Wie sahen Christen die Zerstörung Jerusalems?

Diese 500 Jahre alte Karte, die die Zerstörung des Tempels darstellt, wie sie von Christen erlebt wurde, ist ein seltener Fund.

the Librarians, Nationalbibliothek Israels, 19. Juli 2018

מפת שדל לתיאור חורבן בית המקדש – 1493
Die Schedel-Karte stellt die Zersötrung des Tempels dar – 1493.

Im Gedenken an den 9. Av, den Tag der Trauer und des Fastens, der die Zerstörung des Tempels begeht, präsentiert die Nationalbibliothek Israels diese historische Landkarte, die in Hartmann Schedels großer Weltchronik abgedruckt wurde. Die Chronik, ein frühes modernes Buch, 1493 in Nürnberg veröffentlicht, war ein ambitioniertes Vorhaben. Es beinhaltete einen Überblick der Weltgeschichte von der Schöpfung der Welt bis zu der damaligen Zeit. Das Buch bietet eine Fülle an Illustrationen, die von führenden zeitgenössischen Künstlern gezeichnet wurden und war nur durch die Erfindung der Druckerpresse möglich.

Die Karte illustrierte die Zerstörung Jerusalems und stellt den Tempel dar, wie er in Flammen aufgeht. Dies ist jedoch keine Illustration Jerusalems während der Zeit des zweiten Tempels und eine Beschreibung der dort lebenden Juden. Es ist vielmehr der Druck eines Stichs der christlichen Stätten Jerusalems neben dem Tempel, typisch für das 14. und 15. Jahrhundert.

Es fasziniert allerdings, dass der die Karte begleitende Text die Geschichte der Zerstörungen in Jerusalem beschreibt – zuerst die Zerstörung des ersten Tempels durch Nebukadnezar, die Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus, die geplünderten Tempelgefäße, die Exekution von Schimon bar Giora in Rom und schließlich wie aus Jerusalem Aelia Capitolina gemacht wurde, die auf den Ruinen der heiligen Stadt errichtete römische Kolonie. Der Autor des Textes berichtet, dass die Stadt später kurze Zeit von anderen westlichen und Kreuzritter-Königen gehalten wurde (von Karl dem Großen, dem Deutschen Konrad III. und dem Franzosten Ludwig XI.) – aber sie schafften es nicht sie lange gegen die Armeen des Islam zu halten. Nach Angaben des Autors befand sich die Stadt 1493 unter der Kontrolle der Bataillone Mohammeds, die Schedel als „eine Nation der Sünde“ bezeichnet.

Die frühere Kuratorin der geisteswissenschaftlichen Sammlung in der Nationalbibliothek, Dr. Mila Levy-Rubin, erklärte, dass die Christen zwar die Zerstörung des Tempels als überzeugenden Beweis des Siegs des Christentums über das Judentum betrachten, aber dieser Text nicht nur frei von jeglicher Schadenfreude wegen der Zerstörung des Tempels ist, sondern im Gegenteil. „Es scheint so, dass die Zerstörung des Tempels – der in der Illustration als „Salomos Tempel“ bezeichnet wird – und die Zerstörung der Davidstadt der Grund für die Trauer des Autors ist. Das bezeugt die Tatsache, dass der Tag des 9. Av auch von Christen als Tag von Trauer und Leid wegen der Zerstörung der heiligen Stadt gesehen wird“, erklärt Dr. Levy-Rubin.