Was ist aus „Kenne deinen Feind“ geworden?

Im Versuch die Wahrnehmung des israelisch-palästinensischen Konflikts in der Öffentlichkeit zu verändern, machen die Medien einen Unterschied zwischen Radikalen der Hamas und sogenannten „Moderaten“ in der Fatah.

Dr. Yitzhak Dahan, Israel HaYom, 26. Mai 2021

In den 1950-ern und 1960-ern war der Ausdruck „kenne deinen Feind“ in Israel ein geläufiger. Diese Formulierung baute auf der Überzeugung des gesunden Menschenverstands auf, dass die Grenze zwischen Israel und denen, die sich gegen uns verschwören, schärfer gezogen werden muss. Seitdem haben sich die Dinge an dieser Front verschlimmert. In den letzten Jahren sind wir mit Nachrichtenartikeln überflutet worden, deren Subtext lautet: Zeigt Sympathie für den Feind: Der typische Gazaner hat sowohl einen Namen als auch ein Gesicht, eine Ehefrau und Kinder, die er finanzieren muss. Sie leiden und, was wichtiger ist, auch sie sind Menschen. Offensichtlich. Und wenn wir alle Menschen sind, dann erfolgt jede Verletzung unserer Harmonie einzig aufgrund der „Radikalen auf beiden Seiten“.

Diese letzte Bekundung, die in den 2000-ern in Mode kam, ist ein weiterer Beweis dieser Verschlechterung. Darin ist die Vorstellung eingebettet, dass Radikale wie Feuer und Wasser sind, und dabei spielen alte zionistische Fragen keine Rolle, wer im Recht ist und wer nicht oder wer Recht an diesem Land hat. Diese Logik, die die Medienkonsumenten von historischem Wissen freisprechen, hat jetzt Unterstützung durch einen neuen Begriff: „Gewalt“; dieser entstand, um uns von dem „archaischen“ Begriff zu befreien, den man als „Aufruhr“ kennt. Tatsächlich behandeln Reporter, die den Begriff „Gewalt“ verwenden, diesen als pathologisches Phänomen und soziale Abweichung. Im Ergebnis sollen wir mit der Gewalt über anerkannte Methoden aus dem Bereich der Sozialarbeit und der Kriminologie umgehen: Dialog, Dampf ablassen und wirtschaftliches Wohlergehen durch Neutralisierung der kulturellen, historischen, religiösen und nationalistischen Gauner auf beiden Seiten.

Ein weiteres neues Phänomen, das in den 2000-ern aufgekommen ist, ist die Tendenz Mittelsmänner zu informieren, um zwischen „Radikalen“ und „Moderaten“ zu unterscheiden. Journalisten, die dieser Unterscheidung anhängen, machen das nicht rein aus einem Wunsch ihrem Publikum Klarheit zu den Dingen zu verschaffen. Sie hoffen in das kollektive Bewusstsein das Verständnis einzubetten, dass Palästinenser nicht aus einem Guss bestehen; bei ihnen gibt es Moderate – die Fatah – und Radikale – die Hamas. Israel sollte daher schnell einen Handel abschließen, was bedeutet eine territoriale Vereinbarung zu erreichen – mit der Fatah, damit nicht die Hamas die Kontrolle übernimmt.

Ein weiterer klarer Ausdruck des systematischen Versuchs die nationale Widerstandsfähigkeit zu narkotisieren, ist in dem Verschwinden des Konzepts des „militärischen Sieges“ aus der Medienlandschaft zu finden. Diese Informationsvermittler leben in einer Welt, in der das Ethos des Sieges ein Überbleibsel aus der Vergangenheit ist, eines, das sie durch den jämmerlichen Begriff des „Bild des Sieges“ oder Waffenstillstands ersetzt haben. Ohne einen entscheidenden Sieg oder Waffenstillstand muss das Land auf „Loslösung“ hin arbeiten, ein Begriff, der von den Imageberatern des verstorbenen Premierminister Ariel Sharon in der  Hoffnung erfunden wurde die Vertreibung von Juden zu unterstützen. Die Idee hinter diesem Begriff war, dass Israel die freiwillige Vertreibung von Juden aus von den Israelischen Verteidigungskräften erobertem Territoriums als weise Entscheidung betrachten. Das andere Ziel dieser Bewusstseinsingenieure: Territorium von jüdischem nationalem Bewusstsein zu trennen.

Die Medien ordneten den fröhlichen Begriff „Loslösung“ der Vertreibung von Juden aus ihren Häusern zu, während der Begriff „Vertreibung“ genutzt wurde, um die Rückkehr von Flüchtlingen und Eindringlingen in ihre Heimatländer zu beschreiben. Was geschieht, wenn die „Loslösung“ ihr erklärtes Ziel nicht erreicht? Das ist der Punkt, an dem die Eiserne Kuppel eingreift. Viele Journalisten schwärmen wegen dieser Technologie, aber die Eiserne Kuppel ist nichts anderes als eine taktische Lösung für die schwersten strategischen Fehlschläge, in die sie – die Journalisten und insbesondere altgediente Medienpersönlichkeiten – uns alle hineinzogen. Genauso wie die Weisen von Chelm gruben sie uns alle tief hinein, ermutigten aus dem Abseits die Loslösung und als die Zahl der Toten zu steigen begann, bauten sie dann ein Krankenhaus in Form der Eisernen Kuppel.

Es stimmt, die Medien agieren nicht in einem Vakuum; die Regierung, die akademische Welt und der kulturelle Bereich haben Fähigkeiten. Dennoch sind es die Medien, die formen, umschreiben, auslöschen, neutralisieren und Konzepte und Bedeutung zuerkennen. Wie sieht dann ihr Beitrag aus?

Medienforscher tendieren dazu die Medien entsprechend der Fähigkeit bestimmter Medienkanäle zu beurteilen, um die Realität auf zwei Ebenen zu erklären und zu erklären wie und warum etwas geschieht. Ersteres zu beantworten ist relativ, die Antwort auf das Zweite ist komplex und abstrakter. Medien, die die Öffentlichkeit erfolgreich dazu bringen können nicht nur zu verstehen, was passierte, sondern auch warum, könnten als Qualitätsmedien betrachtet werden. Übersetzt in die israelische Realität bedeutet das, dass wir alle wissen, wie wir bei der Eskalation im Gazastreifen landeten. Wir verstehen weniger, warum das geschah.