Jerusalem im Unabhängigkeitskrieg – in Farbe

Die Blockade Jerusalems begann während der ersten Tage des Unabhängigkeitskriegs, breitete sich von dem jüdischen Viertel der Altstadt über den Rest Jerusalems aus. Diese Farbfotos von 1948 zeigen uns, wie das Leben in der vom Rest des Landes abgeschnittenen Stadt war.

Amit Naor, the Librarians, 9. Ma 2021

Ganz zu den Wasserreservoiren während der Blockade Jerusalems. (Foto: Moshe Martin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)

Es waren die ersten Tage von Israels Unabhängigkeitskrieg und Jerusalem stand unter Blockade. Die Stadt war schon oft zuvor belagert worden. Zuerst kamen die Assyrer, dann die Babylonier, gefolgt von den Persern, den Griechen, den Römern, den Muslimen, den Kreuzrittern, den Osmanen und diese Liste ist noch nicht einmal vollständig. Doch diesmal lagen die Dinge etwas anders. Jerusalem war zum Beispiel über die Mauern der Altstadt hinaus gewachsen. Ein weiterer Unterschied war die Existenz der Kamera.

Zuerst war es nur das jüdische Viertel der Altstadt, das vom Rest der Stadt abgeschnitten war, aber schon bald erkannten die arabischen Kräfte, dass ganz Jerusalem davon abhängig war die Straße nach Tel Aviv und der Küstenebene offenzuhalten – das war die einzige Route, um entscheidende Lebensmittel und Nachschub dorthin zu bringen. Faktisch wird ein Anschlag vom 30. November 1947 auf einen Bus, der von Netanya nach Jerusalem fuhr, oft als Eröffnungsschuss betrachtet, der den Unabhängigkeitskrieg auslöste. Später wurde die Lage ernster, als Jordaniens von Großbritannien ausgebildete Arabische Legion in dem Feldzug das Kommando übernahm, gefolgt von Israels Ausrufung der Eigenstaatlichkeit im Mai 1948. Ende Mai, nach einer mehrmonatigen Belagerung, kapitulierte das jüdische Viertel der Altstadt vor den jordanischen Streitkräften, während die Blockade der Straße nach Jerusalem bestehen blieb. Die Konvois, die versuchten die Stadt (und den nahe gelegenen Etzion-Block) zu erreichen, die israelischen Militäroperationen, die versuchten die Blockade aufzuheben, die Schlacht um Castel und der Bau der alternativen „Burma Road“ zur Küste – all das bleiben bis heute Symbole des Unabhängigkeitskriegs.

Wie das Schicksal es wollte, lebte während der Blockadezeit 1947/48 ein Mann namens Moshe (Marlin) Levin in der Stadt. Levin, der in den USA geboren und aufgewachsen war, kam mit seiner Ehefrau 1947 ins Mandat Palästina. Er bekam schnell Arbeit als stellvertretender Redakteur bei der Palestine Post (die später zur Jerusalem Post wurde) und wurde später der Jerusalem-Korrespondent der Zeitung. Während des Unabhängigkeitskriegs berichtete er für die Nachrichtenagentur United Press über den Krieg. Später gründete und managte er das Büro des Magazins Time Life in Israel und arbeitete dort bis er in den 1990-er Jahren in Rente ging.

Während die Kämpfe um die Kontrolle über die Stadt und ihre Zugangsstraßen tobten, lebten Jerusalems jüdische Einwohner – damals fast 100.000 – ihr Alltagsleben weiter. Zumindest versuchten sie einen Anschein von Routine aufrecht zu erhalten. Immerhin mussten sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Levins Kamera gibt uns einen außergewöhnlichen Einblick in diese Momente – und das in Farbe!

Eine Rotkreuz-Fahne über dem Terra Sancta-Gebäude in Jerusalem. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)

Die meisten von Levins Fotos aus der Belagerung sind persönlicher Natur: In einem kann man seine Frau Batya (Betty) und ihre gemeinsamen Freunde Gershon und Ethel Agron sehen, die während des Krieges ihren Alltagsaktivitäten nachgehen. Gershon Agron war Chefredakteur der Palestine Post, wo Levi arbeitete; später wurde er Bürgermeister von Jerusalem. Selbst jemand wie Agron musste Möglichkeiten finden während der Blockade über die Runden zu kommen.

Gershon und Ethel Agron während der Blockade Jerusalems. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)

In einem der Fotos ist zum Beispiel Betty Levin zu sehen, wie sie mit der Haushälterin des Paares zu Fuß unterwegs ist, um mit Kannen und Eimern Wasser zu holen – die reguläre Wasserversorgung war abgeschnitten und die Leute mussten sauberes Wasser rationieren. Ein weiteres Bild zeigt die drei Frauen, die einen großen Wasserbehälter nach Hause tragen, eines von vielen Fotos in der Sammlung, die Jerusalems Einwohner zeigen, wie sie Wasser in Kannen tragen. Auch auf Dächern wurden Wasserbehälter installiert, um Regenwasser zu sammeln und zu lagern.

Auf dem Weg während der Blockade Jerusalems Wasser aus den Reservoiren zu holen. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)
Betty Levin, Ethel Agron und Haushälterin der Agrons tragen während der Blockade Jerusalems einen Wasserkanister. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)
Moshe Marlin Levin, der während der Blockade Jerusalems einen Kanister Wasser trägt. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)
Tanks zur Lagerung von Wassre auf Jerusalems Dächern während der Blockade Jerusalems. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)

Während der Blockade war Wasserknappheit ein ernstes Problem und ein Bild zeigt Betty Levin mit einem Mönch beim Tausch eines halben Laibs Brot gegen Wasser. Auch Lebensmittel waren knapp und in einem weiteren Foto hält Levin eine Tüte mit den Lebensmittelrationen, die sie erhielt. Und wie sah es in dieser Zeit mit dem Kochen aus? Moshe Levin fotografierte seine Frau beim Zubereiten von Essen auf einem improvisierten Ofen auf ihrem Hinterhof.

Ein halber Laib Brot im Tausch für Wasser. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)
Betty Levin und ein Mönch. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)
Betty Levin kocht während der Blockade Jerusalems auf einem improvisierten Ofen. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)
Betty Levin erhält während der Blockade Jerusalems ein Paket Lebensmittelrationen. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)

Die Lebensmittelzuteilung reichte nie aus: Moshe Levin dokumentierte auch Menschen, die Mülleimer nach Lebensmitteln durchstöberten oder einen Bettler, der an einer Straßenecke Passanten um Hilfe bat.

Ein Mann sucht während der Blockade Jerusalems in einem Müllemer nach Lebensmittelresten. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)
Ein Einwohner des Viertels Nahlaot während der Blockade Jerusalems. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)
Ein Bettler während der Blockade Jerusalems. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)

Und mitten in all dem ging das Alltagsleben weiter. Moshe Levin dokumentierte auch das Banale, ob es nun während einer Waffenruhe war oder zu anderen Zeiten. Er fotografierte auf der Straße spielende Kinder, seine Frau auf der Jaffa Street und sogar Nonnen, die mit Sonnenschirmen die King George Street entlang gingen. Trotz allem ging das Leben weiter.

Kinder spielen während der Blockade Jerusalems. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)
Kinder auf der Ben Yehuda-Straße während der Blockade Jerusalems. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)
Betty Levy während der Blockade Jerusalems auf der Jaffa Street. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)
Nonnen gehen während der Blockade auf der King George Street in Jerusalem. (Foto: Moshe Marlin Levin; aus der Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels)

Alle Fotos des Artikels sind aus dem Archiv von Moshe (Marlin) Levin, Teil der Sammlung Meitar in der Nationalbibliothek Israels. Moshe Levins Archiv ist kürzlich katalogisiert worden und viele weitere Fotos sind online auf der Internetseite der Nationalbibliothek Israels zur Ansicht verfügbar.

Konnten Sie in den Bildern oben jemanden erkennen? Wenn ja, bitte kontaktieren Sie die Nationalbibliothek Israels.