Ums Überleben gespielt

Kay Wilson, Israellycool, 6. April 2021

Viele Juden Europas haben sich für die Geige als ihr Instrument entschieden. Die Wahl wurzelt in Zweckmäßigkeit. Einem Pogrom mit so etwas wie einem Klavier zu entkommen war viel umständlicher als sich einfach eine Geige zu greifen.

Im Alter von vier Jahren bekam Bronisław Huberman von seinen verarmten Eltern dieses jüdischste aller Instrumente geschenkt. 1901, als er 9 war, spielte er das Violionkonzert in D-Dur (Opus 77) vor dessen Komponisten Johannes Brahms. Sein Werk, das man für unspielbar hielt, hielt das Wunderkind nicht ab. Seine Darbietung war fehlerlos. So begann der Junge aus einer armen Familie seine Karriere und wurde wohl zu einem der größten Violinisten des 20. Jahrhunderts.

Huberman verbrachte die nächsten drei Jahrzehnte damit überall auf der Welt mit renommierten europäischen Musikern zu spielen, was ihn zu einer großen Berühmtheit machte, die dem öffentlichen Interesse von Harry und Meghan heute entspricht. An seinem 50. Geburtstag berichtete die von Stars faszinierte britische Zeitung The Times, die nach einem Knüller suchte, er habe sich versehentlich einen Kratzer an der Hand zugezogen.

Als die dunklen Wolken des Nationalsozialismus in Deutschland aufzogen, begriff Huberman anders als einige andere europäisch-jüdische Intellektuelle, die hofften, Hitler sei nur eine vorübergehende Marotte, dass die aus der Aufklärung geborene jüdische Emanzipation ihr Ende erreicht hatte. In Protest gegen Hitler lehnte er alle Einladungen in Deutschland zu spielen ab und zog stattdessen in die Schweiz. Als Hitler jüdische Musiker aus allen deutschen Orchestern entfernte, nahm Huberman sich vor zu kämpfen: Seine Waffe war die Geige.

Trotz des horrenden Antisemitismus und der Verfolgung schlugen Länder ihre Grenzen für Juden zu. Huberman wusste, dass er etwas tun musste. Er heckte einen Plan aus jüdische Musiker zu retten, mit denen er im Lauf der Jahre gespielt hatte; seine Hoffnung war, dass er sie nach Eretz Yisrael schaffen konnte. Da das Land unter britischer Herrschaft stand, war sein Plan brillant: Er würde das jüdische „Palestine Symphony Orchestra“ formen.

Er reiste durch Europa, um jüdische Musiker vorspielen zu lassen. Da es in jedem Orchester nur begrenzt Plätze gibt, wusste er genau, welches Schicksal die erwartete, die es nicht schafften. Es war mehr als ein Vorspielen. Es war eine unvorstellbare, ungewollte und erschütternde „Selektion“, bei der ein Musiker, der es nicht schaffte, herzerweichend kommentierte, er sei „wegen musikalischer Mittelmäßigkeit zum Tod verurteilt“ worden.

Ohne Geldmittel von außen finanzierte Huberman persönlich die Reise von mehr als 70 Musikern, ihren Eltern, Brüdern und Schwestern, Tanten und Onkeln. Damit rettete er mehr als 800 Juden vor der Hölle, die über Europa hereinbrach.

Yair Haklai, CC BY SA-.0, via Wikimedia Commons

Um den Debut-Auftritt in Eretz Yisrael zu dirigieren brachte er den berühmten italienischen Dirigenten Arturo Toscanini ins Land. Toscanini hatte bereits Mussolini die Stirn geboten, indem er es ablehnte die faschistische italienische Hymne zu spielen und verließ ein Konzert in Deutschland am Tag, an dem Hitler an die Macht kam. Er lehnte auch Bezahlung durch Huberman ab.

Am 26. Dezember 1936 kamen Juden aus dem gesamten Land, um das Palestine Symphony Orchestra im neuen Messezentrum von Tel Aviv spielen zu hören. Die Debut-Vorstellung war aus Europas besten Musikern zusammengestellt. Die Hunderte, die nicht zu den Glücklichen 3.000 mit Eintrittskarten gehörten, hörten dem Konzert einfach auf dem Dach zu. Nach der Gründung des Staates Israel und hunderte Konzerte später änderte das Palestine Symphony Orchestra seinen Namen in die geliebte Institution, als die es heute bekannt ist – das Israeli Philharmonic Orchestra.