Als Israelis für Rationen Schlange standen

Finden Sie es schwierig Eier und Toilettenpapier zu bekommen? Die Coronavirus-Krise erinnert an die frühen Tage des Staates Israel, als eine Zeit der Einschränkungen eingeführt wurde.

Amit Naor, Land of Israel, 22. April 2020

Während der Zeit von Israels Sparsamkeit – „tzena“ – dachte niemand an „social distancing“; Isarels stehen an, um Lebensmittelrationen zu erhalten (Foto: Hans Pinn, GPO)

Das Wort „Entbehrung“ ist im Verlauf in etwa des letzten Jahrzehnts üblich geworden, besonders in der Finanzpresse. Es hat seine große Auferstehung während der weltweiten Wirtschaftskrise von 2008 sowie der folgenden europäischen Schuldenkrise erlebt. Das hebräische Wort für „Entbehrung“ – tzena – hat für viele Israelis einen etwas anderen Beiklang. Manche unserer Leser könnten von der „Tzena-Ära“ während der frühen Jahre des Staates Israel gehört haben, aber was, abgesehen von ein paar seltsamen Verweisen in lokalen Kultfilmen, wissen wir wirklich von dieser Zeit? Wir stocherten durch die Archive der Nationalbibliothek, um ihnen ein paar Anblicke – und Aromen – des Israel der Entbehrung zu bringen.

Während des ersten vollen Jahrzehnts der Existenz des Staates richtete eine Wirtschaftspolitik der Sparsamkeit – tzena – ein. Wird er heute verwendet, bezieht sich der Begriff hingegen oft auf die ersten wenigen Jahre, in der die Politik in die Tat umgesetzt wurde, als ihr Einfluss extrem spürbar war. Obwohl die Politik Wirtschaftsmaßnahmen in vielen Bereichen einschloss, ist der heute ist der heute denkwürdigste Aspekt die Lebensmittelrationierung. Die Preise für Lebensmittelprodukte waren reguliert und wurden beobachtet und die Bürger durften nur begrenzte Mengen an Lebensmittel kaufen, die sie im Tausch für Coupons erhielten.

„Zahlen Sie nicht mehr als den angegebenen Preis“- Ein Beispiel für das monatliche (Dezember) Lebensmittel-Menü, das Bürger Israels kaufen durften – „Weißer Zucker, Margarine, Bauernhofeier…“ Sammlung historischer Plakate in der Nationalbibliothek Israels

Tatsächlich ging die Produktrationierung über Lebensmittel hinaus und erstreckte sich auch auf Möbel und Kleidung. Israelische Firmen wie „Lodjia“ und „Ata“ produzierten Kleidung, die im Tausch für Rationierungsmarkens verteilt wurde undbestimmten die wenigen Modetrends des Landes in den 1950-er Jahren.

Anprobieren von Kleidung in der tzena-Zeit: Foto von Beno Rothenberg, Meitar-Sammlung

Und jetzt zu einem Abschnitt mildernder Umstände: Damals war die israelische Regierung nicht nur die einzige Regierung der Welt, die ein System der Sparsamkeit oder Rationierung beschloss, für die es mehrere Begründungen gab. Zuerst erholte sich Israel immer noch von dem strapaziösen Unabhängigkeitskrieg von 1948 (während dem Lebensmittelprodukte ebenfalls verteilt und limitiert waren). Zweitens – und das war vielleicht das wichtigste Thema, war die Regierung extrem besorgt, dass der Staat ohne Rationierung nicht in der Lage sein würde allen neuen Zuwanderern, die damals in großen Wellen kamen, Lebensmittel und Kleidung zur Verfügung zu stellen – die meisten von ihnen kamen völlig ohne jeden Besitz. Darüber hinaus wollte die Regierung die Lebenshaltungskosten über Rationierung verringern, um große wirtschaftliche Unterschiede in der Gesellschaft zu verhindern.

Eine Ausstellung von Produkten, auf die alle Bürger ein Recht hatten. Foto: Beno Rothenberg, Meitar-Sammlung
„Rationierung sichert Lebensmittel für alle“ – ein Propaganda-Plakat der Regierung, das für Sparsamkeit wirbt. Sammlung historischer Plakate in der Nationalbibliothek Israels

Und so mussten die israelischen Bürger ihre Lebensmittelmarken nehmen, Punkte ausrechnen und sich beim Lebensmittelladen melden, in dem sie registriert waren. Sie erhielten Öl, Zucker, Margarine und Reis und verwöhnten sich vielleicht einmal die Woche mit Fleisch und vielleicht zweimal im Monat mit Fisch. Gelegentlich erhielten sie Eier, Schokolade, 100g Käse oder getrocknete Früchte. Infolge der Lage gab es oft Engpässe und Kunden konnten nicht immer die von ihnen gewünschten Lebensmittelprodukte erhalten. Die bescheidene Auswahl zwang die Bürger kreativ zu werden, wenn sie ihre Mahlzeiten kochten und es gab andere, die ihnen zu Hilfe kamen: Kochguru der Zeit war Lillian Kornfeld; die brachte ein Kochbuch heraus. Die Organisation WIZO stellte eine Ausstellung zusammen, in der „Sparsamkeits-Gerichte“ gezeigt wurden. Die Regierung versuchte ihrerseits die Menschen von den Wundern des Eipulvers zu überzeugen.

„Segne meinen Kamm! Es gibt wirklich keinen Unterschied zwischen einem frischen Ei und einem pulverisierten Ei – abgesehen vom Preis und der Schale! Eierpulver ist billiger. 2 Teelöffel Eierpulver + 2 Teelöffel Wasser = 1 Ei“. Sammlung historischer Plakate in der Nationalbibliothek Israels
„Kaffee ist aus!“ Ein Schild an der Tür eines Kaffeehauses 1949. Foto: Beno Rothenberg, Meitar-Sammlung

Infolge der Knappheit an Grundnahrungsmitteln kam zusammen mit dem Regulierten Preissystem schnell ein grauer und ein Schwarzmarkt auf. Immigranten, die Lebensmittelmarken erhielten, verkauften diese für Geld auf dem grauen Markt. Qualitätsprodukte fielen allmählich in die Hände von gerissenen Händlern, die den Schwarzmarkt gründeten, auf dem Bürger plötzlich Eier und Fleisch, Butter und Schokolade bekommen konnten. Die Regierung versuchte den Parallelmarkt zu bekämpfen, der unter ihrer Nase aus dem Boden schoss und führte aggressive Öffentlichkeitskampagnen durch, die ihn angriffen. Die Behörden richteten auch einen Durchsetzungsmechanismus ein, der Wohnungssuchen und persönlichen Besitz einschloss, ein Versuch den Schwarzmarkt zu eliminieren.

„Der Schwarzmarkthändler ist dein Feind! Der Schwarzmarkt ist deine Katastrophe!“ Ein Propaganda-Plakat der Regierung zielt gegen den Schwarzmarkt. Sammlung historischer Plakate in der Nationalbibliothek Israels.
Ein Kind verkleidet in ein „Schwarzmarkt“-Kostüm während eines Kostüm-Wettbewerbs in Tel Aviv 1951. Foto: Beno Rothenberg, Meitar-Sammlung

Allmählich sorgte die restriktive Rationierungspolitik für zunehmenden Groll bei Israels Bürgern. Die Öffentlichkeit sammelte langsam Geld, das sie ausgeben konnte. Die Bürger konnten ihr Geld nicht so verwenden, wie sie wegen des Sparsamkeits-Systems wollten. Im Sommer 1950 brach unter Händlern ein Generalstreik aus, die eine Änderung der Regierungspolitikforderten. Kleidung und Schuhwerk-Geschäfte, Cafés und Restaurants schlossen allesamt ihre Türen.

Ein Mann liest ein Schild, das einen Geschäftsstreik verkündet. Foto: Beno Rothenberg, Meitar-Sammlung

Die zivile Verstimmung breitete sich schnell in die politische Arena aus. Die Regierungspartei „Mapal“ unterstützte die Politik allerdings; sie argumentierte, dass sie ein notwendiges Übel war, um Massenimmigration zu verkrafte, aber ihre politischen Rivalen zögerten nicht, das Sparsamkeitssystem anzugreifen. Die bekannteste Partei im Kampf gegen die Rationierung war die Partei des Allgemeinen Zionismus. Bei der Knesset-Wahl führte sie ihren Wahlkampf unter der Parole „Lasst uns leben in diesem Land“. Der erfolgreiche Wahlkampf positionierte die Partei als Hauptkonkurrenten der Mapai und sie gewann 20 Sitze – ihre größte Leistung in der Geschichte des Staates.

Plakate für die Sparsamkeit bei der Parade zum 1. Mai. Foto: Beno Rothenberg, Meitar-Sammlung
„Keine Rückkehr zu Rationen! Kein Anstellen mehr!“ – ein Wahlkampfplakat der Partei „Allgemeiner Zionismus“, Sammlung historischer Plakate an der Nationalbibliothek Israels.

Die Rationierungspolitik wurde offiziell 1959 beendet, aber noch vorher wurden die Einschränkungen verändert. Verbesserung an der wirtschaftlichen Lage Israels, ziviler Widerstand, untragbare Bürokratie und der Schwarzmarkt, der die Sparsamkeit irrelevant machte, führten allesamt zu Veränderungen in der Politik. 1952 führten Finanzminister Eliezer Kaplan und sein Nachfolger Levi Eschkol ein Programm namens „Neue Wirtschaftspolitik“ ein und unternahmen den ersten Schritt zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Bürger Israels. Trotzdem sagen machen im Rückblick, dass die Sparsamkeit eine große Leistung war: Dank der unbeliebten Maßnahmen schaffte es Israel, ein junger Nachkriegsstaat, seine Wirtschaft zu entwickeln und Millionen Immigranten aufzunehmen – ohne zu verhungern.