Als im Land Israel Speiseeis verboten war

Warum war es den Einwohnern des Mandats Palästina drei ganze Jahre lang verboten Speiseeis zu essen?

Amit Naor, the Librarians, 20. Juli 2021

Yardena Herzberger genießt ein Eis. (Foto: Hanan Herzberger, Bitmuna-Sammlung, Nationalbibliothek Israels)

Im Frühjahr 1942 kündigten die Schlagzeilen in allen englischen, hebräischen und arabischen Tageszeitungen des Mandats Palästina das lokale Verbot von Produktion, Verkauf und Verteilung von Speiseeis ab dem 1. Mai an. Die Einwohner würden nicht länger in der Lage sein ein Hörnchen Eis am Strand oder eine Kugel zu einem Stück warmen Schokoladenkuchen in einem örtlichen Café zu genießen. Kein Schokolade, Vanille oder Pistazie mehr. Ab jetzt gab es nur noch Zitrone, Weintraube und Ananas.

Die Gründe für diese strenge Anordnung hatten mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, der sich zu dieser Zeit auf seinem Höhepunkt befand, wobei die Kämpfe beinahe die Grenzen des Landes Israel erreichten. Deutsche Streitkräfte unter Feldmarschall Erwin Rommel, dem „Wüstenfuchs“, eilten über den Sand Nordafrikas und drohten Ägypten zu besetzen, wo britische Streitkräfte stationiert waren. Im Mandat Palästina waren Vorbereitungen für eine mögliche Invasion der Nazis im Gang. Im Fall einer solchen Katastrophe plante die jüdische Gemeinschaft sogar eine letzte Verteidigung am Berg Karmel.

Aber was hat das alles mit einem gefrorenen Dessert zu tun? Hatten die Juden nicht schon genug gelitten? Warum verhinderte eine Bedrohung durch Nazis, dass die Menschen im Land Israel einen Bissen Speiseeis genießen? Die Antwort liegt in der globalen Knappheit von Rohstoffen. Fakt ist: Hinter dem Verbot steckte die Versorgungsbehörde des britischen Mandats. Für die großen Mengen an Milch und Zucker, die für die Herstellung von Speiseeis benötigt werden, gab es grundlegendere Verwendung – zumindest in den Augen der Behörden. Das Verbot der Herstellung von Speiseeis sollte bis zum Ende des Krieges bestehen bleiben. Vergessen Sie nicht, dass Mitte 1942 noch niemand wusste, wie lange der Krieg dauern würde.

The Palestine Post, 22. April 1942

Was war mit der Öffentlichkeit? Die nahm das Verbot nicht leicht. Den Bemühungen der Medien zum Trotz die Bürger zu überzeugen, dass nicht milchige Ersatzstoffe genauso gut schmeckten, stimmte nicht jeder zu. Es stimmt, dass auch andere Lebensmittelprodukte rationiert, ihre Produktion eingeschränkt und während der Kriegsjahre überwacht waren, aber das Speiseeisverbot war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Einschränkungen sorgten sogar für Aufregung bei den Auslandskorrespondenten und Journalisten im Land, die ihren Lesern Zuhause darüber berichteten. Einer der Reporter schrieb über das Desaster: „Das ist die schlimmste Widrigkeit, die das Heilige Land noch erfahren musste.“

Eine „Anzeige“ für die Nifla [„Wunderbar“] Eismischung. Der hebräische Text beschreibt das Produkt als „Speiseeis-Pulver“, das in den Geschmacksrichtungen Vanille, Zitrone, Ananas, Mokka, Schokolade und Erdbeere verfügbar war. Poster-Sammlung in der Nationalbibliothek Israels.

Andere verstanden die Notwendigkeit den Gürtel in so schwieriger Zeit enger zu schnallen. Der jiddische Schriftsteller Zusman Segalowitsch veröffentlichte in der Zeitung HaBoker am Morgen, des Inkrafttretens des Verbots, eine Kolumne. Darin schrieb er: „Ab heute ist es verboten Speiseeis zu produzieren und zu essen. Das ist eine Anordnung. Ein Gesetz, das wir befolgen müssen, besonders in einer Zeit, in der in der Welt ein solcher Kampf ausgetragen wird. Das ist keine Katastrophe, man kann eine Zeit lang ohne Speiseeis auskommen. … Ich persönlich bin kein großer Fan, obwohl ich hin und wieder einem süßen Leckerbissen nicht abgeneigt bin. Aber in der Theorie denke ich, dass Speiseeis etwas sehr Notwendiges ist, etwas Gutes und Süßes und Nützliches, auch etwas Internationales, die einzige Internationale [ein Spiel mit Die Internationale, der Hymne der Linken, da das Verbot am 1. Mail in Kraft trat, dem Internationalen Tag der Arbeit], die Süßes und Frieden hat.“ Zusman fuhr mit Erinnerungen zu einem Café fort, das er in Polen kannte, das ausgezeichnetes Speiseeis anbot. Er versuchte seine Kolumne mit einer hoffnungsvollen Anmerkung zu beenden:

Es ist keine Katastrophe, dass Speiseeis vorläufig verboten worden ist. Das ist vorübergehend. Es ist nur wegen des Kriegs und der Krieg wird genau deshalb geführt, damit die Leute in Frieden Eis essen können. Der Krieg wird enden und dann werden die Leute wieder Dinge für sich finden, die angenehm und nützlich sind und ist das nicht die Logik des Lebens? Die Menschen werden den wahren Lebensweg finden müssen, jeder für sich, den Weg zu Schönheit und den Weg zu noch schmackhafterem Speiseeis.

Die Belohnung der Erde ist voller Güte, Früchte, die man gut essen kann und Schönheit, die betrachtet werden kann. Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen, Bananen, Weintrauben, Mandeln, Aprikosen und Orangen. Immerhin kann aus all diesen Eis gemacht werden. Und Schokolade und Kakao, Milch und Sahne – jede Menge köstlicher Zutaten für Speiseeis. Und die Weisen werden endlich zugeben müssen, dass die guten Dinge in der Welt allen gehören und mit gutem Willen alles ehrlich geteilt werden kann. Alles für alle!

Der Geizhals wird wie ein trockener Halm auf dem von ihm angesammelten Gold verdorren. Aber Bäume werden blühen und grünen, die Erde wird Lebensmittel liefern, die Sonne wärmen. Und die Menschen werden mehr Eis kosten … alles wird wieder gut sein.

Zeitgenössische Karikatur: Eine Familie auf dem Weg zum Café muss den Zucker selbst mitbringen. Ha’aretz, 24. Juli 1942

Die Speiseeis-Knappheit brachte nicht nur philosophische Betrachtungen hervor, sondern auch Praktischeres. Am 30. April 1942, dem letzten Tag, bevor das Eiskremverbot in Kraft trat, waren Cafés und Eisdielen ein sehr beschäftigt. „Ungewöhnlicher Verkehr in Cafés“ berichtete die Zeitung HaMaschkif unter Verweis auf die „Lecker“, die die letzte Chance nutzten sich vom Speiseeis zu verabschieden.

„Letzter Tag zum Essen von Eiskrem“, schrien die Schlagzeilen. Ha’aretz, 30. April 1942

Natürlich erforderte eine solche Maßnahme eine Zeit der Anpassung. Verschiedene Händler versuchten die Herstellung von Speiseeis mit den knappen, ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln fortzusetzen, neben den Fruchtsorbets, deren Herstellung wie üblich weiterging. Andere betrieben offenbar gesetzeswidrige Profitmacherei mit Rohmaterialien, die zur Herstellung von Speiseeis verwendet werden und manche versuchten das vor Gericht durchzusetzen. Zusätzlich zu diesen Verwicklungen kam noch die Tatsache, dass die britische Armee und andere Streitkräfte, die an ihrer Seite kämpften, weiterhin die Versorgung mit allen Sorten an Speiseeis gestatteten.

Palestine Post, 6. Mai 1942

Es lohnt sich festzuhalten, dass das Verbot an sich gerechtfertigt war. Nach Angaben von Berichten sagten die Behörden voraus, dass bereits in der ersten Woche des Verbots 400t Zucker und 600t Milch gespart würden. Die Zuckermenge entsprach in etwa der Menge, die ganz Tel Aviv fünf volle Monate lang geliefert wurde.

Eine Frau leckt 1950 auf der Allenby-Straße an einem Eiskrem-Hörchen (Foto: Boris Carmi, aus der Meitar-Sammlung, Nationalbibliothek Israels)

Schließlich ging, wie jeder weiß, der Zweite Weltkrieg mit einem Sieg der Alliierten über die Nazis und ihre Komplizen zu Ende. Die Endphase des Krieges erlebte die Aufhebung des drakonischen Verbots der Herstellung und des Verkaufs von Speiseeis im Mandat Palästina. Im Gegensatz zu dem, was man hätte erwarten können, wurde der Rückkehr des Speiseeises nicht mit spontanen Tänzen auf der Straße begegnet. Schon im Februar 1945 gaben sich die Zeitungsverlage mit kurzen Berichten aus zwei bis drei Zeilen Text zufrieden, um ihre Leser zu informieren, dass Speiseeis im Land Israel wieder verzehrt werden könne. Ein paar Monate später, als Nazideutschland schließlich besiegt war, beschloss der Stadtrat von Kfar Saba eine gebührende Feier, indem 1.000 kostenlose Eisportionen an die lokalen Schulkinder verteilt wurden. Mit Wiederherstellung des Friedens konnte der Geschmack echten Speiseeises wieder genossen werden.

Nati Gabay an der Vorbereitung des Artikels beteiligt.