Sah so der erste Tempel aus?

Ein wunderschönes Buch mit einer Sonderwidmung von Baron Edmond de Rothschild zeigt uns die Korridore des Tempels in Jerusalem

Amit Naor, the Librarians, 24. Februar 2020

Im Lager der Stadtverwaltung der nordisraelischen Stadt Rosch Pina lag Jahre lang ein einzigartiges Buch, dessen kunstvolle Illustrationen und französischer Text von allen ignoriert wurden. Es würde immer noch dort liegen, wäre nicht eines Tages die Archivarin der Stadt, Hanna Chopin, darüber gestolpert. Sobald sie anfing die Seiten durchzublättern, wusste Chopin sofort, dass sie ein sehr besonderes Buch in Händen hielt.

Wie besonders ist dieses Buch genau? Soweit wir wissen, gibt es auf der ganzen Welt nur fünf dieser Art. Ein Exemplar befindet sich im berühmten Louvre in Paris, ein weiteres in den Schatzkammern der Familie Rothschild, ein drittes ist hier in der Sammlung Eran Laor in der Nationalbibliothek Israels zu finden. Das vierte ist in Rosch Pina du das fünfte findet sich in der Stadt Zichron Ya’akov.

Die seltenen Bücher wurden den jüdischen Siedlungen von Rosch Pina und Zichron Ya’akov von Baron Edmond de Rothschild Ende des 19. Jahrhunderts geschenkt. Man weiß nicht, ob es weitere Exemplare gibt, die anderen jüdischen Landwirtschaftssiedlungen geschenkt wurden, die der Baron gründete. Hier erzählen wir die Geschichte des Exemplars, das sich derzeit im Archiv von Rosch Pina befindet. Das Buch beinhaltet die folgende Widmung: „Gewidmet der Kolonie Rosch Pina von Sir Baron Edmond de Rothschild, Paris, 21. September1898.“ Es ist unklar, warum die Geschenke geschickt wurden oder zu welcher Gelegenheit. Fakt ist: Wir wissen sehr wenige über diese Bücher. Wir können Ihnen jedoch sagen, dass das Buch, nachdem es in seinem heruntergekommenen Zustand von Frau Chopin in Rosch Pina gefunden wurde, 2013 im Labor der Nationalbibliothek mit Hilfe des Büros des Premierministers restauriert wurde. Später wurde es wieder ins Archiv von Rosch Pina gebracht, wo es bis heute verblieben ist.

Was ist so besonders an diesem Buch, das es so wichtig macht es zu restaurieren und erhalten? Nun, zuerst gilt allgemein: Wenn Baron Rothschild es dir geschenkt hat, dann ist es vermutlich eine gute Idee es in gutem Zustand zu halten und es sogar stolz auszustellen, nur für den Fall, dass er beschließt vorbeizukommen. Zweitens ist es, wie bereits erwähnt, eine einzigartige Arbeit, von der es weltweit nur eine Hand voll gibt. Und zuletzt beinhaltet das Buch anschauliche Illustrationen des bedeutendsten architektonischen Baus der jüdischen Geschichte: des Tempels.

Ein Blick von oben – der Tempel und der Tempelberg, zur Verfügung gestellt von Archiv von Rosch Pina.

Das Buch wurde von zwei französischen Wissenschaftlern geschrieben: Charles Chipiez und George Perrot. Chipiez war Architekt und Architekturhistoriker; Perrot war Archäologe. Sie schrieben gemeinsam eine Reihe von Büchern, die sich der Geschichte der antiken Welt widmeten: Assyrien, Persien, Ägypten, Rom, Griechenland und natürlich – Judäa und seine Umgebung. Die meisten ihrer Erkenntnisse zum jüdischen Tempel – der für sie ein architektonischer Meilenstein in der Weltgeschichte war – wurden in einem 1889 in Frankreich gedruckten Buch veröffentlicht, „Le Temple de Jerusalem et la Maison de Bois-Liban“ (Der Tempel von Jerusalem und das Haus des Libanon-Waldes). Rotschild, der ein besonderes Interesse an Jerusalem und dem Tempel hatte, entdeckte das Buch, als es bei einer Ausstellung in Paris gezeigt wurde und kaufte sofort eine Reihe Exemplare, die ihren Weg in die Bauernkolonien im Land Israel fanden, die ihm so sehr am Herzen lagen.

Aufstieg zum Tempel, zur Verfügung gestellt vom Archiv von Rosch Pina.
Sicht aus verschiedenen Winkeln, zur Verfügung gestellt vom Archiv von Rosch Pina.

Das Highlight des Buches ist sein Anhang – große, prachtvolle Illustrationen des Tempels und des „Haus des Libanon-Waldes“, gebaut von König Salomo wie es im Ersten Buch Könige steht. Das erste Kapitel von Chipiez‘ und Perrots Buch beschreibt die Geschichte des Tempels, die ihn umgebenden Gebäude und die örtliche Topografie. Im zweiten Kapitel erklären die Autoren, welche Quellen sie nutzten, um das Erscheinungsbild des Tempels zu wiederzugeben. Das dritte Kapitel beschreibt den Tempel selbst gemäß der Verse aus dem Buch Hesekiel und das vierte und letzte Kapitel beschreibt das, was die Autoren für den Palast des Königs von Judäa halten (den Palast des Libanon-Waldes) – nach ihrem eigenen Wissen. Die Autoren nahmen zudem Skizzen der architektonischen Elemente wie Säulen, Kuppeln und Hauptstädte auf.

Das Haus des Libanon-Waldes, zur Verfügung gestellt vom Archiv von Rosch Pina.

Dr. Smadar Sinai, eine Historikerin und die Direktorin der Rosch Pinal Restaurations-Gesellschaft, sagt, Baron Rothschild habe ein besonderes und verständliches Interesse an Jerusalem und dem Tempel gehabt. Nach Angaben von Dr. Sinai entstammte dies seiner traditionellen jüdischen Bildung sowie dem wachsenden Interesse am wissenschaftlichen Studium der Bibel während des späten 19. Jahrhunderts. Andere Belege legen nahe, dass der Baron auf den Ruinen des Tempels eine „Halle“ bauen wollte und von Architekten sogar Pläne erwarb, um moderne und antike Elemente in den Bau eines großen Gebäudes zu integrieren. Der türkische Sultan lehnte das ambitionierte Projekt aus offensichtlichen Gründen ab.

Die „Halle“ im Tempel, zur Verfügung gestellt vom Archiv von Rosch Pina.

Träumte Rotschild wirklich davon den Tempel an seiner Originalstelle wiederherzustellen? Hatte er vor architektonische Anweisungen für den Bau des dritten Tempels zu veröffentlichen? Mochte er das Buch einfach wegen seiner einzigartigen Kunst? Derzeit kennen wir die Antworten auf diese Fragen nicht. Aber dank des Archivs von Rosch Pina und der Projekts Archivnetzwerk Israel können wir das Buch heute immer noch genießen.

Wer das Archiv von Rosch Pina und das ganze Buch auf der Internetseite des Archivnetzwerks Israel möchte, kann das hier tun.

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit dem Archiv von Rosch Pina und mit der Hilfe seines Direktors Yehoshafat Pop erstellt.