese Bilder vergrößern)

So willig er auch war, es gab für Grab nur begrenzte Möglichkeiten zu verhindern, dass die Weltpolitik in ihrer Partnerschaft intervenierte. Als die ideologischen Unstimmigkeiten zwischen den beiden sich gegen Mitte der 1970-er Jahre verschärfte, wurde die Last schwieriger zu tragen. Scheel, der mehr als einen Schritt zurücktrat, begann sich zu fragen, ob Grabs Arbeit über die deutschen Jakobiner nicht von westdeutschen Institutionen höherer Bildung „imperialistisch missbraucht“ würde. Grab antwortete auf diese Anschuldigung in einem Brief vom März 1976. Als Zeichen seiner Bereitschaft politische Hindernisse zu überwinden erklärte er, er hätte nichts dagegen seine Arbeiten im Journal der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin (Das Jahrbuch für Geschichte) zu publizieren und dass er keinesfalls scheuen würde kommunistische Schwellen zu überschreiten: „die Pforten des ‚Jahrbuchs für Geschichte‘ … sind mir jedoch, wie Sie, lieber Kollege Scheel, gut wissen, verschlossen, zumindest seit dem Sechstagekrieg“, schrieb er. „Diese Bereitschaft, auch in der DDR zu publizieren, unterscheidet mich zweifellos von jenen ‚systemkonservierenden‘ bundesrepublikanischen Historikern, die in der Frankfurter Rundschau Rezensionen über meine Arbeiten veröffentlichen.“ Die Korrespondenz zwischen den beiden, die kürzlich in Jerusalem ankam, ist sehr vielsagend, um Grabs einzigartige Positionierung als emigrierter Wissenschaftler und Außenseiter mit ihrem offensichtlichen zu verstehenden Nutzen und weniger offensichtlichen Grenzen zu begreifen. Einerseits gab es keine institutionellen Beschränkungen, die ihn daran hindern und abhalten konnten seine Forschungsergebnisse im Namen des Erhalts einer vereinigten Front zu bewerben. Andererseits musste Grab, der als Stimme von außen wahrgenommen wurde, seine Haltung verhandeln und die Tatsache akzeptieren von beiden Seiten ideologisch „markiert“ zu sein, damit man ihn als legitimen Teilnehmer auf einem höchst aufgeladenen Spielfeld historischer Forschung betrachtete.

Walter Grabs Archiv wird in der Nationalbibliothek Israels bewahrt.

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