Der ewige Jihad

Verstehen, was wirklich in Afghanistan geschah

Raymond Ibrahim, FrontPage Mag, 2. September 2021

Obwohl der 15. August 2021 als das Datum, an dem die Taliban Afghanistan zurückeroberten, für immer als Schande bleiben wird, war das Datum 13 Jahrhunderte lang wegen eines anderen Ereignisses berühmt – weil Konstantinopel das Kalifat am 15. August 718 besiegte. Diese zwei Ereignisse, durch genau 1.303 Jahre getrennt, sind zwar äußerst unterschiedlicher Natur – nicht zuletzt weil der Islam 718 verlor, während er 2021 gewann – aber sie bestätigen beide den einen unwiderstehlichen Punkt, den der verträumte Westen sich zu Herzen nehmen sollte: Die Hartnäckigkeit des islamischen Jihad – diese unnachgiebige Schlange des Krieges, die immer auf ihre Zeit wartet, selbst wenn sie dazu viele Jahrhunderte lang aufgerollt bleibt, bevor sie zuschlägt.

Betrachten Sie das erste Ereignis. 718 schlug das Oströmische Reich („Byzanz“) auf dramatische Weise die Araber zurück. Es war ein solch spektakulärer Sieg und die muslimischen Verluste waren derart hoch, dass sich die Kalifate viele Jahrhunderte lang nicht wagten einen weiteren Vorstoß gegen die Mauern Konstantinopels zu unternehmen.

Anders ausgedrückt: Viele Jahrhunderte lang nach dem Jahr 718 hätte jeder, der in Konstantinopel lebte, gedacht – und es wäre gerechtfertigt gewesen so zu denken – dass die islamische Bedrohung, wie immer sie andernorts aussah, deutlich hinter ihm liegt.

Und doch war sie Anfang des 15. Jahrhunderts – 700 Jahre nachdem die Menschen von Konstantinopel gedacht hatten, sie würden vom Jihad nichts mehr sehen – wieder da, belagerte sie und die Stadt fiel schließlich am 29. Mai 1453 an den Islam.

Bedeutender ist: Diejenigen, die Konstantinopel 1453 belagerten und eroberten, hatten wenig mit denen zu tun, die es im achten Jahrhundert belagerten. Damals waren es Araber unter dem Omajjaden-Kalifat mit seinem Zentrum in Damaskus. Diejenigen, die Konstantinopel tatsächlich eroberten, waren Türken, Adrianopel (heute Edirne) war ihre Hauptstadt.

Oberflächlich gibt es keine Verbindung oder Kontinuität zwischen denen, die im achten Jahrhundert die Eroberung versuchten, und denen, die Konstantinopel im fünfzehnten Jahrhundert eroberten – außer natürlich eine: Beides waren Muslime und beide artikulierten ihre Feindschaft gegenüber Konstantinopel und die Notwendigkeit es zu erobern in eindeutig jihadistischen Begriffen: Wie jeder andere Ungläubige hatte das christliche Königreich zwei Alternativen: sich dem Islam zu unterwerfen – was es ablehnte – oder zu kämpfen.

So lag der Jihad zwar im achten Jahrhundert am Boden, aber er war doch nie ausgezählt. Er wartete ab, während Imperien aufstiegen und stürzten und offenbarte sich schließlich wieder in Gestalt der jüngsten Neuankömmlings auf der Bühne der Eroberung der Welt, den Türken (die, was die Ironie noch steigert, den Jihad stärker verehrten und praktizieren als ihre arabischen Vorgänger).

So betrachtet waren Konstantinopels Todfeind niemals wirklich die Araber oder die Türken; es war der Islam, der, während er in den Jahrhunderten dazwischen Hochs und Tiefs erlebte, seine Anhänger – zuerst Araber, dann Türken – zu existenziellen Feinden machte, die sich dem Abschlachten und der Unterwerfung von Ungläubigen hingeben, wann immer das möglich ist.

Bedenken Sie jetzt, welchen Bezug diese „uralte“ und „ferne“ Geschichte zu den jüngsten Ereignissen hat. 2005, auf der Höhe des US-Siegs in Afghanistan, als sowohl Al-Qaida als auch die Taliban so gut wie ausgerottet waren, wurde Ayman al-Zawahiri (der aktuelle Führer der Al-Qaida) zum Status der beiden Organisationen gefragt, die im Einsatz verloren gegangen waren. Seine folgende Antwort hat sich nach dem 15. August 2021 als wahr erwiesen:

Jihad auf dem Weg Allahs ist größer als jeder Einzelne oder Organisation. Er ist ein Kampf zwischen Wahrheit und Falschheit, bis Allah, der Allmächtigte, die Erde und diejenigen, die auf ihr leben, übernimmt. Mullah Mohammed Omar und Scheik Osama bin Laden – möge Allah sie vor allem Übel schützen – sind lediglich zwei Soldaten des Islam auf der Reise des Jihad, während der Kampf zwischen Wahrheit [Islam] und Falschheit [Nicht-Islam] über die Zeit hinausgeht (Al Qaeda Reader, S. 182, Hervorhebung hinzugefügt)

Bedenken Sie ebenso, was Mohammed Arif Mustafa, ein Talibankommandeur, erst letzte Woche sagte:

Eines Tages werden die Mudschaheddin den Sieg haben und das islamische Gesetz wird nicht nur nach Afghanistan kommen, sondern in die ganze Welt. Wir haben keine Eile. Wir glauben, er wird eines Tages kommen. Der Jihad wird nicht vor dem letzten Tag enden. [Hervorhebung hinzugefügt]

Bedenkt man den Zustand der Welt, die aktuelle militärische und wirtschaftliche Dominanz des Westens und die allgemeine Schwäche der muslimischen Welt, dann klingen solche Behauptungen sicherlich lachhaft. Wie gesehen hat die Zeit hingegen eine Art die Tische zu drehen und was einst unmöglich schien unmittelbar bevorstehend zu machen.

Kurz gesagt: Solange der Islam existiert, mag der Jihad am Boden liegen, aber er ist niemals ausgezählt. Es mag Jahre dauern, Jahrzehnte und Jahrhunderte; sein Name und seine Gestalt mögen sich seit den arabischen Kalifaten des achten Jahrhundert über die türkischen Sultanate des fünfzehnten Jahrhunderts bis zu der lockeren Mischung aus ISIS, Al-Qaida, Taliban, Hamas, Hisbollah, Boko Haram, al-Schabaab usw. des 21. Jahrhunderts verwandeln und verändern – aber er ist immer vorhanden, oft schlummernd, ja, jedoch immer bereit bei der ersten sich ergebenden Gelegenheit zuzuschlagen.

Wie wird er genannt werden, welche Gestalt und welche neuen Überfälle wird er in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten wird er annehmen?

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