Gedankenverlorenes Territorium: Wir von Human Rights Watch sind so um Afghanistan besorgt, dass wir eine ganze Stunde nichts zu Israel getwittet haben

PreOccupied Territory, 1.September 2021

Was in Afghanistan passiert, ist so entsetzlich wie es zu verhindern war, was die Tragödie noch verschlimmert. Die Sorge unserer Organisation bezüglich der jüngsten Entwicklungen dort hat sie bis zu dem Punkt gesteigert, dass sich einen Tag vor zwei Wochen und erneut letzten Freitag unser offizieller Twitter-Account volle 60 Minuten lang ausschließlich darauf konzentrierte, mit kaum einer Botschaft, die in dieser Zeit Israel diffamierte. So ernst nehmen wir diese Ereignisse.

Unter normalen Umständen behalten wir bei Human Rights Watch einen laserartigen Fokus auf das bei, was wirklich wichtig ist, d.h. das satanische, ekelhafte Wesen des einzigen jüdischen Staats der Welt, wie er von Gegnern der jüdischen Selbstverteidigung und Souveränität beschrieben wird, die wir liebend gerne ohne kritischen Blick auf ihre Arbeit beschäftigen. Gelegentlich gibt es allerdings irgendwo anders als in Palästina eine Entwicklung, die in ihren Folgen für die Menschenrechte derart bedeutsam und umwälzend ist – ich weiß, das ist irre, nicht wahr? – dass die Glaubwürdigkeit fordert, dass wir sie mit mehr als symbolischer Sympathie ansprechen, die wir sporadisch für Juden äußern, die es besser wissen müssten als so jüdisch zu sein.

Das letzte Mal, an das ich mich erinnern kann, dass es einen Zeitraum von 60 Minuten ohne israelfeindlichen Tweet von HRW gab – weder vom offiziellen Account, von meinem beruflichen Account oder dem unserer besonders fokussierten Rechercheure, von denen, das wüssten Sie, kein einziger dem fortdauernden Menschenrechtsdebakel gewidmet ist, das in Afghanistan seit mehr als 45 Jahren im Gang ist – war, als Twitter 2015 einen schweren Ausfall hatte. Sie können aber wetten, dass wir diese Trockenzeit in den folgenden Stunden wieder gut machten. Wir konnten unsere saudischen, qatarischen und wer weiß noch anderen Spender nicht glauben lassen, dass wir bei unserem Kernthema weich geworden wären.

Sollte die Welt den Fokus auf Palästina als zentral anregendes Thema unserer Zeit verlieren, dann könnte es irgendwo sonst in der Welt echte, bedeutungsvolle Veränderung geben und das würde die gesamte Weltordnung untergraben, die unsere Organisation unterstützt. China, Nigeria, Russland, Belarus, Myanmar, Pakistan, Iran, Afghanistan, Kuba, Jemen, Libanon, Syrien, Venezuela – all diese Länder stehen vor immensen Menschenrechtsproblemen, die sie verewigen und die, sollte die Welt ihnen angemessene Aufmerksamkeit widmen, im Handumdrehen angesprochen werden könnten – was genau das ist, was unsere wichtigsten Geldgeber vermeiden wollen. Können Sie sich Transparenz zu Unterdrückung der freien Presse in der Türkei vorstellen? Wir auch nicht, wenn wir wissen, was für unsere Bankkonten gut ist.

Also ja, eine ganze Stunde. Es war entsetzlich.