Juden und Jerusalem – eine Liebesgeschichte

Am Jerusalem-Tag wird das jüdische Dankgebet gesungen, um unserer tiefen Dankbarkeit und Freude Ausdruck zu geben, dass wir unsere Hauptstadt wiederhergestellt und wieder vereint haben.

Yonina Pritzker, Israel HaYom, 4. Mai 2021

Die Bindung zwischen der Stadt Jerusalem und dem jüdischen Volk geht tief. Diese Liebe îst tief und wird durch die 4.000 Jahre jüdischer Geschichte hindurch in einer Unzahl von Arten zum Ausdruck gebracht.

Der Tempelberg in der heiligen Stadt Jerusalem ist der heiligste Ort des Judentums und bis heute wendet sich jeder Jude ihm zu um zu beten.

Wir dämpfen unseren glücklichsten Moment – die Feier einer Braut und eines Bräutigams – mit Erinnerungen an die tragische Zerstörung unseres antiken Tempels, wenn wir unter der Chuppah (Trau-Baldachin) „Im eschkahech yeruschalayim, tischkach yemini“ sagen: „Wenn ich dich vergesse, o Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand verdorren…“ (Psalm 137,5)

Und wir schließen uns tief gehender persönlicher Traurigkeit auf einer Beerdigung mit der der Trauernden um unser zerstörtes Jerusalem, Zion, an, wenn wir sagen: Hamakom yinahem etchem b’tcoh scha’ar avelei tzion v’yeruschalayim“ – Möge Gott euch gemeinsam mit allen um Zion und Jerusalem Trauernden trösten.

Einige unserer frühesten Erfahrungen als Nation betreffen Jerusalem. Aus biblischen Zeiten erfahren wir von König David, dass er freudig tanzte, als er die Bundeslade Gottes nach Jerusalem, in die Stadt Davids, brachte. Die Stadt Hebron war zwar die erste Hauptstadt Israels, aber es war David, der später Jerusalem als Hauptstadt der gesamten Nation einrichtete.

König Salomo baute und weihte den ersten Tempel in Jerusalem mit großem Prunk ein. Die Nation sollte zu heiligen Festen die Pilgerreise und den Aufstieg nach Jerusalem machen.

Dann geschah das Undenkbare: Die Babylonier zerstörten unseren kostbaren Tempel: „An den Strömen von Babylon, da saßen wir und weinten, als wir an Zion dachten. … Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht mehr gedenke, wenn ich Jerusalem nicht erhebe über die höchsten meiner Freuden.“ (Psalm 137,1+6)

Fast 50 Jahre später geschah die gefeierte Rückkehr in unsere geliebte Stadt: „So spricht Kyros, der König von Persien: … Wer immer von euch aus seinem Volk ist – sein Gott sei mit ihm, und er ziehe hinauf nach Jerusalem, das in Juda liegt, und er baue das Haus des HERRN.“ (Esra 1,2-3).

Das jüdische Volk lebte und feierte Gottesdienste als freie und souveräne Nation im Land Israel seit Josua das Land mit den Israeliten betrat, bis die Babylonier den heiligen Tempel in Jerusalem 586 v.Chr. zerstörten. Siebzig Jahre später bauten die Juden den Tempel wieder auf, der dann Jahrhunderte lang stand, bis die Römer ihn im Jahr 70 n.Chr. zerstörten.

Bis heute ist Tischa B’Av im hebräischen Kalender, der die Zerstörung des ersten wie des zweiten Tempels in Jerusalem gedenkt, für das jüdische Volk ein Tag nationaler Trauer. Wir begehen diesen Tag als Fastentag. Wir tragen keine Lederschuhe, wir sitzen auf dem Boden, während das Buch der Klagelieder gesungen wird.

Durch jede Form der Vertreibung und Zwangsexils betete das jüdische Volk um die Rückkehr in sein Land, erwähnte Israels und Jerusalems in den täglichen Gebeten und erfüllte jeden Anlass im Lebenszyklus und jede festliche Feier mit der Sehnsucht nach Schiwat tzion, einer „Rückkehr nach Zion“, in das Land seiner Vorfahren. Dort sollten sie sich mit dem Schiwat Yisrael wiedervereinen dem Rest des Volks Israel, der seit uralten Zeiten bis heute im Land verblieben war.

Aus dem Spanien des 12. Jahrhunderts, schrie Yehuda Halev: „Libi b’mizrach, va’ani b’solf ma‘arav“ – Mein Herz ist im Osten, obwohl ich am Ende des Westens bin.

Juden haben die Jahrhunderte hindurch von Jerusalem gesprochen und sich danach gesehnt.

Im 19. Jahrhundert stellte der Arzt und Schrifsteller William R. Wilde fest: „Es spielt keine Rolle, wie der Status eines Juden aussieht und welchen Rang er hat oder wie weit weg das Land ist, in dem er lebt. Er lebt immer in der Hoffnung, dass er eines Tages nach Zion hinaufgehen wird… Wenn er sich der Stadt nähert … zieht er seine festlichste Kleidung an und sinkt mit dem Gesicht auf den Boden, weinend und betend, weil er das ersehnte Ziel seiner Pilgerreise erreicht hat. … Kein Sohn, der nach einer langen Abwesenheit nach Hause zurückkehrt, empfindet eine leidenschaftlichere Sehnsucht und größere Liebe … Das ist die authentische Liebe zur eigenen Heimat.“

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts stellten Juden in Jerusalem die Mehrheit der Bevölkerung. Aber Jordanien besetze, nachdem es zusammen mit den Armeen Ägyptens, des Libanon, Syriens und des Irak 1948 einen Vernichtungskrieg gegen das neu gegründete Israel führten, Jerusalem von 1948 bis 1967. Den Juden wurde verboten sich in den Bereichen innerhalb der Mauern der Altstadt aufzuhalten, wo sich die heiligsten jüdischen Stätten befinden und wo Juden gelebt hatten, seit diese Mauern gebaut wurden.

Die Juden, die seit Mitte des vorherigen Jahrhunderts als Mehrheit in Jerusalem gelebt hatten, wurden von den Jordaniern aus ihren Heimen in Jerusalem vertrieben und die Stadt Jerusalem war zum ersten Mal in der Geschichte zweigeteilt. Synagogen wurden zerstört und jüdische Friedhöfe wurden geschändet.

Einmal mehr von feindlichen arabischen Armeen belagert, befreite Israel dann 1967 seine alte jüdische Hauptstadt, gewann sie zurück und vereinte sie wieder.

Yom Yeruschalayim, der Jerusalem-Tag, wird dieses Jahr von Sonntagabend, 9. Mai, bis Montagabend, 10. Mai begangen. Er ist ein Tag jubelnder Feiern, an dem Hallel, das jüdische Dankgebet, gesungen wird, um unsere tiefgehende Dankbarkeit und Freude auszudrücken Jerusalem, unsere Hauptstadt, wiederhergestellt, wieder vereint zu haben.

Die Liebe des jüdischen Volks zu Jerusalem wurde die Jahrhunderte hindurch vom jüdischen Volk von der Poesie der biblischen Psalmen bis zu den Versen moderner Lieder zum Ausdruck gebracht, eins davon „Yeruschalayim Schel Zahav“ (Jerusalem aus Gold) von Naomi Schemer, ein Lied, dessen aufrüttelnde Bilder eines in seine geliebte Stadt nach Hause kommenden Volks ihm den Titel von Israels zweiter Nationalhymne eingebracht hat. Das ist das Lied, das israelische Fallschirmjäger 1967 freudig sangen, als sie die Altstadt, die Westmauer und den Tempelberg erreichten und befreiten, den Zugang für die Juden und die Souveränität der heiligsten Orte des Judentums wiederherstellten.

Wir sind zu den Zisternen zurückgekehrt
zu den Märkten und auf den Marktplatz
der Ruf eines Widderhorns auf dem Tempelberg
in der Altstadt …
Jerusalem aus Gold
und aus Kupfer
und aus Licht
Siehe, ich bin eine Lyra für all deine Lieder

An Pessach sagen Juden „L’Schana haba’ah b’Yeruschalayim“: Nächstes Jahr in Jerusalem. Wenn ein Haus gebaut wird, lassen Juden eine Ecke unvollendet, um an die Zerstörung Jerusalems zu erinnern. Die Weisen von früher lehrten, dass der Welt 10 Maße der Schönheit gegeben wurden; von diesen erhielt Jerusalem neun.

Diese Fäden der Liebe und der Sehnsucht durchziehen die Schichten unserer Geschichte und schweißen diese uralte, moderne, ewige Stadt Jerusalem, Hauptstadt des jüdischen Volks, Israels, seit mehr als 3.000 Jahren mit den Generationen von Juden zusammen, die aus Ländern rund um die Welt in die jüdische Heimat gekommen sind.

Von den Juden des Jemen über die Wellen osteuropäischer Juden, zu irakischen, russischen Juden, Juden aus Marokko, Juden aus Nordamerika und aus Südamerika, den äthiopischen Juden von Beta Israel, den Bnei Menasche aus Indien; Juden jeder Hautfarbe, die jede Sprache sprechen, die den Mosaikteppich des modernen Israel bilden. Dieses verschiedenartige, lebensprühende Volk vereint sich in unseren gemeinsamen laschon hakodesch, unserer heiligen Sprache Hebräisch und bekennt mit einer vereinten Stimme die ewige Liebe für unsere Stadt, unsere Hauptstadt Jerusalem.

Der Schrifsteller Schmuel Yosef Agnon, Nobelpreisgewinner, hielt fest: „Yeruschalayim ainah nigleit elah l’ohaveha“ – Jerusalem offenbart sich nur denen, die es lieben.

Wir lieben dich, Jerusalem, seit 4.000 Jahren und immer mehr.

Einen frohen Yom Yeruschalayim!