Die Ecke des Historikers: Zivilisatorischer Tod oder Erneuerung?

Victor Davis Hanson, Private Papers, 27. Juli 2021

Der Palast von Knossos, Ruinen der minoischen Kultur (Bild von Wladimir Timofejew @ Getty Images)

Die Geschichte steckt voller Beispiele für Gesellschaften, die entweder implodierten oder durch interne wie externe Kräfte zerstört wurden – aber auch von solchen, die sich derartigen Gefahren stellten und das durchstanden.

Leben oder Tod?

Es gibt weiter Kontroversen, warum das Weströmische Reich Ende des 5. Jahrhunderts auseinanderbrach, während das Östliche Reich in Konstantinopel überlebe und als das fortbestehen sollte, was als Byzantinisches Reich 1.000 Jahre lang als Außenposten der Christenheit im Osten bekannt wurde. Natürlich hatte Rom weniger verteidigungsfähige Grenzen als Konstantinopel, das vom Meer umgeben war und dessen Geografie als Ventil zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer diente.

Religiöse Spaltungen und Irrlehren waren im Westen vielleicht alltäglicher als im Osten. Und mindestens bis zum Aufstieg des Islam war die Heftigkeit marodierender nördlicher und nordöstlicher Stämme – Hunnen, Goten, Vandalen – für Italien eine größere Bedrohungen als für Kleinasien. Das Griechisch sprechende östliche Reich war Jahrhunderte lang als die ältere, gelehrtere und vielleicht reichere Region des Mare Nostrum verehrt worden als die späteren Hinzufügungen Nordafrika und Westeuropa. Vielleicht erwiesen sich „Unnachgiebigkeit“, stärkeres Festhalten an Tradition, die einheitlichere Religion und eine Garnisonskultur nach dem Fall des Westens allesamt existenzfähiger als westlicher Ökumenismus.

Hochentwickelte, aber kopflastige hierarchische Gesellschaften – der Nahe Osten, das minoische Kreta, das mykenische Griechenland oder die Azteken in der Neuen Welt – waren besonders anfällig für Herausforderungen von außen, seien sie natürlich oder menschgemacht. Wann immer Wissen der Eliten in Naturwissenschaften, Regierung, Landwirtschaft, Schifffahrt und Verwaltung nicht weit verbreitet sind oder wenn eine Mittelklasse stagniert oder nicht existiert, dann sind solche Zivilisationen besonders anfällig für Enthauptung. Schalte die Herrscher-Clique von Knossos, Mykene, Pylos oder Tenochtitlan aus und das ist vielleicht vergleichbar mit dem Zertrümmern des Kopfes eines Oktopus und zuzusehen, wie seine Tentakel erschlaffen.

Die Vielen und die Wenigen

Wir alle machen uns Sorgen, dass wir übermäßig zentralisiert werden. Es gibt nur etwa 10 Millionen von 330 Millionen Amerikanern, die in den Naturwissenschaften, Ingenieurwesen, Medizin und Wirtschaft unsere Vorrangstellung sicherstellen. Die Meisten wissen nicht nur nicht, wer sie sind oder was sie tun, sondern nehmen auch an, dass ihr eigenes Leben auf Autopilot läuft, ohne Wertschätzung für die paar Millionen im Schatten, von denen Amerikas Sicherheit und Wohlstand manchmal abhängen.

Wenn ich von der Tragödie und zivilisatorischen Krankheit der 700 jedes Jahr in Chicago Ermordeten lese, denke ich in der Regel an tausende, die jedes Jahr auch in die Notaufnahme kommen und gerettet werden, von brillanten Chirurgen, Technikern und Pflegern aller Rassen und Hintergründe, mit großen Kosten für die Stadt, den Bundesstaat und das Land. Das sind die, die ansonsten in ruhigeren Zeiten von genau den Patienten, die sie retten, als Nerds abgeschrieben oder ausgenutzt würden.

Zu vielen Zeitpunkten in unserer Geschichte, besonders von 1861-65, 1929-38, 1941-45 und 1967-71 gab es Zweifel am Überleben von Amerika, ob wegen des internen Gemetzels des Bürgerkriegs, der Großen Depression, des nicht Vorbereitet seins darauf, dass die USA tödlichen Achsen-Feinden gegenüber stand und die Kulturrevolution der Sechziger. Ich würde heute die Woke-Epidemie von 2020/21 – die viel weniger gewalttätig ist – als mindestens vergleichbar gefährlich für den Staat dazu rechnen, wie das Chaos in Corcyra 427 v.Chr. oder die zivile Gewalt in Konstantinopel während der niedergeschlagenen Nika-Krawalle oder die Jakobiner-Terrorherrschaft 1793/94.

Wir befinden uns nicht nur einer politischen, sondern auch einer kulturellen Revolution, die unsere Grunddaten, unsere grundlegenden Dokumente, unsere grundlegenden Ikonen, Traditionen und Bräuche zerstören und ersetzen will, unter der Prämisse, dass wir zwar die freieste, fairste, reichste und müßigste Zivilisation der Geschichte, aber immer noch mangelhaft und nicht perfekt und daher nicht gut sind – als ob unsere Moral von 1776 schon so fortschrittlich hätte sein müssen wie unsere Technologie von 2021.

Die gefährlichste aller Entwicklungen ist jedoch der aktuelle Rückfall in den Tribalismus. Bisher haben wir das weitgehend als neue Ablehnung von Martin Luther Kings Traum einer integrierten und assimilierten Gesellschaft betrachtet, in der Rasse irrelevant geworden ist, jedenfalls verglichen mit dem individuellen „Inhalt unserer Charaktere“.

Das alte, immer alte Lied: Von der Sklaverei über Jim Crow und Affirmative Action zu Woke

Wie seltsam, dass die Partei des demos, die Demokraten, zwischen 1860 und 1970 der Verkünder des Rassen-Tribalismus war (wie in der hinterhältigen Erscheinungsformen des Rassismus von Woodrow Wilson oder in seiner extremen Hässlichkeit des George Wallace und Lester Maddox). Dann zwischen 1970 und 2020, also die nächsten 50 Jahre lang, wurden die Demokraten fast so rassenfixiert wie der Dreh- und Angelpunkt der Great Society.

Affirmative Action bestand darauf, dass Rasse, nicht Klasse, eine großartige Voraussetzung für Wiedergutmachungsmaßnahmen des Bundes sei. Demokraten erfanden die moderne Version der proportionalen Repräsentation und der unterschiedlichen Wirkung. Es waren die verqueren Vorstellungen, dass, wenn ein begehrter Beruf oder die Zulassungspolitik einer Universität die Rassenzusammensetzung des Landes insgesamt nicht widerspiegelte (allerdings war alles von der Post bis zum Profisport von solchen Verordnungen ausgenommen), dann Rassismus Teil davon und Abhilfemaßnahmen nötig waren.

Und jetzt werden in unserer Woke-Revolution auch die Anstrengungen von fünfzig Jahren zum Fehlschlag erklärt und auch das wieder von Demokraten. Um Rassismus aufzuhalten und „antirassistisch“ zu werden, muss man jetzt genauso auf Rasse fixiert und rassistisch werden. Proportionale Repräsentation hat Platz gemacht für Wiedergutmachungsmaßnahmen. Von Colleges wird heute nicht erwartet Afroamerikaner aller Klassen und Familieneinkommen nicht nur zu 12 Prozent ihrer Einkommensklassen zuzulassen, sondern vielleicht 15 bis 20 Prozent, um die Diskriminierung „auszugleichen“, die weitgehend durch ihre eigene Partei einen Großteil der Zeit ihrer Existenz gezeugt und angeheizt wurde.

Werden wir die Wokeness überleben? Nicht, wenn rassischer Tribalismus zu den Normen des ehemaligen Jugoslawien oder Ruanda zurückkehrt. Nicht, wenn Leistung als manipulierter Rassismus abgeschrieben wird. Nicht, wenn die Durchsetzung des Gesetzes von der Rasse des Kriminellen kontextualisiert wird, und nicht, wenn 30 Prozent der Bevölkerung, die die akademische Welt, Unterhaltung, Profisport, große Finanzwelt- und Konzernvorstände zusammen mit den traditionellen, sozialen und Internetmedien, die Stiftungen, das Schulsystem und die Regierungsbürokratien kontrollieren, allesamt die öffentliche Meinung abwürgen und öffentliche Meinungsäußerung unterdrücken.