Israels erste Unabhängigkeitstag und die „Parade, die nicht paradierte“

Wie sah Israels Unabhängigkeitstag aus, bevor es einen Unabhängigkeitstag gab?

Amit Naor, the Librarians, 14. April 2021

Foto: Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels

Wie wird ein Nationalfeiertag aus dem Nichts geschaffen? Nun, eine Methode sind Gesetze.

Israels Gesetz zum Unabhängigkeitstag aus dem Jahr 1949 legte das Datum für den Unabhängigkeitstag als dem 5. Des hebräischen Monats Iyar fest, wobei auch dafür festgesetzt wurde, dass der Feiertag um einen Tag nach vorne oder hinten verlegt wird, falls der 5. auf einen Sabbat fällt. Außerdem bevollmächtigte das Gesetz den Premierminister „die Symbole des Unabhängigkeitstags festzulegen“ und sogar „Anweisungen zum Schwenken von Flaggen und zu Feierlichkeiten zu geben“.

Die Frage, wie Israels Unabhängigkeitstag auf die Art gefeiert wird, wie wir sie heute kennen, ist kmoplex und wir könnten das durchaus in der Zukunft behandeln, aber im Moment wollen wir zum 5. Iyar zurückkommen, dem im hebräischen Jahr 5709 (1949), nur ein paar Wochen, nachdem das Gesetz verabschiedet wurde.

Chaos war an der Tagesordnung.

Um völlig ehrlich zu sein: Dieser 5. Iyar war nicht wirklich der „erste Unabhängigkeitstag“, der in Israel gefeiert wurde. Ihm ging der „Staatstag“ voruas, der am 20. Tammuz  (27. Juli) 1948 stattfand – nur ein paar Wochen nachdem Israels Unabhängigkeit erklärt wurde. Das Datum wurde gewählt, weil es der Jahrestag des Todes von Theodor Herzl war und die Obrigkeit Herzls Vision und den gerade gegründeten neuen Staat Israel miteinander verbinden wollte. Die Hauptveranstaltung am „Staatstag“ war die allererste Militärparade, die die junge IDF durchführte.

Ein Soldat trägt während der IDF-Parade in Tel Aviv an Israels erstem Unabhängigkeitstat 1949 die Nationalflagge.
Foto: Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels

Aber zurück zu dem anderen „ersten Unabhängigkeitstag“ – dem 5. Iyar 5709, der auf den 4. Mai 1949 fiel. Wie sollten die Leute den Unabhängigkeitstag überhaupt feiern? Niemand wusste das genau, aber ein paar Dinge könnten als selbstverständlich gelten, darunter Volkstanz auf der Straße (was die Menschen an die jubelnden spontanen Feiern nach der Abstimmung über den UNO-Teilungsplan Ende November 1947 erinnerte). Es wurden Pläne für Feiern in Städten und Orten im ganzen Land gemacht, darunter Lichtspiele, Flaggenschwenken, Konzerte städtischer Orchester, Fackelparaden und verschiedene Kundgebungen und Märsche.

Am Vorabend des Feiertags hielt Premierminister David Ben-Gurion eine besondere Rede zum Unabhängigkeitstag, die am nächsten Tag in den Zeitungen veröffentlicht wurde. Viele der Veranstaltungen beinhalteten ein Gedenkgebet für gefallene Soldaten, weil Israel noch keinen offiziellen Tag für ihr Gedenken hatte. Ben-Gurion bewirtete in seinem Büro im IDF-Hauptquartier in Tel Aviv Honoratioren aus dem Ausland bei einem besonderen Empfang zum Unabhängigkeitstag.

David Ben-Gurion und seine Frau Paula bewirten Würdenträger bei einem Empfang zum Unabhängigkeitstag.
Foto: Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels

Aber es gab wenig Zweifel, was den geplanten Höhepunkt des Tages angeht – eine weitere Militärparade „unserer siegreichen Befreiuungsarmee“, den Israelischen Verteidigungskräften – was sonst? Es wurden nicht nur ein, sondern zwei Paraden geplant, in Jerusalem wie auch in Tel Aviv. Die Parade in Jerusalem verlief ohne größeren Vorfall, aber die große Story von Israels ersten Unabhängigkeitstag war die umstrittene Parade in Tel Aviv.

Menschenmenge auf den Straßen von Tel Aviv. Foto von Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels
Ein Flugzeug fliegt über die Menschenmenge. Foto von Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels

„Die Parade, die nicht paradierte“, brüllte die hebräische Schlagzeile in Ma’ariv am nächsten Morgen. Der Name blieb hängen und bis heute erinnert man sich daran. Anfangs schien alles in Ordnung zu sein. Repräsentanten der verschiedenen IDF-Einheiten marschierten die Straßen entlang: Marine, Sanitätstruppe und Veteranen der vorstaatlichen Organisation Haganah zeigten allesamt ihre Waffen. Jüdische und drusische Soldaten marschierten stolz Seite an Seite. Militärjeeps und Artillerie wurde von den Zuschauern mit Jubel begrüßt, während eine Handvoll Militärflugzeuge darüber flogen – alles, was die israelische Luftwaffe damals hatte. Und natürlich sollte es keine Parade ohne Militärkapelle sein!

Veteranen der Haganah bei der Parade. Foto: Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels
Marsch mit Flagge am Dizengoff-Platz. Foto: Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels
Drusische Soldaten bei der Parade. Foto: Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels

Aber gegen 4 Uhr, als die Marschierenden an der auf der Dizengoffstraße erreichteten Haupttribüne ankommen sollten, um die israelische Führung zu grüßen, hatte bereits Gerüchte begonnen die Runde zu machen – die Parade war abgesagt worden! „Die Menschen standen da und schrien. Wie Kinder“, schrieib Ma’ariv-Chefredakteur Dr. Ezriel Carlebach. Die Parade schaffte es schlicht nicht zur Haupttribüne auf der Dizengoffstraße, weil Massen die Ecke Allenbystraße und Ben-Yehuda-Straße überfüllt war.

Carlebach beschrieb die Szene: „Als ihr [der Menge] zu dritten Mal gesagt wurde, dass sie [die Parade] nicht kommen würde, weil sie keinen Weg vom Mughrabi-Platz auf die Idelsonstraße freimachen konnte, eine Strecke von 200 Metern – sie konnten das einfach nicht glauben. Es konnte nicht wahr sein. UNSERE Armee? Die Armee, die den langen Weg bis nach Eilat geschafft hatte, die leicht hätte in Damaskus einmarschieren können, war jetzt nicht in der Lage es bis zur Ben-Yehuda-Straße zu schaffen? Lächerlich, idiotisch.“

Eine Kanone wird durch Tel Aviv paradiert. Foto: Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels

Die gigantische Menschenmenge, die gekommen war um die Parade zu sehen, war auf die Straßen übergequollen und blockierte den Weg der Marschierenden. Alle Versuche der Polizei die Straßen zu öffnen scheiterten erbärmlich. Schließlich hatten die Organisatoren keine andere Möglichkeit mehr als die Parade abzusagen, bevor die Menge sich bitter enttäuscht langsam zerstreute. Ein ranghoher IDF-Offizier vor Ort wurde in der Zeitung Herut zitiert: „Die israelischen Verteidigungskräfte schafften es alles zu erobern außer den Straßen von Tel Aviv.“

Im Rückblick scheint es so, dass organisatorisches Versagen zu dem Debakel führte. Die Behörden sahen offensichtlich die schiere Menge nicht voraus, die kam um dem Spektakel zuzusehen. Berichte führten Menschenmengen in den Hunderttausenden an – in einem Land mit einer Bevölkerung von rund 600.000 Menschen. Am nächsten Tag berichteten die Zeitungen bereits, dass eine Untersuchungskommission eingerichtet sei, die  die Gründe für das Fiasko untersuchen sollte.


Polizisten versuchen die Straßen für den Umzug zu räumen. Foto: Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels

Ein militärischer Polizei-LKW versucht einen Weg durch die Menge zu bahnen. Foto: Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels.

Polizisten versuchen die Menge zu blockieren, bevor sie auf die Straße überquillt. Foto: Beno Rothenberg, Meitar Collection, Nationalbibliothek Israels

Nach der Peinlichkeit um die Parade in Tel Aviv wurde beschlossen, am 17. Juli 1949 noch eine „Staatstag“-Feier zu veranstalten. Eine weitere Parade wurde organisiert, diesmal in kleinerem, bescheidenerem Ausmaß, um den nicht beendeten Umzug wiedergutzumachen und zu beenden. Das war das letzte Mal, dass Israels Unabhängigkeit an Herzls Todestag gefeiert wurde und der 5. Iyar wurde später als offizieller Unabhängigkeitstag des Staates Israel festgelegt. Die Praxis Israels Gedenktag auf den Tag vor dem Unabhängigkeitstag zu begehen, begann 1951. Das war zudem das erste Jahr der traditionellen Feier der Fackelentzündung auf dem Herzlberg in Jerusalem. Die Feier zum Israel-Preis wurde erstmals am Unabhängigkeitstag 1953 veranstaltet und der erste Internationale Bibelwettbewerb gab es am zehnten Geburtstag des Staates Israel 1958.

Langsam aber sicher, Jahr auf Jahr, hat Israels Unabhängigkeitstag sich in die nationale Feier entwickelt, die wir heute kennen.

Alle hier gezeigten Fotos sind dem Archiv von Beno Rothenberg entnommen, das Teil der Meitar Collection in der Nationalbibliothek Israels ist. Rothenberg dokumentierte viele Aspekte von israelischer Gesellschaft, Kultur und Leben während der ersten Jahrzehnte des Staates. Sie können weitere Beispiele seiner fotografischen Arbeit hier, hier und hier ansehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.