Die bizarre wahre Geschichte der ersten Regierung Israels

Sie traf sich in einem Kino, erlebte einen wirklich schrägen Mordversuch, wurde von einer schockierend verschiedeartigen Koalition geführt und endete mit Rücktritt.

Zack Rothbart, the Librarians, 9. Juni 2021

David Ben-Gurion unterhält sich in der Cafeteria der Knesset, 1949 (Foto: Beno Rothenberg)
aus der Meitar-Sammlung, Nationalbibliothek Israels
David Ben-Gurion unterhält sich in der Cafeteria der Knesset, 1949 (Foto: Beno Rothenberg)
aus der Meitar-Sammlung, Nationalbibliothek Israels

Etwa eine Stunde vor dem ersten Zusammentreten der Eröffnungsregierung Israels am 14. Februar 1949 betrat David Ben-Gurion die Jeschurun-Synagoge in Jerusalem. Er machte das, weil er einem prominenten religiös-zionistischen Rabbiner versprochen hatte, das zu tun.

Es war das erste Mal, dass der säkulare Gründungsvater des jüdischen Staates im Land Israel während Gebeten in einer Synagoge gewesen war. Er lebte zu diesem Zeitpunkt bereits rund vierzig Jahre im Land.

Dieses untypische und unpassende Ereignis war vielleicht ein Vorzeichen dessen, was für Israels seltsame und – auf einige Weisen – Mode machende erste nationale Regierung noch kommen sollte.

Abstimmung für etwas anderes

Die Wahlen zu Israels erster Knesset 1949 wiesen die höchste Wahlbeteiligung aller Zeiten auf (etwa 87% der Wahlberechtigten).

Doch die ungefähr 440.000 Menschen, die abstimmten, stimmten überhaupt nicht über die Knesset ab!

Sie stimmten für die „Verfassunggebende Versammlung“, ein Gremium, das vorhatte für den jungen jüdischen Staat eine Verfassung zu schaffen, nicht unbedingt ihn zu regieren.

Wahllokal in Abu Gosch während der Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung 1949.
Foto Keren Hayesod. Aus der Fotosammlung der Familie Pritzker in der Nationalbibliothek Israels

Zwei Tage nach dem ersten Treffen wurde ein von David Ben-Gurion eingebrachter Vorschlag beschlossen und die „Verfassunggebende Versammlung“ wurde als „Knesset“ bekannt.

Israel hat bis heute keine Verfassung.

Die säkulare, sozialistische, ultraorthodoxe, religiös-zionistische, sephardisch-orientale, liberale, arabische Koalition

Die zwei größten Gewinner der Wahl, Ben-Gurions Partei Mapai und Meir Ya‘aris Mapam, waren beide links und säkular, aber dennoch weigerte sich Ben-Gurion Mapam in seine Koalition aufzunehmen; er zog die Einbindung von vier kleineren Parteien vor, die eine ziemlich vielfältige und scheinbar bizarre Gruppe aus Hareidim, religiösen Zionisten, sephardischen Juden, liberalen Säkularisten und Arabern darstellte.

Ben-Gurion hatte aber natürlich seine Gründe diese Partner zu wählen. Es war ihm wichtig, dass Parteien, die unterschiedliche Wählerschaften repräsentierten – besonders etabliertere und traditionelle Gemeinden – auch Teil der ersten Regierung des Landes sein sollten, um ihm eine breitere Legitimität und Unterstützung zu bieten, statt sich einfach auf säkulare Mainstream-Zionisten zu verlassen.

Die nach der Mapai größte Partei der Koalition war die Vereinigte Religiöse Front; sie setzte sich aus vier religiösen Parteien zusammen, die die ganze Spannbreite von der historisch antizionistischen (und später nichtzionistischen) Hareidi Agudat Yisrael über die Poalei Agudat Yisrael bis zu den inbrünstig religiös-zionistischen Parteien Mizrachi und Hapoel Hamizrachi reichten.

Die Vereinte Religiöse Front gewann 16 Sitze und ist bis heute die am breitesten aufgestellte religiöse Partei, die bei Wahlen für die Knesset kandidierte (oder in diesem Fall für die Verfassunggebende Versammlung).

Erste Abstimmung für die Verfassunggebende Versammlung, 14. Februar 1949
(Foto: Martin Levin) – ausd er Sammlung Meitar, Nationalbibliothek Israels

Die als „Sephardim und Orientale Gemeinschaften“ bekannte Partei schloss sich Ben-Gurion ebenfalls an; sie hatte das Ziel für die Interessen ihrer namengebenden Wählerschaft im neuen Staat zu werben. Auch die Progressive Partei kam dazu. Zwar nicht sozialistisch wie die Mapai, war sie ebenfalls weitgehend repräsentativ für sälkular-aschkenasische Juden.

Die kleinste Partei in der Koalition war mit zwei Sitzen die Demokratische Liste Nazareths, angeführt von zwei Arabern aus der Stadt in Galiläa: Seif el-Din el-Zoubi, der in der Haganah gekämpft hatte, und Amin-Salim Jarjora, ein geachteter Pädagoge und Jurist. Die Demokratische Liste Nazareths war mit der Mapai verbunden, Teil von Ben-Gurions Bemühungen zu zeigen, dass Juden und Araber im neuen Staat Israel koexistieren können.

„Leben in einem Film“

Die beliebte hebräische Redensart „in einem Film leben“, wird oft verwendet, um eine unwahrscheinliche, unrealistische oder unglaubwürdige Person, Ereignis oder Situation zu beschreiben.

Wenn die Umstände um die Gründung der „ersten Knesset“ oder ihrer Zusammensetzung nicht ausreichten diese Redewendung darauf anzuwenden, dann könnte es aber das Umfeld ihrer Treffen tun, denn die erste israelische Regierung traf sich in einem Filmtheater.

Ja, ein Filmtheater … und auch noch eines mit dem Namen „Magisches Kino“

Als es 1945 eröffnete, war das Kesem („magisch“ auf Hebräisch) Kino in Tel Aviv das luxuriöseste der Stadt; es hatte mehr als 1.100 gepolsterte Sitze und die führte die internationalen Blockbuster seiner Zeit auf.

Das Knesset-Gebäude, das ehemalige Kesem-Kino in Tel Aviv, 1949 (Foto: Beno Rothenberg);
aus der Meitar-Sammlung, Digitale Sammlung der Nationalbibliothek Israels
Das Innere des Knesset-Gebäudes, des hemaligen Kesem-Kinos in Tel Aviv, 1949 (Foto Beno Rothenberg);
aus der Meitar-Sammlung, Digitale Sammlung der Nationalbibliothek Israels

Das Leben des Gebäudes als Kino war allerdings kurz.

Mit Gründung des Staates Israel 1948 wurde das Kesem umfunktioniert, um als Hauptsitz für die israelische Marine zu dienen.

1949 wurde es zum Parlamentsgebäude, da die Knesset sich dort den größten Teil ihres Eröffnungsjahres traf. Es mag zwar seltsam erscheinen, dass ein gesetzgebendes nationales Gremium sich in einem Filmtheater trifft, aber angesichts des Mangels an großen Versammlungshallen und der Tatsache, dass das Kesem relativ neu, geräumig und zentral gelegen war, machte es sogar eine Menge Sinn, dass das „Magische Kino“ die erste Knesset beherbergte

Zusätzlich zu laufenden Knesset-Sitzungen war das Kesem auch Ort eines bizarren, beinahe erfolgreichen Versuchs David Ben-Gurion zu ermorden; Täter war ein umnachteter Kibbuz-Hirte, der einfach mit einer automatischen Waffe und einem Koffer voller Flugblätter, auf denen er seine Pläne für die Herbeiführung des Weltfriedens gedruckt hatte, in das Kinogebäude marschierte.

Ein Polizist mit dem Koffer und der Schusswaffe des gescheiterten Attentäters, veröffentlicht in Ma’ariv, 13. September 1949.
aus der digitalen Sammlung der Nationalbibliothek Israels

Obwohl er behauptete, er habe in der Knesset Selbstmord begehen wollen, um seinem Plan Aufmerksamkeit zu bringen, erzählten einige zeitgenössische Berichte, dass der Möchtgern-Mörder schrie: „Ich werden Ben-Gurion töten!“, nachdem er zu Boden gebracht worden war.

Das Ende

Israels erste Regierung hielt danach nicht mehr lange – sie endete ziemlich abrupt (und absurd), als Ben-Gurion am 15. Oktober 1950 zurücktrat.

Der Grund?

Er wollte einen neuen Minister für Handel und Industrie ernennen und gemäß den damaligen Regeln erforderte die Ernennung eines neuen Ministers, dass die gesamte Regierung zurücktrat…

Diese Regel wurde bald gerichtet, aber die nächsten von Ben-Gurion geführten Regierungen hielten auch nicht lange. Er trat Anfang 1951 erneut zurück, dann wieder 1952 und im folgenden Jahr noch einmal.

David Ben-Gurion am ersten Tag der verfassunggebenden Versammlung, 14. Februar 1949 (Foto: Martin Levin)
aus der Meitar-Sammlung, digitale Sammlung der Nationalbibliothek Israels

Die Bedeutung der Gründung einer ersten funktionsfähigen Regierung – egal, wie kurzlebig sie war – kann nicht unterschätzt werden. Ben-Gurion und seine diversen politischen Verbündeten verdienen beträchtliche Anerkennung dafür.

In vieler Hinsicht bereitete diese eher seltsame erste Regierung auch die Bühne dafür, dass die politische Landschaft des Landes seitdem „in einem Film lebt“.